Initiative Pro Netzneutralität

Experten fordern US-Behörden auf, das weltweit am häufigsten eingesetzte Herbizid neu zu bewerten

20.02.2016 00:13

Autor: Brian Bienkowski für Environmental Health News, 17.02.2016
Übersetzung: BrunO




© Foto: Oregon Department of Agriculture CC: BY-NC-ND via flickr 
Historische Aufnahme, Pendelton, undatiert. Getreideanbau, Sprayen von Agro-Chemikalien.


Ein am Dienstag (16.02.2016) veröffentlichtes wissenschaftliches Gutachten warnt, daß der Einsatz von Glyphosat extrem zugenommen habe und in den 20 Jahren seit der Einführung von gentechnisch manipulierten Nutzpflanzen ("Roundup Ready"/für Roundup vorbereitet) auf das Fünfzehnfache angestiegen ist. Die Gesundheitsbehörden der Regierung haben nach ihrer Ansicht versagt genau zu überwachen, wieviel des Herbizids in die Nahrung und die Körper der Menschen gelangt und welche Folgen das für unsere Gesundheit haben könnte.

"Es ist an der Zeit, Wissenschaft und Regulierungsbehörden der Welt aufzufordern, einen neuen, umfassenden Blick auf Glyphosat zu werfen, da jeder auf diesem Planeten damit belastet ist oder belastet werden wird", sagt Senior-Autor Charles Benbrook, ein Agro-Ökonom und Berater der Benbrook Consulting Services.

Wie aus dem Gutachten hervorgeht, nahm der Einsatz von Glyphosat als Bestandteil von Herbiziden seit seiner ersten Verwendung in den 70er Jahren exponentiell zu. Die im Journal "Environmental Health" veröffentlichte Studie wurde von 14 überwiegend universitären Gesundheitsforschern verfaßt. Pete Myers, Gründer und Chefwissenschaftler von Environmental Health Sciences und Herausgeber von EHN.org, war der Hauptautor des Berichtes.

Glyphosat, als Roundup am allerbesten bekannt, jedoch unter einer Vielzahl an Markennamen auf dem Markt, ist die am meisten verwendete landwirtschaftliche Chemikalie der Weltgeschichte. Weltweit wurden seit 1974 grob 9,4 Millionen Tonnen der Chemikalie auf Felder gesprüht. Fast 75 Prozent dieses Einsatzes fand nach einem anderen Bericht, den Benbrook bereits in diesem Monat (Februar 2016) veröffentlicht hat, in den letzten 10 Jahren statt.

Diese Zunahme bedeutet nach Aussage der Wissenschaftler, die sich mit diesen Daten befaßten, daß die Benchmarks und Grenzwerte der Regierung dem tatsächlichen Belastungsrisiko hinterher hinken. Das gilt gleichermaßen für die Öffentlichkeit wie die Umwelt.

Bundesgesundheitsbehörden wie das U.S. National Toxicology Program, die U.S. Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind, wie es im Bericht heißt, nicht auf dem neusten Stand.

"Seit den späten 80ern wurden nur ein paar wenige Studien an die US-Umweltbehörde (EPA/Environmental Protection Agency) übermittelt, die zur Identifikation und statistischen Erfassung von Gesundheitsrisiken für den Menschen relevant waren", so schrieben die Autoren und ergänzten, daß solche Bewertungen gemäß dem "aktuellen wissenschaftlichen Stand" erfolgen sollten.

Die Wirkung von Glyphosat, Hauptbestandteil vieler Unkrautvernichtungsmittel, beruht überwiegend auf der Hemmung eines Enzyms, das in Säugetieren nicht vorkommt, deshalb wurde ursprünglich angenommen, die Chemikalie wäre für Menschen und andere Wirbeltiere mit einem geringen Risiko verbunden.

Trotzdem gab es zunehmend Belege, daß eine Belastung mit Glyphosat alles andere als harmlos sein könnte. Das US-Landwirtschaftsministerium fand 2011 in 90% von 300 Proben Glyphosat in Sojabohnen, die britische Food Standard Agency stellte es 2012 in 27 von 109 Brot-Proben fest.

Glyphosat wurde mit Leber- und Nierenproblemen als auch Geburtsfehlern in Verbindung gebracht und es stellt eine Gefahr für die störungsfreie Funktion von Hormonen dar. Seit ein paar Jahren hegen Forscher zunehmend den Verdacht, es könnte zumindest teilweise etwas mit der weitverbreiteten Epidemie von Nierenerkrankungen in Sri Lanka und Teilen von Indien als auch Zentralamerika zu tun haben.

Im März des letzten Jahres hat die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheits-Organisation (WHO) den Status von Glyphosat von einem "möglichen" Krebserreger zu einem "wahrscheinlichen" geändert.

Eine der Hauptunzulänglichkeiten die im Bericht festgestellt werden ist, daß nicht auf endokrine Disruption getestet wird, sagte Frederick vom Saal, Biologe an der University of Missouri und Co-Autor der Arbeit. Es gibt eine zunehmende Evidenz, daß Glyphosat menschliche Hormone beeinträchtigen kann, was zahlreiche spätere Gesundheitsfolgen nach sich ziehen kann.

Die Standardtests der Behörden bestehen überwiegend darin, Labortiere hohen Dosen einer Chemikalie auszusetzen und anschließend nach auffälligen Folgen zu suchen, wie etwa Gewichtsveränderungen von Organen oder andere Fehlfunktionen, sagte vom Saal. "Es wird sehr wenig unternommen, Entwicklungsprobleme zu untersuchen."

Die in den 70er Jahren zur Zulassung von Glyphosat durchgeführten Studien waren "sehr bescheiden", sagte Benbrook. "Dosen in sehr hohen Bereichen sind problematisch, da die Forschung zu Entwicklungsproblemen in Zusammenhang mit endokriner Disruption wiederholt gezeigt hat, daß Chemikalien bei sehr viel niedrigeren Werten sehr subtile Wirkungen haben können", sagt er.

Die US-Umweltschutzbehörde (EPA) stellte in Juni 2015 in einem Bericht (PDF-Link) fest, daß es für Glyphosat als endokriner Disruptor "keine überzeugende Evidenz" gäbe.

EPA-Sprecher Robert Daguillard sagte, die Behörde wird den neuen Bericht prüfen und wies weiter darauf hin, daß sie gerade dabei wären, erste Risikoabschätzung zu Gesundheit und Umwelt abzuschließen, welche voraussichtlich 2016 zur öffentlichen Anhörung publiziert werden.

Die Gesundheitsbedenken stehen mit zunehmendem Gebrauch und allgegenwärtiger Exposition in direktem Zusammenhang. Während der letzten zehn Jahre war Glyphosat stets Teil der Debatte um genetisch veränderte Nahrungsmittel, da das meiste Saatgut von Firmen wie Monsanto, Hersteller des populärsten Glyphosat-Herbizids, genetisch dahingehend verändert ist, das Herbizid zu tolerieren.

Wenn Nutzpflanzen wie Mais und Sojabohnen über eine derartige Immunität verfügen, können Bauern ihre Felder komplett besprühen. Dies hat einen Teufelskreis in Gang gesetzt, in welchem Unkrautpflanzen zunehmend gegen die Herbizide resistent werden, was immer mehr Sprühen erforderlich macht.

"Das geographische Ausmaß und die Heftigkeit der Herausforderungen, mit denen die Unkrautkontrolle weltweit durch das Aufkommens und die Verbreitung von Glyphosat-resistentem Unkraut konfrontiert wird, ist etwas noch nie Dagewesenes", schrieben die Autoren.

Glyphosat-Herbizide haben sich als kontrovers erwiesen und sind erst kürzlich unter Druck geraden. Letzte Woche haben 35 Demokraten im Repräsentantenhaus einen Brief (PDF-Link) an die EPA geschrieben und die Behörde gedrängt, in Anbetracht der Krebs-Bewertung der WHO eine neue Risikoeinschätzung des Glyphosat-Herbizids Enlist Duo von Dow Chemical Co. durchzuführen.

"Die EPA hat Enlist Duo zugelassen, ohne diese Krebs-Bewertung zu berücksichtigen und ohne eine einzige der Studien zum Krebsrisiko durch Glyphosat zur Kenntnis zu nehmen, die in den letzten zwanzig Jahren veröffentlicht worden sind", schrieben die Abgeordneten unter Führung der Repräsentanten Earl Blumenauer und Peter DeFazio.

Dow Chemical Co. hat auf eine Bitte um Stellungnahme zur aktuellen Studie nicht geantwortet. Die Monsanto-Sprecherin Charla Marie Lord antwortete per Email, daß die Bedenken der Studie nicht mit dem übereinstimmen, was Regulierungsbehörden festgestellt hätten.

"Keine Regulierungsbehörde auf der Welt hält Glyphosat für ein Karzinogen", meinte sie. "Regulierungsbehörden hatten keinerlei Bedenken bezüglich Gesundheit gehabt, welche solche Untersuchungen notwendig machen würden, wie sie die Autoren dieser Arbeit vorschlagen."

Der Konzern erhob Januar 2016 eine Klage gegen das kalifornische Amt zur Abschätzung von umweltbedingten Gesundheitsgefahren (Office of Environmental Health Hazard Assessment), deren Zweck darin besteht zu verhindern, daß Glyphosat in die staatliche Liste bekannter Karzinogene aufgenommen wird.

Niemand weiß, welche Wirkung ein Statement einer Gruppe von Wissenschaftlern auf die Bundespolitik haben kann. Doch vom Saal sagte, selbst wenn die EPA ihre Testmethoden nicht verändert, könnte dieses progressivere Staaten wie Kalifornien zum Handeln anregen.

Benbrook sagte, ein zeitgemäßer, von unabhängigen Wissenschaftlern durchgeführter Test ist längst überfällig.

