Initiative Pro Netzneutralität

Das Patriarchat bringt Mutter Erde um, nur Frauen können Sie retten

21.03.2015 23:51

Autor: Dr. Nafeez Ahmed für The Ecologist, 13. März 2015
Übersetzung: BrunO


Die globale Epidemie der Gewalt gegen Frauen und deren systematischer Ausschluß von den Machtstrukturen die uns regieren, gehören unverzichtbar zur gewaltsamen Ausbeutung der Erde und ihrer Ressourcen durch den Mann, schreibt Nafeez Ahmed. Der Kampf die Erde zu retten muß mit der Stärkung der Rolle der Frau beginnen - und das bedeutet, unsere Mittäterschaft an ihrer Unterdrückung und Ausbeutung zu beenden.

From The Destruction... we Shall Return
© Grafik: imad abu shtayyah CC: BY-NC via behance.net - Twitter: @imadabushtayyah 
Letzten Sonntag, am 8. März war der internationale Frauentag, doch trotz der Feiern und der sich über den ganzen Tag erstreckenden Würdigung von Frauen in den weltweiten Medien wurde kaum beachtet, wie sehr die systematische Marginalisierung von Frauen integraler Bestandteil von dem ist, was ich "Krise der Zivilisation" nenne.

Die Bemühungen der UN und anderer offizieller Stellen, die zentrale Bedeutung von Frauen im Kampf gegen den Klimawandel hervorzuheben sind löblich, doch sie gehen einfach nicht weit genug, um zu zeigen, wie sehr von Männern dominierte Institutionen und Strukturen direkt für die gesellschaftliche Entmündigung von Frauen verantwortlich sind.

Eine oder viele Krisen?


Die globalen Krisen mit denen wir heute zu tun haben sind zahlreich, doch ihre Verschiedenheit täuscht uns.

Wenn wir genauer hinsehen, sind diese anscheinend unterschiedlichen Krisen wie Klimawandel, schwindende Energiequellen, Verknappung von Nahrungsmitteln, ökonomischer Zusammenbruch und gewalttätige Konflikte in Wirklichkeit keine eigenständigen Probleme. Eher sind sie inhärent zusammenhängende Symptome einer schwerwiegenderen globalen Störung.

Alle diese Krisen hängen elementar damit zusammen, daß unser globales System zunehmend die ökologische Belastbarkeit unserer Umwelt überfordert.

Die reiche industrialisierte Klasse [PDF] der Welt akkumuliert und verbraucht zu viele Ressourcen und Rohstoffe dieses Planeten. Dabei werden riesige Mengen von zunehmend sich verteuerndem und schmutzigem fossilem Öl verbrannt, noch nie dagewesene Mengen an Müll und Kohlendioxyd auf eine Art und Weise in die Umwelt entsorgt, welche die Ökosysteme destabilisiert und ironischerweise so die Lebenshaltungskosten in die Höhe treibt und es uns unmöglich macht, auf einem derart hohem Niveau des Überkonsums weiter zu leben.

Dies vergrößert die globale Ungleichheit, erzeugt mehr Armut und Mangel, während es die Fähigkeit von Staaten überfordert, weiterhin öffentliche Dienstleistungen bereit zu stellen. Dies wiederum verschärft gesellschaftliche Unruhen, führt zum Ausbruch von Bürgerkriegen und internationalen Konflikten.

Unsere weitverbreitete Wahrnehmung dieser Krisen als voneinander unabhängig ist selbst ein Symptom einer epistemologischen Krise, die auf unsere fragmentierte Wahrnehmung des Lebens und der Natur zurück geht. 1) s.u.

Dies ergibt sich daraus, daß Energie, Ökonomie und Umwelt nicht voneinander getrennt sind. Es handelt sich um rein konzeptuelle Abstraktionen die wir entwickelt haben um Sachverhalte zu verstehen, die durch und durch miteinander verwoben sind.

Unsere fragmentarische und reduktionistische Weltsicht spielt dabei ein große Rolle. Unsere Wissenschaften sind nicht nur derart spezialisiert, daß es uns an ganzheitlichen, umfassenden Konzepten fehlt, um Zusammenhänge zwischen Physik, Biologie, Gesellschaft, biophysikalische Umwelt, Ökonomie, Kultur und vielen anderen Dingen herzustellen. Diese Unfähigkeit, anhand von Details das Ganze zu erkennen bedeutet auch, daß wir nicht nur in unserem Verständnis der Welt, sondern daß wir in unserer Fähigkeit eingeschränkt sind, auf die sich nun verschärfenden Krisen zu reagieren.