"Schön wäre, wenn sie nichts fänden und wir wie gehabt weitermachen könnten", sagte Benbrook. "Doch selbst wenn es nur eine geringe Wahrscheinlichkeit gesundheitlicher Auswirkungen gibt und es jeden Menschen auf diesem Planeten betrifft, sollte uns das zur Vorsicht veranlassen."



Der Originaltext "Experts call on feds to re-evaluate the world’s most heavily used herbicide" wurde unter CC: BY-SA veröffentlicht. Für diese Übersetzung gilt das Lizenzmodell dieses Blogs CC: BY-NC-SA.



Twitter-Links:
Der Autor: @BrianBienkowski
EHN: @EnvirHealthNews
Peter Myers: @petemyers
Charles Benbrook: @chuckbenbrook


Meta: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Erstellt: 20.02.2016 00:13
Geändert: 22.02.2016 18:53
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=144

GNUsocial z.B. quitter




Verspäteter Nachruf: Wo ist Norbert Felzl?

09.01.2016 21:21


Anfang Oktober 2015 wollte ich jemandem seine Webseite zeigen: Server nicht gefunden! Ich dachte mir nichts. Auch nicht, als seine Seiten ein paar Stunden später immer noch weg waren. Sowas kommt vor. Als die Seiten nach ein paar Tagen weiterhin nicht aufrufbar waren, überlegte ich bereits, ob dies Ungutes bedeuten könnte. Drei Wochen später schrieb ich eine Mail an Norbert Felzl. Ich antwortete auf seine letzte. Deren Datum hatte ich übersehen oder ich hatte mich daran gewöhnt, daß wir uns nur noch gelegentlich schrieben. Norberts letzte Mail an mich war vom 17.06.2012. Ich bekam eine Fehlermeldung: Remote host said: 550 5.1.1 Invalid recipient... Am nächsten Tag schrieb ich an die zu seiner Webseite gehörende Mailadresse. Dieses Mal hatte ich eine Fehlermeldung erwartet, denn seine Webseite war ja nicht erreichbar. Das blieb auch so und hat sich bis heute nicht geändert.

Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, daß Norbert seine Seiten wortlos aus dem Web nimmt. Dazu hat er zu viel Herzblut für sie aufgewendet. Er hat sehr oft neue Fotos eingestellt. Es lohnte sich immer wieder vorbeizuschauen. Leider hat er aber nicht archiviert, sondern nahm ältere Fotos einfach raus.

Nun suchte ich im Netz nach Hinweisen auf Norbert Felzl, fand aber nur die von ihm angelegten Profile auf Kunstportalen und seine Kommentare in Fotoforen. Ich fragte andere Leute die ihn auch kannten, doch niemand wußte, was mit Felzl los ist. Längst ging ich davon aus, daß er nicht mehr lebt. Definitiv erfuhr ich dies aber erst am 7. Januar 2016 von Harald von Pfotenfotografie: Norbert ist am 18.08.2014 verstorben. Auch er wunderte sich, daß im Internet nichts zu Norbert zu finden ist: Schließlich war er ja kein Niemand. Alex We meinte später treffend: Er hat was hinterlassen! Auch er hat Momente für die Ewigkeit eingefangen. Die Frage ist dann immer: was geschieht mit den Fotos eines verstorbenen Fotografen, der nicht "prominent" ist?

Damals, September 2002 schrieb ich ihn einfach an. Unsere Unterhaltung dauerte etwa 10 Jahre, auch wenn wir uns in immer größeren Abständen schrieben. Inzwischen habe ich vielleicht auch ein wenig fotografieren gelernt, doch ich rechne es ihm sehr hoch an, daß er mich von Anfang an ernst nahm. Vielleicht lag es daran, daß wir beide eine musikalische Vergangenheit und Erfahrungen mit der Malerei hatten. Wie er würde ich sagen, daß der Blick und die Gestaltungsfähigkeiten eines Malers oder einer Malerin für das Fotografieren sehr nützlich sind. Wir haben ein Gefühl für Proportionen und Bildaufteilung und sehen sofort, ob eine Aufnahme gut ist. Er war immer sehr skeptisch, was digitale Fotografie angeht: Ich kaufe mir erst dann eine digitale Kamera, wenn es den 1:1 Sensor gibt. Ich verstand darunter eine unendliche Auflösung, er meinte vielleicht aber mehr. Vielleicht sah er, daß die Dynamik eines Sensors dem analogen Filmmaterial kaum nahe kommt, obwohl dieser Mangel bei guten digitalen Aufnahmen nicht sofort in's Auge springt.

Experimentierfreudig wie er war, freundete er sich irgendwann doch mit der digitalen Technik an: ja, ich mach alles digital, hab mir die sauteure nikon d3 zugelegt...

Norbert beherrschte das Fotografenhandwerk. Er konnte ebenso perfekt im Studio die Beleuchtung einsetzen oder das draußen vorhandene Licht nutzen. Trotzdem wußte er, daß technische Perfektion allein noch keine gelungene Fotografie ausmacht. Er vermied Routine. Er wollte immer wieder von den eigenen Aufnahmen begeistert sein. Auch gab er zu, daß es ihm eine kindliche Freude bereitet, einen Pokal nach dem anderen in die Vitrine zu stellen. Er gewann viele Preise.

Die meisten werden seinen Namen mit Aktaufnahmen verbinden. Es hat aber auch hervorragende Landschaftsaufnahmen und Architektur gemacht. Er konnte eigentlich alles virtuos abbilden. Er fotografierte nicht nur weibliche Models. Sicher wußte er, daß Klischees und Sexismus in der Aktfotografie lauern. Mit der Zeit arrangierte er Szenen, in denen auch Männer vorkamen. Wie gerne würde ich mit ihm jetzt darüber diskutieren, wenn er noch da wäre.

Wir haben uns über alles Mögliche unterhalten. Mir geht viel Anekdotisches durch den Kopf. Irgendwann habe ich einen virtuellen Zeppelin mit POV-Ray gebaut, was auch eine fotografische Übung ist, da man eine virtuelle Kamera handhaben muß. Der Zeppelin erinnerte ihn an das Ei, das er in seiner Ausbildung fotografieren mußte. Ich kann mir vorstellen, daß ein auszuleuchtendes Ei pädagogisch nicht schlecht ist, um bewußt auf Licht und Schatten zu achten.

Auch Norbert hat mit digitaler Technik experimentiert und Fotos bearbeitet. Dabei sind Montagen und Verfremdungen entstanden, die über reines Probieren hinaus gehen. Solchen Programmen zu entkommen ist schwer. Meistens bleiben die Autoren der Programme die wahren Künstler und wir reproduzieren nur das, was sie an Möglichkeiten hinein programmiert haben. Norbert hat es sicher ein paar mal geschafft.

Er stand mir immer als Ratgeber zur Verfügung. Wenn ich mir z.B. ein neues Objektiv kaufen wollte, recherchierte ich nicht nur im Internet, sondern fragte auch ihn, welches was taugt.

Schade finde ich es im Nachhinein, daß ich in den letzten zwei Jahre seines Lebens keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Ich hab gelegentlich auf seine Webseite gesehen und mich über neue Fotos gefreut. Ich hätte öfter Hallo sagen sollen.


Der Vollständigkeit halber:

Norbert Felzl, 1943 in Wien geboren, war zuerst Berufsmusiker, Straßenkünstler und Kunstmaler. 1988 erlitt er eine Massenhirnblutung. 1993 fing er an zu fotografieren, nachdem es ihm wieder etwas besser ging. Danach ließ er sich professionell ausbilden und hat ab 1999 selber Portrait- und Aktfotografie unterrichtet. Von 1995 bis 2004 war er Mitglied im Wiener Lichtbildner Klub. Er gewann nationale und internationale Preise.

Vielleicht wird man seine wirkliche Bedeutung erst später entdecken, sofern sein Werk nicht verloren geht.


Lesen Sie bitte auch den Nachruf von Harald Kreuzer, der bei Norbert Felzl Unterricht genommen hat.

Meta: , , , , , , , ,

Erstellt: 09.01.2016 21:21
Geändert: 13.01.2016 02:20
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=143

GNUsocial z.B. quitter




Blame the Victim: Griechenland

18.07.2015 22:43

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Stellungnahme von Blockupy. Er wurde am 14.07.2015 unter Copyleft zur Verfügung gestellt. Als Anhänger des geschaßten griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis freut mich besonders, daß darin ein paar seiner Sichtweisen zum Ausdruck kommen. Ich bin absolut parteiisch. So wie ich gegen Hartz IV bin, bin ich für eine gerechte Lösung für Griechenland. Was kann ein Kind dafür, das unter den gegenwärtigen Bedingungen in Griechenland (oder gar in Europa) aufwachsen muß?

Den Text gibt es auch auf Englisch. This text is also available in English.

#ThisIsACoup: Das #OXI an jede Wand, auf jede Straße!


1 Euro Shop1 Euro Shop © Foto: SpaceShoe [Learning to live with the crisis] CC: BY via flickr 
(Für größere Ansicht anklicken)
Hunderttausende haben am 3. Juli auf den Straßen von Athen zu den Zumutungen der Sparpolitik, zu ihrer Verelendung, zu der Rettung von Banken auf Kosten der Menschen unüberhörbar OXI! NEIN! gesagt. Dieses OXI! NEIN! ist am 5. Juli im griechischen Referendum mit einer beeindruckenden Mehrheit von 61% bekräftigt worden. OXI! NEIN! hallte durch ganz Europa, gab den Erniedrigten Hoffnung, ermutigte die Widerständigen – und schreckte die Mächtigen auf.

Nur eine gute Woche später kapituliert Griechenland vor der Forderungen der Gläubiger. Die Renten müssen noch weiter gekürzt, die Mehrwertsteuer soll erhöht werden. Wie bei der Abwicklung der DDR wird eine „Treuhand“ eingerichtet, um 50 Milliarden Staatsvermögen für Schuldendienst und Bankenrettung zu verscherbeln. Die Demokratie in Griechenland ist faktisch ausgehebelt, es wird zu einem besetzten Land: Alle Gesetze und Verordnungen müssen noch vor ihrer Beratung im Parlament von den „Institutionen“ genehmigt oder abgelehnt werden. Selbst alle Maßnahmen zur Linderung der unmittelbaren sozialen Not aus den vergangenen 6 Monaten werden in Frage gestellt.

Niemand, der bei klarem Verstand ist, kann dieses Ergebnis des Eurogipfels eine „Einigung“ nennen. Es war ein Diktat, das mit dem Messer am Hals erzwungen wurde. Wie die Millionen Menschen, die den Hashtag #ThisIsACoup über Twitter verbreitetet haben, richtig erkannten , war es ein Staatsstreich, ein Putsch. Angesichts dieser mit gezogener Waffe erfolgten Erpressung diskutieren wir nicht das Verhalten des Überfallenen, sondern zeigen mit dem Finger auf den Täter und nennen ihn einen Verbrecher.

Alle in Europa und in der ganzen Welt wissen, von wem dieser Putsch ausging: Es war die deutsche Bundesregierung, es waren Wolfgang Schäuble und Angela Merkel, die ihre Linie der gnadenlosen Demütigung in Europa durchgesetzt und den schüchternen Widerspruch aus Italien oder Frankreich schnell zur Seite geschoben haben. Unterstützt und abgesichert wurden sie dabei von Gabriels SPD und von weiten Teilen der deutschen Medien. Sie konnten sich dabei auf einen nationalistischen Konsens der deutschen Mehrheitsgesellschaft stützen und profitierten von der Angst mancher linker Organisationen vor Meinungsumfragen.

Der Preis, den die Mächtigen dafür zu bezahlen haben, ist hoch: Das Mäntelchen aus „gemeinsamen Werten“, „Solidarität“ und „Demokratie“, das sich EU-Europa so gern umhängt, ist endgültig fadenscheinig und rissig geworden. Darunter schimmert der eigentliche Kern deutlich hervor: Die Herrschaft der Kapitalrendite und der Wettbewerbsfähigkeit, die Aushöhlung der Demokratie durch die nackte, erpresserische Gewalt und die anmaßende deutsche Vorherrschaft. Europa ist politisch bankrott und die Risse im System sind nur vorübergehend zugekleistert.

Alle wissen, dass die Erniedrigung Athens, die abermalige Steigerung des sozialen Elends, die Ausplünderung noch der letzten ökonomischen Reserven Griechenlands selbst unter kapitalistischen Maßstäben unvernünftig ist. Die Krise ist nicht gelöst, sie ist nur abermals verschärft und gleichzeitig verschoben. Dutzende, auch angesehener bürgerlicher Ökonomen bestätigen das.

Warum also tun die deutschen und europäischen Eliten etwas, das niemals zu wirtschaftlicher Erholung in Griechenland und zu einer Überwindung der europäischen Krise führen kann? Weil es ihnen um ganz etwas anderes geht: Um Abschreckung und demonstrative Bestrafung und um das Nutzen der Krise, um die Sozialstandards nicht nur in Griechenland, sondern in ganz Europa dauerhaft zu senken. Politik soll in Europa weiterhin die Sache von „Expert_innen“ der Unterdrückung sein, in der die Stimme der Vielen nur ein störendes Hintergrundgeräusch, eine unverständliche Sprache bleibt.

Niemand in Europa, keine Regierung, keine Bewegung, keine Gewerkschaft soll es mehr wagen, sich dem deutschen Diktat der Sparpolitik und der Schleifung des Sozialen im Namen der Wettbewerbsfähigkeit zu widersetzen. Die Menschen in Spanien sollen nicht „falsch“ wählen, die Jugend in ganz Südeuropa soll sich in die Perspektivlosigkeit von Erwerbslosigkeit und prekären Jobs fügen und auch deutsche Erzieher_innen, Postangestellte, amazon-Beschäftigte oder Lokführer_innen sollen nicht zu aufmüpfig werden. Wer Widerstand leistet, dem soll es danach noch schlechter gehen als vorher.

Das ist die Traurigkeit des gegenwärtigen Kapitalismus: Er hat keine Hoffnungen und keine Perspektiven mehr anzubieten, sondern regiert mit der Erpressung, der Angst, der rassistischen Spaltung und der Ideologie der Alternativlosigkeit.

Allzu viele in Deutschland haben sich von einer beispiellosen Medienkampagne einreden lassen, die gnadenlose Behandlung und Bestrafung der Menschen in Griechenland sei in ihrem eigenen Interesse. Allzu viele haben die Märchen von den wohlhabenden griechischen Rentner_innen geglaubt und haben in den Chor derjenigen eingestimmt, die jede Häme, jedes Nachtreten, jede Verachtung für erlaubt hielten. Der Neo-Nationalismus vernebelt die Köpfe und genau das ist auch seine Aufgabe.

Gleichzeitig wissen aber viele Menschen, auch in Deutschland, dass wir viel öfter und viel lauter OXI! NEIN! sagen müssen. NEIN zu Niedriglöhnen und prekärer Beschäftigung! NEIN zu steigenden Mieten und der Verdrängung von Menschen aus ihren Stadtteilen! NEIN zu krankmachendem Stress und immer längeren Arbeitszeiten! NEIN zur Zerstörung der sozialen Infrastruktur! NEIN zu den Schulden, die Millionen Menschen auch hierzulande die Luft zum Atmen nehmen! NEIN zu den JA-Sagern, NEIN zu ihrer Propaganda, die uns zu Kompliz_innen ihrer Erpressung machen will! NEIN zu diesem Leben, das das Leben mit Füßen tritt!

Das OXI! vom Syntagma-Platz in Athen ist nicht tot. Kein erpresster Kompromiss kann es zerstören, wenn wir es aufnehmen und zu unserem NEIN! machen. OXI! NEIN! an vielen verschiedenen Stellen, in all unseren Kämpfen und überall in unserem Alltag. Und gleichzeitig ein gemeinsames OXI! NEIN! in ganz Europa, weil unser NEIN! gleichzeitig ein Ja ist zu einem anderen Europa, das mit dem verkommenen Europa der Mächtigen nichts mehr zu tun hat, sondern das ganz neu von unten aufgebaut werden muss.

Das nächste große Blockupy, die nächste große europäischen Mobilisierungen nach Brüssel oder Berlin werden kommen. Auch in diesen Tagen finden in vielen Städten Europas Versammlungen und Kundgebungen statt, an denen wir uns beteiligen.

Aber es geht uns um mehr als einen Aktionsvorschlag, um mehr als den nächsten Demo-Aufruf. Wir wollen, dass sich das OXI! NEIN! verbreitet, dass alle Aktionen und Kämpfe, die es überall in Europa, in Deutschland, in unseren Orten gibt, dieses OXI! NEIN! aufnehmen, es sich zu eigen machen und es in tausend verschiedenen Formen herausschreien. Das ist eine langfristige Aufgabe, mit der wir dennoch heute beginnen müssen! Die Niederlage des griechischen Aufbruchs, die eine gemeinsame Niederlage von uns allen ist, hat das Kräfteverhältnis im europäischen Kapitalismus noch einmal unmissverständlich dokumentiert. Sie hat aber auch gezeigt, dass die Herrschaft nur noch autoritär verteidigt werden kann – und was sie jetzt schon dafür alles in die Waagschale werfen müssen. Das kann sich noch als Pyrrhussieg für das deutsche Europa herausstellen.

Lasst uns deswegen in dem OXI! NEIN! unsere Gemeinsamkeit, unsere Solidarität und unsere Stärke entwickeln, damit den JA-Sagern ihre Waffen der Erpressung bald aus den Händen geschlagen werden. Das OXI! NEIN! muss an die Fassaden dieser scheinbar heilen Welt, die nur von der nackten Gewalt zusammengehalten wird, an jede Wand, auf jede Straße!


Ein paar weitere Informationen:


Die Austeritätspolitik beruht nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen, sondern auf einem simplen Rechenfehler der dadurch zustande kam, daß bei einer Exel-Tabelle (© Microsoft) ein Teil der Daten ausgeblendet war. Die Autoren Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart waren sich derart sicher, daß sie ihre Tabellen arglos einem Studenten überließen, der über den Fehler stolperte: Europas Sparpolitik sitzt bösem Rechenfehler auf.

Einen sehr schönen Kommentar gab es von RA Thomas Stadler (@RAStadler): Ist der ESM in Wirklichkeit ein Perpetuum mobile?

Campact hat ein Video mit weiteren guten Argumenten auf Youtube veröffentlicht:



Was den Grexit angeht, den Austritt Griechenlands aus dem Euro, bin ich etwas anderer Meinung. Zuerst einmal verweise ich auf diese Meldung von 01.02.2012 des größten griechischen Landwirtschaftsverbandes, Greece could feed itself, says farmers conference, nach der niemand in Griechenland verhungern müßte. Das Land ist was die Nahrungsmittelversorgung angeht nahezu autark.

Ein Austritt Griechenlands wäre langfristig für die Menschen die beste Lösung. Schwer angeschlagen würde dadurch nicht die noble Idee der europäischen Vereinigung, wie man uns weißmachen will, sondern das Europa der Absahner, das alles in Frage stellt, was Kultur, Humanität und Völkerverständigung ausmacht. Natürlich wäre auch mit heftigem Widerstand der oberen Kaste Griechenlands zu rechnen. Die haben wahrscheinlich schon längst mit der Troika ausgehandelt, wie es weitergehen soll.

Varoufakis wollte sich die Option eines aktiven Austritts Griechenlands offen halten. Vielleicht hat ihm das seinen Posten gekostet, obwohl er sicher einen großen Teil der griechischen Bevölkerung hinter sich hätte. Griechenland würde mit einer eigenen oder mit einer Parallelwährung besser fahren. Viel schlimmer kann es für die Menschen nicht mehr kommen. Die Krise dauert schon eine Weile. Die Menschen haben sich vielerorts organisiert.



Als ich dieses Video das erste Mal sah dachte ich, da fehlt eigentlich nur noch ein Chiemgauer und die Menschen könnten anfangen, ihr Land aus eigener Kraft neu aufzubauen.

Varoufakis hatte tatsächlich mit einem kleinen Team angefangen, einen möglichen Austritt und die Ausgabe einer eigenen Währung anzudenken. Es blieb aber bei diesen Anfängen, da er nicht wollte, daß dies eine selbsterfüllende Eigendynamik bekommt. Er vertrat stets realistische, moderate Ansichten, hatte aber einen etwas weiteren Blick, der über tagesaktuelle Reaktionen hinaus ging. Sehr aufschlußreich ist hierzu das erste Interview, das er nach seinem zurück getreten Werden dem New Statesman gab.

Yanis Varoufakis full transcript: our battle to save Greece

Deutsche Übersetzung:
"Unsere Schlacht, Griechenland zu retten" – Interview mit Varoufakis

Ein weiteres Interview (engl.) nach dem Deal gab es von ABC: Yanis Varoufakis on Greek crisis on Late Night Live.

Wer sich mit den Erfahrungen als griechischer Finanzminister und den Gedanken von Varoufakis beschäftigen möchte, liest am besten in seinem Blog (engl.) oder folgt ihm auf Twitter: @yanisvaroufakis.

U.a. kann man sehr ausführlich nachlesen, was Die Zeit zumindest online arg gestutzt hat: Dr Schäuble’s Plan for Europe: Do Europeans approve? - English version of my article in Die Zeit.

Zu Schäuble gibt es neben seinem Gedächtnisausfall bezüglich eines Geldkoffers von Waffenhändler Schreiber ein pikantes Detail: The fund they want Greek assets transferred to is managed by... Schäuble. Schäuble ist Vorsitzender des Aufsichtsrates jenes Fonds (KFW), an den die aus Griechenland gepressten Privatisierungserlöse fließen sollen.

Dazu noch der Streit um berechtige Kriegsreparationszahlungen und ich kann nur noch eines sagen:

Als Europäer schäme ich mich, Deutscher zu sein!


Darum: Treten Sie zurück. Sie verspielen die Zukunft Europas!


Meta: , , , , , , , , , , , , , ,

Erstellt: 18.07.2015 22:43
Geändert: 20.07.2015 13:41
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=142

GNUsocial z.B. quitter




Das Patriarchat bringt Mutter Erde um, nur Frauen können Sie retten

21.03.2015 23:51

Autor: Dr. Nafeez Ahmed für The Ecologist, 13. März 2015
Übersetzung: BrunO


Die globale Epidemie der Gewalt gegen Frauen und deren systematischer Ausschluß von den Machtstrukturen die uns regieren, gehören unverzichtbar zur gewaltsamen Ausbeutung der Erde und ihrer Ressourcen durch den Mann, schreibt Nafeez Ahmed. Der Kampf die Erde zu retten muß mit der Stärkung der Rolle der Frau beginnen - und das bedeutet, unsere Mittäterschaft an ihrer Unterdrückung und Ausbeutung zu beenden.

From The Destruction... we Shall Return
© Grafik: imad abu shtayyah CC: BY-NC via behance.net - Twitter: @imadabushtayyah 
Letzten Sonntag, am 8. März war der internationale Frauentag, doch trotz der Feiern und der sich über den ganzen Tag erstreckenden Würdigung von Frauen in den weltweiten Medien wurde kaum beachtet, wie sehr die systematische Marginalisierung von Frauen integraler Bestandteil von dem ist, was ich "Krise der Zivilisation" nenne.

Die Bemühungen der UN und anderer offizieller Stellen, die zentrale Bedeutung von Frauen im Kampf gegen den Klimawandel hervorzuheben sind löblich, doch sie gehen einfach nicht weit genug, um zu zeigen, wie sehr von Männern dominierte Institutionen und Strukturen direkt für die gesellschaftliche Entmündigung von Frauen verantwortlich sind.

Eine oder viele Krisen?


Die globalen Krisen mit denen wir heute zu tun haben sind zahlreich, doch ihre Verschiedenheit täuscht uns.

Wenn wir genauer hinsehen, sind diese anscheinend unterschiedlichen Krisen wie Klimawandel, schwindende Energiequellen, Verknappung von Nahrungsmitteln, ökonomischer Zusammenbruch und gewalttätige Konflikte in Wirklichkeit keine eigenständigen Probleme. Eher sind sie inhärent zusammenhängende Symptome einer schwerwiegenderen globalen Störung.

Alle diese Krisen hängen elementar damit zusammen, daß unser globales System zunehmend die ökologische Belastbarkeit unserer Umwelt überfordert.

Die reiche industrialisierte Klasse [PDF] der Welt akkumuliert und verbraucht zu viele Ressourcen und Rohstoffe dieses Planeten. Dabei werden riesige Mengen von zunehmend sich verteuerndem und schmutzigem fossilem Öl verbrannt, noch nie dagewesene Mengen an Müll und Kohlendioxyd auf eine Art und Weise in die Umwelt entsorgt, welche die Ökosysteme destabilisiert und ironischerweise so die Lebenshaltungskosten in die Höhe treibt und es uns unmöglich macht, auf einem derart hohem Niveau des Überkonsums weiter zu leben.

Dies vergrößert die globale Ungleichheit, erzeugt mehr Armut und Mangel, während es die Fähigkeit von Staaten überfordert, weiterhin öffentliche Dienstleistungen bereit zu stellen. Dies wiederum verschärft gesellschaftliche Unruhen, führt zum Ausbruch von Bürgerkriegen und internationalen Konflikten.

Unsere weitverbreitete Wahrnehmung dieser Krisen als voneinander unabhängig ist selbst ein Symptom einer epistemologischen Krise, die auf unsere fragmentierte Wahrnehmung des Lebens und der Natur zurück geht. 1) s.u.

Dies ergibt sich daraus, daß Energie, Ökonomie und Umwelt nicht voneinander getrennt sind. Es handelt sich um rein konzeptuelle Abstraktionen die wir entwickelt haben um Sachverhalte zu verstehen, die durch und durch miteinander verwoben sind.

Unsere fragmentarische und reduktionistische Weltsicht spielt dabei ein große Rolle. Unsere Wissenschaften sind nicht nur derart spezialisiert, daß es uns an ganzheitlichen, umfassenden Konzepten fehlt, um Zusammenhänge zwischen Physik, Biologie, Gesellschaft, biophysikalische Umwelt, Ökonomie, Kultur und vielen anderen Dingen herzustellen. Diese Unfähigkeit, anhand von Details das Ganze zu erkennen bedeutet auch, daß wir nicht nur in unserem Verständnis der Welt, sondern daß wir in unserer Fähigkeit eingeschränkt sind, auf die sich nun verschärfenden Krisen zu reagieren.

Angesichts der Krise der Zivilisation bedeutet dieser fragmentierte Reduktionismus, daß wir uns selbst nicht als Teil der natürlichen Welt, sondern als die Beherrscher der Natur verstehen. Auf diese Weise haben wir unter der Doktrin der neoklassischen, nun neoliberalen Ökonomie das empirisch widerlegte imaginäre Leistungsprädikat des "unbegrenzten materiellen Wachstums" zum Gott erhoben, obwohl ein solches im wahrsten Sinne des Wortes physikalisch nicht möglich ist.

Wir haben die natürliche Welt in ihrer Gänze, einschließlich allem was auf dem Planeten lebt und nicht lebt, dem unhinterfragbarem Diktat des "Marktes" unterworfen. Infolge dessen wurde alles zur Ware und es entstand die Vision einer sich selbst aufrecht erhaltenden Kultur des Massenkonsums, was unsere Abhängigkeit vom unbegrenzten Wachstum, aber auch unsere Blindheit gegenüber dem sich daraus ergebenden selbstmörderischen Kurs verstärkte.

Diese Trennung zwischen den Menschen und der natürlichen Ordnung spiegelt sich in der inneren Dynamik des globalen Systemes wieder: die wachsende Disparität zwischen Arm und Reich, die sich ausweitenden Feindseligkeiten zwischen Muslimen und nicht Muslimen, die wachsende Spaltung zwischen Weißen und nicht Weißen und natürlich die weiterhin bestehende Ungleichheit der gesellschaftlichen Machtverteilung zwischen Männer und Frauen.

All diese Fälle zeigen uns, daß unsere rücksichtslose Plünderung unseres eigenen, planetaren Lebenserhaltungssystemes mit unserer penetranten Neigung zusammen hängt, alles zu trennen, auszuschließen und zum "Anderen" zu machen, oft auf eine derart hinterhältige Art, die es uns schwierig und sogar schmerzhaft macht, diese Vorgänge einzugestehen. Doch bis jetzt ist in diesem Kontext das Patriarchat am allerbeständigsten, auch wenn man dies immer noch nicht zugeben möchte.

Der Klimawandel hat ein Geschlecht


Naturkatastrophen, die auf den Klimawandel zurück zu führen sind, werden häufiger. Die Zahl der Katastrophen hat sich zwischen 2000 und 2009 im Vergleich zu 1980 bis 1989 verdreifacht, die meisten davon hatten etwas mit dem Klima zu tun. Die meisten Opfer dieser Katastrophen waren ausnahmslos Frauen.

Im Durchschnitt sterben bei Katastrophen konstant mehr Frauen als Männer, in einigen Fällen sind es 90% weibliche Opfer. Nach Daten der UN [PDF] ist für Frauen das Risiko bei einer Naturkatastrophe umzukommen 14 Mal höher als für Männer.

Frauen leiden auch disproportional stärker unter den Folgen solchen Katastrophen, die das Risiko sexueller Übergriffe erhöhen, den Schulbesuch von Mädchen verhindern und ähnliches. Für die höhere Gefährdung kann es zahlreiche Gründe geben: eine schwächere Ökonomie, geringere Verfügbarkeit von Technologien wie Mobilfunk-Telefone (was eine geringere Wahrscheinlichkeit bedeutet, rechtzeitig gewarnt zu werden), der Kultur geschuldete verminderte Bewegungsfreiheit etc.

Letztendlich besteht einer der Hauptgründe, weshalb Frauen durch den Klimawandel disproportional zu Schaden kommen darin, daß sie sowieso marginalisiert sind. Das heißt, die Auswirkungen des Klimawandels in Gestalt von extremem Wetter, Wassermangel und Mißernten, treffen Frauen am stärksten.

Armut hat ein Geschlecht


Eine der deutlichsten Manifestationen der systematischen Entrechtung von Frauen ist Armut. Nahezu eine Milliarde Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, welche die Weltbank als tägliches Einkommen von 1,25 Dollar definiert.

Nach derzeitigem Stand haben die 50 reichsten Menschen ungefähr das gleiche jährliche Einkommen wie die ärmste Milliarde. Nach Angaben des UN-Entwicklungsprogrammes (1995) sind 70% davon Frauen.

Aufgrund begrenzter und dürftiger Daten aus der laufenden Forschung ist es nicht eindeutig festzustellen, inwieweit dieser Prozentanteil aktuell wächst. Doch es ist nicht zu bezweifeln, daß Frauen in der [sog.] weniger entwickelten Welt ökonomisch sehr viel schlechter als Männer dastehen.

In Wirklichkeit ist das Ausmaß der Armut sehr viel größer als im Allgemeinen angenommen wird. In seinem Bericht an den Generalsekretär der OECD von 2013 kommt beispielsweise der Ökonom Stephen Klasen von der Universität Göttingen zu dem Ergebnis [PDF], daß die ein Dollar pro Tag Regel die "Grenze ihrer Brauchbarkeit und Relevanz" erreicht hat.

"Dies hängt zum Teil mit der wachsenden Zahl armer Menschen in Ländern mit mittlerem Einkommen zusammen - wo der pro Kopf Verbrauch und die nationale Armutsgrenze wesentlich über 1,25 US-Dollar pro Tag liegen."

In einem aktuellen Leitartikel räumte Kaushik Basu, der Chefökonom der Weltbank ein, daß deren Definition von Armut "von Vielen als schockierend niedrig kritisiert wird". Dennoch hat die Weltbank nichts unternommen, ihre zweifelhafte Definition zu korrigieren. Diese Unterlassung macht es ihr möglich, lauthals Behauptungen zu verbreiten, daß Millionen Menschen die 1,25 Dollar Grenze überwunden haben und nun zu denen die der Armut entkommen sind gezählt werden können, obwohl sie tatsächlich weiterhin arm sind.

Weiterhin verdammt Basu das Fortbestehen der Armut als "kollektives Versagen". Das scheinen starke Worte zu sein, doch sie täuschen darüber hinweg, daß man letztlich niemand beschuldigt, wenn man 'alle' für etwas verantwortlich macht. Tatsächlich kann dieses 'Versagen' ziemlich eindeutig der strammen neoliberalen Politik der Bank selbst zugeschrieben werden.

Zur neoliberalen Politik gehörte das Zusammenkürzen staatlicher Ausgaben für Gesundheit, Bildung und andere öffentliche Leistungen, das Öffnen der Länder für schnelle Privatisierung und ausländische Investitionen und als Konsequenz, die Zunahme von staatlicher und öffentlicher Verschuldung. Nach einem UN-Bericht [PDF] führte dies ausnahmslos zu gebremstem Realwachstum und "verringertem Fortschritt, nach allen sozialen Indikatoren, welche für die Einschätzung von öffentlicher Gesundheit und erfolgreicher Bildung zur Verfügung stehen".

Nach Ansicht von Valentine Moghadam [PDF], Chefin für Gleichstellung der UNESCO-Menschenrechtsabteilung, "war die armutserzeugende Natur der neoliberalen Restrukturierung für Frauen besonders verheerend". Es ist "unbestreitbar", daß sich Frauen in einer "benachteiligten Position" befinden, in welcher "Frauen in Armut doppelt unter der Vorenthaltung ihrer Menschenrechte leiden - zum einen wegen der fehlenden Gleichberechtigung, zum anderen aufgrund der Armut".

In der Tat verdienen Frauen nur 10% des Welteinkommens und etwa halb so viel wie Männer, obwohl ihre Arbeitsstunden 70% der global geleisteten Arbeitszeit ausmachen.

Häufig bedeutet die ökonomische Benachteiligung von Frauen, daß sie sozial gefährdeter sind und deshalb leichter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und anderen geschlechtsbasierten Formen der Gewalt zum Opfer fallen. Weil der Klimawandel die zu Armut führenden Bedingungen verschärft, bedeutet dies, daß die meisten der Betroffen Frauen sind.

Nahrung und Wasser haben ein Geschlecht


Trotz allem weit davon entfernt, rein passive Opfer zu sein, bleiben Frauen für mögliche positive soziale Veränderungen unter solchen Voraussetzungen aufgrund ihrer unverzichtbaren Rolle bei der Verwaltung natürlicher Ressosurcen von absolut zentraler [PDF] Bedeutung.

Als hauptsächliche Sammler von Brennmaterial und Wasser für ihre Familien und als Grundversorger, in dem sie Energie für die Zubereitung von Nahrung verwenden, ihre Kinder aufziehen und die Kranken versorgen, stehen Frauen in erster Reihe, Gesundheit, Wachstum und Wohlergehen von Gemeinden aufrecht zu erhalten.

Zahlreiche Studien weisen darauf hin, daß der Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten zu häufigeren Dürren, Erosion von Küstensystemen, Versauerung der Ozeane, Zerstörung der Biodiversität, Ansteigen der Meeresspiegel und zu Veränderung der Jahreszeiten führen wird. Als Folge wird die globale Erwärmung die Wasserverknappung intensivieren und die Nahrungsversorgungssysteme für Milliarden von Menschen in überwiegend weniger entwickelten Ländern gefährden.

Dies bedeutet, daß die bei der Bereitstellung von Nahrung und Wasser eine derart wichtige Rolle spielenden Frauen von den durch den Klimawandel sich verschlimmern Lebensmittel- und Wasserkrisen am meisten betroffen sind.

Insgesamt verdienen Frauen [PDF] zwischen 30 und 80% von dem, was Männer jährlich verdienen. Von den 743 Millionen erwachsener Analphabeten sind zwei Drittel Frauen. Frauen machen ungefähr die Hälfte der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte in weniger entwickelten Ländern aus, besitzen aber nur etwa 10 bis 20% des Landes. Auch bewegen sich Frauen meistens täglich über weite Strecken, oft allein, um Wasser zu holen. Dadurch sind sie einer höheren Gefahr von Gesundheitsproblemen und Angriffen ausgesetzt.

Alles in Allem macht der Klimawandel Frauen ärmer, erodiert ihre ökonomischen Möglichkeiten, schränkt ihren Zugang zu Lebensmittel und Wasser ein und macht sie für Ausbeutung anfälliger. Dies höhlt unweigerlich die Integrität, den Zusammenhalt und die Nachhaltigkeit von Familien und Gemeinden aus.

Gewalt hat ein Geschlecht


Eine weitere wesentliche Auswirkungen des Klimawandels ist natürlich seine Eigenschaft, Instabilität und Konflikte zu verstärken, da Regierungen, die darauf versessen sind, wie bisher weiter zu machen, mit zunehmender Verknappung der Ressourcen konfrontiert werden, die sie nicht bewältigen können.

Viele Studien haben einen definitiven Zusammenhang zwischen der Beschleunigung des derzeitigen Klimawandels und der Häufigkeit von gewaltsamen Konflikten nachgewiesen.

Doch die meisten Opfer von Konflikten sind Frauen und Kinder, sei es durch sexuelle Gewalt als Kriegstaktik oder als Ziel willkürlicher Angriffe auf Zivilisten. Gewalt gegen Frauen erreicht während Konflikten und Aufständen ihren Höhepunkt. "Mittlerweile ist es im Konfliktfall gefährlicher, eine Frau zu sein, als ein Soldat." sagt Major General Patrick Carnmaert, ein früherer Kommandeur von UN-Peacekeeping Operationen.

Doch der Klimawandel verschärft Konflikte nicht selbst. 2010 zeigte eine Studie über Konflikte in Afrika in den Proceedings der National Academy of Sciences (PNAS), daß die Art, wie sich der Klimawandel auf eine Gesellschaft auswirkt, von der lokalen Politik, Ökonomie und Kultur abhängt.

Der Hauptgrund, weshalb afrikanische Länder für Unruhen und gewaltsame Konflikte so anfällig sind, so zeigt die PNAS Studie, hängt neben anderen Faktoren davon ab, wie sehr ihr sozialer Zusammenhalt unter der Einwirkung neoliberalen kapitalistischer Reformen auseinander gerissen wurde, welche der IWF und die Weltbank ihnen aufgebürdet haben.

Weiter davon entfernt, zur 'Entwicklung' beizutragen, haben die Bemühungen, Afrika in die räuberische globale Finanzwelt zu integrieren, deren Gesellschaften weitgehend verwüstet, indem die Säuglingssterblichkeit in die Höhe getrieben, Ungleichheiten verschärft und regionale Staaten unter untragbaren Schulden begraben wurden.

Die neoliberale Restrukturierung hat eine neue Kriegsökonomie in der weniger entwickelten Welt erzeugt, Gemeinschaften entwurzelt, ethnische Gegensätze und Stammesrivalitäten verstärkt. Der daraus resultierende soziale Zusammenbruch erlaubt das Wiederaufleben von Extremismus, da die Menschen auf der Suche nach Sicherheit zu Traditionen, Identitäten und Mythen Zuflucht nehmen.

Das wiederum trifft wie bereits erwähnt, meistens und zu aller erst die am stärksten Gefährdeten, insbesondere Frauen und Kinder, in Gestalt von kulturell sanktionierten Verbrechen wie Ehrenmorde, weibliche Genitalverstümmelung, Zwangsheiraten und dergleichen.

Geheime Dokumente der Weltbank, die vor ein paar Jahren geleakt wurden zeigen, daß den Finanzinstitutionen diese enorm destabilisierende Wirkung der neoliberalen Restrukturierung voll bekannt ist. Beispielweise sagte ein Länderhilfsplan der Weltbank für Ecuador von 2000 korrekt voraus, daß die vorgeschlagenen Reformen "soziale Unruhen" entfachen werden.

Doch das war nur Teil eines größeren Bildes. Wie Joseph Stiglitz, der ehemalige Chefökonom der Weltbank es auszudrücken pflegte, führte das neoliberale Paket aus Privatisierung und Liberalisierung all zu häufig zu dem, was er "IWF-Aufstände" nannte.

Der unregulierte globale Kapitalismus verschlimmert so die schlimmste Verarmung und soziale Verwerfungen, was zu Krieg und Zerrüttung führt und worunter Frauen am meisten leiden.

Vergewaltigung ist gut für das Business


In diesem Mix spielt der globale Handel mit Handfeuerwaffen eine besondere Rolle. Sarah Masters, Frauen-Netzwerk Koordinatorin vom International Action Network on Small Arms weist darauf hin, daß ohne die massive Verbreitung leichter Kampfmittel und Handfeuerwaffen die Mißhandlung und Vergewaltigung von Frauen "in derart großem Umfang, in den meisten Konflikten weltweit", schlichtweg nicht möglich wäre.

Handfeuerwaffen ermöglichen nicht nur Vergewaltigung und andere Formen des sexuellen Mißbrauchs, sondern auch Entführungen, Zwangsversklavung und Zwangsprostitution.

Doch der Handel mit leichten Waffen ist schnelles Geld für den westlich dominierten militärisch-industriellen Komplex. Zu den weltweit größten Exporteuren leichter Waffen gehören die USA, Italien, Deutschland, Österreich, die Schweiz, Russland, Frankreich, Belgien, Spanien und andere. Der Auftragswert des Handels mit Kleinwaffen beläuft sich auf 8,5 Milliarden Dollar (gut 7,9 Milliarden Euro) pro Jahr.

Dies ist aber nur ein Bruchteil des Waffenhandels, mit welchem die Top-Firmen einen Umsatz von 395 Milliarden Dollar machen. Die großen Interventionen im Irak und in Afghanistan haben die Profite solcher Rüstungsunternehmen signifikant erhöht.

Insgesamt gehen nahezu 60% aller Umsätze der Top 100 Firmen auf das Konto von US-Firmen, mit Lockheed Martin und Boeing an erster und zweiter Stelle, an dritter Stelle gefolgt von den britischen BAE Systems.

Doch während die Rüstungsfirmen Geld scheffelten, waren die Auswirkungen vor Ort verheerend: dies ist der Teufelskreis des neoliberalen Kapitalismus. Die Weltbank und der IWF entwurzeln Gesellschaften und heizen Konflikte an, indem sie Länder für ausländische Investoren öffnen, während Waffenfirmen einfallen und ein Bombengeschäft damit machen, an alle Seiten des Mahlstroms Waffen zu verkaufen. Gleichzeitig nehmen Vergewaltigung und Mißhandlung von Frauen epidemische Ausmaße an.

Sowohl in Ländern in denen eine westliche Intervention und Okkupation stattfand, wie der Irak, Afghanistan und Palästina, als auch in weniger entwickelten Regionen wie Afrika [PDF], hat sich Gewalt gegen Frauen in allen Bereichen des Lebens festgesetzt und eingenistet.

Beispielsweise unter dem von den USA gestützten Regime im Irak, tragen Frauen die Hauptlast wachsender geschlechtsbasierter Gewalt, unzulänglicher Infrastruktur, politischer Exklusion und Armut. Doch entgegen aller Umstände sind es irakische Frauen, die in bürgerlichen Organisationen und sozialen Bewegungen an vordersten Front des Engagements für Rechte stehen.

Was alles noch verschlimmert ist, daß Gewalt gegen Frauen auch außerhalb von bewaffneten Konflikten gang und gäbe ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellte 2013 fest [PDF], daß 35% aller Frauen physischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt waren, entweder durch jemand den sie kennen oder durch Fremde. Eine von drei Frauen weltweit, die in einer Beziehung war, wurde Opfer physischer oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner.

Damit niemand auf die Idee kommt, dies wäre vor allen eine rückwärts gerichtete 'Dritte Welt' Erscheinung, hat eine neuere EU-weite Studie gezeigt, daß überall in Europa eine vor drei Frauen über 15 Jahren Opfer einer Form von physischer oder sexueller Mißhandlung war. Die Zahlen für die Vereinigten Staaten sind ähnlich, nach denen eine von drei Frauen häusliche Gewalt erlebt hat und eine von fünf Frauen vergewaltigt worden ist.

Macht hat ein Geschlecht


Angesichts dieser überwältigenden, asymmetrischen von Männern gegen Frauen ausgeübten Gewalt verwundert es nicht, daß Frauen weltweit auch bei den häufigsten psychischen Erkrankungen übermäßig repräsentiert sind. Depression kommt bei Frauen z.B. doppelt so oft wie bei Männern vor.

Generell scheinen mehr Frauen auch an anderen häufigen Störungen zu leiden, wie z.B. Angstzustände und 'somatische Beschwerden' - physische Symptome ohne medizinische Erklärung. 2) Andererseits besteht bei Männern eine drei mal höhere Wahrscheinlichkeit für antisoziale Störungen der Persönlichkeit.

Epidemiologische Studien aus dem gesamten englischsprachigen Westen zeigen, daß dieses Muster in den führenden 'egoistisch kapitalistischen' Staaten viel ausgeprägter ist. Die Raten mentaler Erkrankungen bewegen sich in diesen Ländern im Vergleich zu anderen nicht nur auf Rekordniveau, sondern Frauen sind wieder einmal in größerer Zahl betroffen.

Bei Frauen besteht in diesen Länder eine 75% höhere Wahrscheinlichkeit für Depressionen und eine 60% höhere für Angststörungen als bei Männern. Männer werden hingegen zweieinhalb mal häufiger von Suchtmitteln abhängig als Frauen.

Nach Aussage des klinischen Psychologen Prof. Daniel Freeman von der Oxford University "erkennt man darin ein Muster - Frauen neigen dazu, eher an dem zu leiden, was wir 'innere' Probleme nennen, wie etwa Depressionen oder Schlafstörungen. Sie suchen die Probleme bei sich selber, wie es scheint, während Männer externalisierende Probleme haben, wobei sie Dinge aus ihrer Umgebung verantwortlich machen, wie z.B. Alkohol oder Probleme die sie ärgern".

Oft sind Frauen Zielscheibe von solchen unverkennbar männlichen mentalen Gesundheitsproblemen.

Diese geschlechtsbezogene Differenzierung bei der mentalen Gesundheit spiegelt die fundamentale Machtdisparität zwischen Männern und Frauen eindeutig wieder, ethnische Schranken und Klassengrenzen verschlimmern dies. Welche Facette der Zivilisationskrise wir auch betrachten, Frauen sind immer jene, die am allerschlimmsten davon betroffen sind.

Dies läßt vermuten, daß das Patriarchat selbst eine Funktion einer tief verwurzelten sich selbst erhaltenden Malaise ist, die sich wie Krebs über die gesamte industrielle Zivilisation ausgebreitet hat.

Apelle für mehr Gleichberechtigung, um etwas dagegen zu unternehmen, sind schön und gut. Doch meistens gelingt es den Bemühungen zu denen sie führen trotz vielleicht guter Absichten nicht, die systemischen Ursachen dieser Ungleichheit in den globalen - nicht etwa nur lokalen - politischen, ökonomischen und kulturellen Strukturen des Patriarchats zu akzeptieren.

Frauen werden systematisch von wichtigen Machtpositionen und Entscheidungsprozessen fern gehalten, in jedem Bereich der Gesellschaft, in allen Erdteilen, egal ob arm oder reich. Sie werden institutionell und direkt diskriminiert, sei es in der Politik, in der Arbeitswelt, in der Kunst, in Medien und Kultur.

Dies ist nicht einfach nur zum Schaden der Frauen: die ökonomische Marginalisierung von Frauen kostet die globale Ökonomie jährlich viele Billionen Dollar, was der Stabilität des Ganzen enorm zusetzt.

Trotzdem befindet sich der größte Teil der Weltressourcen im Besitz und unter Kontrolle einer winzigen Minderheit der Weltbevölkerung, in Gestalt wechselseitiger 'Drehtür-Verbindungen' zwischen Konzern-, Finanz-, Regierungs-, Verteidigungs-, Industriesektoren, Medien- und anderen.

Es ist das Geflecht dieser Top 90 Gruppe transnationaler Konzern-Monolithen - zu denen die mächtigsten Öl-, Gas- und Kohlefirmen der Welt gehören - welches für zwei Drittel der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist.

Und wer führt diese Konzerne? Während des letzten Jahrzehnt hat die Zahl der Frauen in den Führungsetagen von US-Konzern bei ungefähr 17% stagniert. Selbst in Ländern die besser sind, ist der Unterschied nicht groß. Schweden und Finnland liegen z.B. bei rund 27%.

Insgesamt haben uns Jahrzehnte an Diversifikation so gut wie nirgendwo hin gebracht, wenn Konzernführungen zu 88% weiß und zu 85% männlich sind. Sieht man sich die 500 erfolgreichsten Firmen an, so sind nur 4% der Geschäftsführer Frauen, von denen alle weiß sind.

Alle diese giantischen Firmen versuchen ihre Gewinne zu maximieren, egal was es Mensch oder Umwelt kostet. Sie nutzen die zunehmende Verknappung der Ressourcen aus und steigern Investitionen durch lukrativen Landraub für die landwirtschaftliche Produktion, die Gewinnung mineralischer Rohstoffe und betrügerische Geschäftsmodelle im CO2-Handel.

In weniger entwickelten Regionen wie Afrika, "hat dies einen unmittelbar Einfluß auf die Möglichkeiten der Frauen das Land zu nutzen, auf ihren Lebensunterhalt, auf die Verfügbarkeit von Nahrung und auf die Lebenshaltungskosten und letztendlich, auf den Zugang der Frauen zum Land, um Lebensmittel anzubauen", berichtet Oxfam.

Der planetarischen Frauenfeindlichkeit entgegentreten


Die systematische Marginalisierung und Unterdrückung von Frauen ist keine zufällige Erscheinung unserer zivilisatorischen Krise. Sie ist eine unverzichtbare und grundlegende Stütze der allgegenwärtigen Ungerechtigkeit des globalen Systemes. Die globale Gewaltepidemie gegen Frauen ist inhärent mit unserem von Männern dominierten System der Gewalt gegen die gesamte natürliche Welt verbunden.

Der Vergewaltiger, der Peiniger, unterscheidet sich nicht vom unersättlichen Tyrannen, einem Sklaven seiner sadistischen Begehrnisse, dem jegliches Mitgefühl für den Schmerz fehlt, welcher bei deren Befriedigung zugefügt wurde.

Gewalt gegen Frauen bedeutet Macht, Selbstbelohnung durch Beherrschung und Kontrolle, extremer Egoismus und Narzissmus und letztlich ein Mangel an Mitgefühl, der an eine Psychopathologie grenzt. Unsere systembedingte Gewalt gegen die Natur ist genau so ultimativ.

Während die ausbeuterische Plünderung der planetaren Ressourcen mit dem Ziel des unbegrenzten materiellen Wachstums weitergeht, setzt das globale System seinen asymmetrischen Krieg gegen Frauen fort, genau so wie es Spezien ausrottet, Ökosysteme zerstört und die Ressourcen für Profit und Macht einer kleinen Minorität erschöpft.

Die Kluft zwischen den Geschlechtern ist nicht einfach nur ein Spiegelbild dessen, daß die Menschheit sich nicht als Teil der Natur begreift: sie ist beides, Symptom und vorantreibende Ursache dieser falschen Verortung.

Doch dies macht keinen Sinn. Der gegenwärtige globale Kapitalismus mag ein paar Leute reicher machen, doch er macht mehr Menschen ärmer und unglücklicher, indem Unsicherheit und Kriege zunehmen. Und bis spätestens Ende dieses Jahrhunderts, droht uns nach übereinstimmender Ansicht unserer besten Wissenschaftler die Aussicht auf einen unbewohnbaren Planeten, wenn wir wie bisher weitermachen.

Das globale System versagt und der Massenmord, der Mißbrauch und Mord von Frauen durch Männer steht im Zentrum dieses Versagens: Frauenfeindlichkeit ist integrale Funktion der planetaren Zerstörung.

Wenn wir den Planeten retten wollen, muß das Patriarchat sterben. Das heißt, Verantwortung erkennen und für die Tatsache übernehmen, daß das Patriarchat integraler Bestandteil der Machtstrukturen ist, die wir im Osten wie im Westen als selbstverständlich ansehen.

Wir können nicht weiter warten. Wenn die Frauenfeindlichkeit gewinnt, stirbt der Planet.



Über den Autor:

Dr. Nafeez Ahmed ist ein investigativer Journalist, Bestseller Autor und Gelehrter für internationale Sicherheit. Er schreibt regelmäßig für The Ecologist, was die Umwelt-, Energie- und Ökonomiekrisen miteinander zu tun haben und was das geopolitisch bedeutet. Er hat u.a. auch für die folgenden Medien geschrieben: The Guardian, The Independent, Sydney Morning Herald, The Age, The Scotsman, Foreign Policy, Prospect, New Statesman, Vice und Le Monde diplomatique. Seine neue Novelle über die nahe Zukunft heißt ZERO POINT.

Dr. Nafeez Ahmed auf Twitter: @nafeezahmed
Homepage: www.nafeezahmed.com

The Ecologist auf Twitter: @the_ecologist



Rechtliches:

Das Copyright für den Originaltext "Patriarchy is killing our planet - women alone can save her" und für diese Übersetzung liegt bei The Ecologist. Einer genehmigten, nicht kommerziellen Verwendung meiner Übersetzung stimme ich ohne Rückfrage zu. Für diese Übersetzung gilt die Standardlizenz meines Blogs ausdrücklich nicht.

I thank Dr. Nafeez Ahmed and The Ecologist for the permission to translate this article and publisch it here.

Anmerkungen des Übersetzers:


1) Die Aussage, daß eine Krise unserer Erkenntnistheorie vorliegt, welche auf unserer fragmentierten Wahrnehmung des Lebens und der Natur beruht, möchte ich noch etwas ausführen, da sie mich zu dieser Übersetzung angeregt hat.

Im Verlauf der Geschichte hat die Menschheit ein Erkenntnismodell entwickelt, das den Menschen selbst ausblendet und so glaubt, zu absoluten Wahrheiten zu gelangen. Diese Wahrheit gilt als objektiv, als nur durch die Dinge bzw. Objekte begründet und nicht vom Beobachter verfälscht. Ein verlockendes, Modell für Wahrheit. Nur bleiben wir dabei langfristig auf der Strecke.

Mit diesem Erkenntnismodell kann man nicht nur den Kapitalismus erklären, welcher in der neoliberalen Ökonomie sein Wesen am häßlichsten zeigt, indem der monetäre Gewinn jeglichem Sinn und Zweck übergeordnet wird. Einem Börsenkurs als klinisch reiner Parameter haftet nichts Ausbeuterisches an. Die Anwendung dieses Erkenntnismodelles, hat auch zu einer Wissenschaft mit getrennten, sich verselbständigenden Disziplinen geführt.

Es wurde nicht nur zwischen Subjekt und Objekt unterschieden, sondern aus Gründen der genaueren Analyse wurden auch die Objekte immer mehr separiert. Es wird zwar versucht, die irgend wann als Problem erkannte Trennung der Fachgebiete durch interdisziplinäre Anstrengungen auszugleichen, doch dies ändert nichts daran, daß die Wissenschaft laufend Technologien hervorbringt, die sich negativ auf die Gesundheit des Menschen auswirken. Das ergibt sich zwangsläufig, wenn das Erkenntnismodell den Menschen als Störfaktor ausblendet.

Dieses Erkenntnismodell haben wir alle als das einzig mögliche verinnerlicht. Natürlich haben wir ihm viel zu verdanken und es hat uns oder zumindest ein paar Wenige sehr mächtig gemacht. So mächtig, daß wir die Natur nicht nur penibel analysieren sondern sogar unsere Lebensgrundlagen zerstören können.

Ein alternatives Erkenntnismodell müßte das Subjekt in die Theorie zurück zu holen. Natürlich nicht als Objekt, wie dies in der Psychologie geschieht, sondern als wichtiger Teil eines Gesamtbildes. Idealerweise sollte die Theorie ein Gesamtbild liefern, oder zumindest eines, das den Menschen und die Umwelt berücksichtigt. So müßte z.B. ein Chemiker nicht nur seine chemischen Reaktionen, sondern von Anfang an auch mögliche gesundheitliche und ökologische Auswirkungen mit im Blick haben. Doch dafür müßten die Wissenschaften völlig anders organisiert und Wissenschaftler anders ausgebildet werden. Schäden dürfen sich nicht erst dann herausstellen, wenn sie einen größeren Umfang angenommen haben und wenn wirtschaftliche Interessen eine Aufklärung durch taktische Kontroversen zu verhindern versuchen.

Forschung müßte außerdem viel langatmiger werden und dürfte nicht der neoliberalen Effizienz unterworfen werden. Man denke nur an die lange Latenz von Krebserkrankungen. Oder wie werden sich gentechnisch veränderte Lebensmittel, Konservierungs- und Farbstoffe, die zunehmende Belastung mit nichtinonisierender Strahlung, mit Nanopartikeln, mit endokrinen Disruptoren und mit neuronal schädigenden Substanzen (Pestizide und Neuroleptika) langfristig, d.h. über Generationen, auf uns und die Umwelt auswirken? Gibt es vielleicht schon Folgen, die wir aufgrund unserer fragmentierten Wahrnehmung, wie im Text gesagt wird, gar nicht erkennen können?

Bei solchen Fragen geht es um zuviel, als daß wir sie auf verbitterte ideologische Auseinandersetzungen reduzieren sollten. Zivilisationserkrankungen sind ein wunderbar verdächtiges Wort. Doch leider werden diese eher dem individuellen Fehlverhalten als den verschlechterten Lebensbedingungen zugeschrieben.

Fraglich ist, wie ein grundlegender Wandel des Erkenntnismodelles erreicht werden könnte, denn Veränderungen sind Machtfragen. Im Moment ist für die Machtelite alles optimal organisiert und sie träumt wohl davon, Dank des technischen Fortschritts den Planeten zu wechseln, wenn dieser endgültig ausgeplündert und unbewohnbar geworden ist.

Vielleicht enthält dieser Text von Dr. Nafeez Ahmed einen wichtigen Lösungsansatz und alles gerät in Bewegung und wird neu verhandelbar, wenn wir etwas gegen die Ungleichheit der Geschlechter unternehmen. Beenden wir die Macht der Männer und die Ohnmacht der Frauen, indem wir aufhören, Kindern je nach Geschlecht die Rollenmuster von Machtstreben und Unterwürfigkeit anzuerziehen. Leider reproduzieren viele Menschen genau jene Erziehung, die sie selber erleiden mußten. Kindererziehung gehört gleichermaßen in die politische Diskussion.


2) Das Wort bzw. Konzept "somatische Erkrankung" sollte ganz aus der Medizin gestrichen werden. Es ist unserer fragmentierten Wahrnehmung geschuldet. Oft steht ein Umweltzusammenhang dahinter, den man nicht erkennt oder der noch nicht erforscht ist. Manchmal dient dieses Konzept dazu, Umweltzusammenhänge, für die es sehr wohl Hinweise gibt, zu leugnen. Als Konsequenz landen dann Menschen mit organischen Erkrankungen in der Psychiatrie und können dort sogar zu Tode kommen. Organische Symptome sollten immer physiologisch versorgt werden, egal ob man die Ursachen kennt oder nicht oder ob diese strittig sind. Dafür kann der oder die Betroffene nichts. 3)

Magengeschwüre galten lange als psychosomatische Mustererkrankung. Da häufig Menschen unter Streß betroffen waren, nannte man sie auch Managerkrankheit. 2005 erhielten erhielten die Forscher Robin Warren und Barry Marshall den Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung des Helicobacter pylori Bakteriums.

Angenommen, wir wüßten nichts von radioaktiver Strahlung, hätten aber Strahlenkranke vor uns. Wie würde man wohl mit diesen Menschen umgehen? Wie ging man anfänglich mit Krebskranken und später mit den ersten AIDS-Patienten um? Oder vielleicht kennen Sie jemand mit spät diagnostizierter Borreliose. Eine lehrreiche Erfahrung bzgl. somatischer Phänomene ist es auch, keine Allergie gegen Pollen oder Katzenhaare, sondern gegen einen Stoff zu haben, auf den der Arzt nicht testen kann.


3) Der Fall Sophia Mirza

Die Psychiatrie, mit ihrer dunklen, aus groben Menschenrechtsverletzungen bestehenden Geschichte, ist im Gegensatz zur Psychologie völlig überflüssig. Die verabreichten Medikamente schaden mehr [PDF], als daß sie nutzen. Das hat etwas mit petrochemischen Stoffen zu tun, die unser Körper nicht kennt, da sie nicht in der Umwelt präsent waren, während wir uns als Art entwickelt haben.


Meta: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Erstellt: 21.03.2015 23:51
Geändert: 23.03.2015 22:01
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=141

GNUsocial z.B. quitter




Bienen in der Stadt

12.02.2015 15:35


© Foto: greg lilly CC: BY-NC via flickr 


Am 11. Februar 2015 wurde in den Proceedings B der Royal Society die Studie "Where is the UK's pollinator biodiversity? The importance of urban areas for flower-visiting insects"* von Katherine C. R. Baldock, Mark A. Goddard, et al (DOI: 10.1098/rspb.2014.2849) veröffentlicht, welche zu einem erstaunlichen Ergebnis kommt. Im städtischen Grün findet man genau so viele Pollinatoren, also bestäubende Insekten, wie in der freien Natur.
*Wo findet man die Biodiversität der Pollinatoren in Großbritannien? Die Bedeutung städtischer Bereiche für Blüten besuchende Insekten

Die Forscher verglichen drei Landschaftstypen: Stadtraum, landwirtschaftlich genutzte Flächen und Naturschutzgebiete. In jeweils 12 solcher "Landschaften" wurden mit Hilfe eines Netzwerkes aus Meßpunkten bestäubende Insekten auf einer Fläche von einem Quadratkilometer stichprobenartig gezählt. Dazu gehörten Wildbienen, Hummeln, Honigbienen, solitäre Bienen und Schwebfliegen. In allen drei Landschaftstypen gab es ungefähr die selbe Vielfalt an bestäubenden Insekten. Es gab auch ungefähr gleich viele Bienen, im städtischen Raum wurden jedoch mehr Bienenarten festgestellt, so auch mehr Wildbienen. Dagegen gab es auf Ackerland und in Naturreservaten mehr Schwebfliegen als in der Stadt. Seltenere Insektenarten kamen in allen drei Landschaftstypen ungefähr gleich häufig vor.

Ebenso erstaunlich ist, daß in der Stadt die den Insekten zur Verfügung stehende Pflanzenvielfalt am größten ist. Ich hätte eher auf Naturschutzgebiete getippt.

Diese Studie zeigt, wie wichtig die Stadt für das Überleben der Bienen geworden ist. Ohne die von Bienen erbrachte Arbeit der Bestäubung, sähe das Angebot an Obst und Gemüse ein wenig bescheidener aus, als wir es gewohnt sind.

Obwohl es die Chemie-Lobby anfänglich geschafft hatte, der Öffentlichkeit weiß zu machen, daß einzig die Varroamilbe und damit eigentlich das Unvermögen langjährig erfahrener Imker dafür verantwortlich wäre, daß immer weniger Bienenvölker den Winter überleben, sind die Zusammenhänge mittlerweile besser bekannt. Längst werden Neonicotinoide in Pflanzenschutzmitteln für das Sterben von Bienen und anderen bestäubenden Insekten verantwortlich gemacht. Die EU-Kommission hat zum vorsorglichen Schutz von Bienen die Verwendung der neonicotinoiden Wirkstoffe Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam ab dem 1. Oktober 2013 stark eingeschränkt.

Eine neuere Studie, Christopher Moffat, Joao Goncalves Pacheco, et al (DOI: 10.1096/fj.14-267179), hat sogar einen Wirkzusammenhang aufgezeigt und eine Schädigung der Mitochondrien in Hirnzellen durch Neonicotinoide bei Hummeln nachgewiesen, was sich direkt auf deren Verhalten und Überlebensfähigkeit auswirkt. Dies wurde mit Feldversuchen in pestizidfreier Umgebung im Schottischen Hochland belegt. Zuvor haben zahlreiche andere Studien das Bienensterben (auch CCD - Colony Collapse Disorder genannt) mit Neonicotinoiden in Zusammenhang gebracht. Die EU-Kommission will nach Ablauf von zwei Jahren die wissenschaftliche Literatur erneut prüfen und wird hoffentlich Neonicotinoide dauerhaft verbieten.

Leider muß man sich um deren Unabhängigkeit Sorgen machen. So wurde erst Anfang Februar 2015 bekannt, daß ein Bericht, der möglicherweise das Verbot von bis zu 31 Pestiziden wegen endokriner Eigenschaften zur Folge gehabt hätte, zurückgehalten wurde.

Aufgrund der anfangs vorgestellten Studie wissen wir nun aber, daß wir selbst in der Stadt etwas für die unter Druck stehende Bienenpopulation tun können. So sollten wir politisch Einfluß darauf nehmen, daß unser Stadtgrün noch bienenfreundlicher gestaltet wird. Wer einen Garten hat, kann dies selber tun und sollte vor allem auf den Einsatz von Chemie verzichten. Doch auch wer einen Balkon oder sogar nur einen Blumenkasten auf dem Fensterbrett hat, kann einen kleinen Beitrag leisten. Welche Pflanzen dafür am besten geeignet sind, läßt sich durch eine Recherche leicht herausfinden.

Besonders sympathisch finde ich, daß das Hotel Westin Grand hier in Berlin seit 2013 auf seinem Dach ein paar Bienenvölkern ein Zuhause bietet. Da der nahe gelegene Boulevard "Unter den Linden" tatsächlich von vielen Linden gesäumt wird und der Tiergarten nicht weit ist, finden diese Bienen reichlich Nahrung und haben weniger Pestizide als auf dem Land zu fürchten.

Seit 2009 gibt es im Prinzessinnengarten Stadtbienen. Es wurden aber auch schon Wildbienen gesichtet. Desweiteren gibt es Veranstaltungen für Bienenfreunde und potentielle Bienenhalter in der Stadt.

Seit 2011 läuft die Aktion "Berlin summt", Teil der bundesweiten Kampagne "Deutschland summt!". U.a. werden Bienenvölker auf "prominenten" Dächern bekannter Gebäude abgestellt.

Nach Auskunft des Imkerverbandes soll es in Berlin über 800 Stadtimker und damit sicher mehr Bienen als Einwohner geben. Wer Bienen auf dem Balkon halten möchte, kann bei der BienenBox einen Bausatz bestellen.*

Oder wie wäre es mit einem Insekten Hotel im Garten?



*Anmerkung, 14.04.2015:
Erhard Maria Klein von Mellifera e. V. hat zu dieser Art der Haltung einen kritischen Beitrag geschrieben und empfiehlt die Bienenkiste seines Vereins, welche kostengünstig selbst gebaut werden kann. Ob die Bauform der BienenBox ungünstig ist und zu einem Futterabriß führen kann, erfragen Sie bitte bei erfahrenen Imkern. Gerne füge ich hier eine weitere Ergänzung an, wenn mir jemand kompetent schreibt.



Ein paar Links zu Studien und Berichten habe ich hier gesammelt:
www.ufocomes.de/sources/bee_links.html - Siehe auch meinen Eintrag von 26.01.2015
(Bitte herunterladen, nicht verlinken. Danke!)


Twitter-Tipps:
Professor David Goulson @DaveGoulson
wildBee.ch @wildBee_ch
James the Beekeeper! @surreybeekeeper
nearBees @nearBees
Mellifera e. V. @MelliferaDE
Stadtbienen @Stadtbienen
Bienenkiste @BienenBox
Imkerei @imkern


Meta: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Erstellt: 12.02.2015 15:35
Geändert: 14.04.2015 12:12
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=140

GNUsocial z.B. quitter