Angesichts der Krise der Zivilisation bedeutet dieser fragmentierte Reduktionismus, daß wir uns selbst nicht als Teil der natürlichen Welt, sondern als die Beherrscher der Natur verstehen. Auf diese Weise haben wir unter der Doktrin der neoklassischen, nun neoliberalen Ökonomie das empirisch widerlegte imaginäre Leistungsprädikat des "unbegrenzten materiellen Wachstums" zum Gott erhoben, obwohl ein solches im wahrsten Sinne des Wortes physikalisch nicht möglich ist.

Wir haben die natürliche Welt in ihrer Gänze, einschließlich allem was auf dem Planeten lebt und nicht lebt, dem unhinterfragbarem Diktat des "Marktes" unterworfen. Infolge dessen wurde alles zur Ware und es entstand die Vision einer sich selbst aufrecht erhaltenden Kultur des Massenkonsums, was unsere Abhängigkeit vom unbegrenzten Wachstum, aber auch unsere Blindheit gegenüber dem sich daraus ergebenden selbstmörderischen Kurs verstärkte.

Diese Trennung zwischen den Menschen und der natürlichen Ordnung spiegelt sich in der inneren Dynamik des globalen Systemes wieder: die wachsende Disparität zwischen Arm und Reich, die sich ausweitenden Feindseligkeiten zwischen Muslimen und nicht Muslimen, die wachsende Spaltung zwischen Weißen und nicht Weißen und natürlich die weiterhin bestehende Ungleichheit der gesellschaftlichen Machtverteilung zwischen Männer und Frauen.

All diese Fälle zeigen uns, daß unsere rücksichtslose Plünderung unseres eigenen, planetaren Lebenserhaltungssystemes mit unserer penetranten Neigung zusammen hängt, alles zu trennen, auszuschließen und zum "Anderen" zu machen, oft auf eine derart hinterhältige Art, die es uns schwierig und sogar schmerzhaft macht, diese Vorgänge einzugestehen. Doch bis jetzt ist in diesem Kontext das Patriarchat am allerbeständigsten, auch wenn man dies immer noch nicht zugeben möchte.

Der Klimawandel hat ein Geschlecht


Naturkatastrophen, die auf den Klimawandel zurück zu führen sind, werden häufiger. Die Zahl der Katastrophen hat sich zwischen 2000 und 2009 im Vergleich zu 1980 bis 1989 verdreifacht, die meisten davon hatten etwas mit dem Klima zu tun. Die meisten Opfer dieser Katastrophen waren ausnahmslos Frauen.

Im Durchschnitt sterben bei Katastrophen konstant mehr Frauen als Männer, in einigen Fällen sind es 90% weibliche Opfer. Nach Daten der UN [PDF] ist für Frauen das Risiko bei einer Naturkatastrophe umzukommen 14 Mal höher als für Männer.

Frauen leiden auch disproportional stärker unter den Folgen solchen Katastrophen, die das Risiko sexueller Übergriffe erhöhen, den Schulbesuch von Mädchen verhindern und ähnliches. Für die höhere Gefährdung kann es zahlreiche Gründe geben: eine schwächere Ökonomie, geringere Verfügbarkeit von Technologien wie Mobilfunk-Telefone (was eine geringere Wahrscheinlichkeit bedeutet, rechtzeitig gewarnt zu werden), der Kultur geschuldete verminderte Bewegungsfreiheit etc.

Letztendlich besteht einer der Hauptgründe, weshalb Frauen durch den Klimawandel disproportional zu Schaden kommen darin, daß sie sowieso marginalisiert sind. Das heißt, die Auswirkungen des Klimawandels in Gestalt von extremem Wetter, Wassermangel und Mißernten, treffen Frauen am stärksten.

Armut hat ein Geschlecht


Eine der deutlichsten Manifestationen der systematischen Entrechtung von Frauen ist Armut. Nahezu eine Milliarde Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, welche die Weltbank als tägliches Einkommen von 1,25 Dollar definiert.

Nach derzeitigem Stand haben die 50 reichsten Menschen ungefähr das gleiche jährliche Einkommen wie die ärmste Milliarde. Nach Angaben des UN-Entwicklungsprogrammes (1995) sind 70% davon Frauen.

Aufgrund begrenzter und dürftiger Daten aus der laufenden Forschung ist es nicht eindeutig festzustellen, inwieweit dieser Prozentanteil aktuell wächst. Doch es ist nicht zu bezweifeln, daß Frauen in der [sog.] weniger entwickelten Welt ökonomisch sehr viel schlechter als Männer dastehen.

In Wirklichkeit ist das Ausmaß der Armut sehr viel größer als im Allgemeinen angenommen wird. In seinem Bericht an den Generalsekretär der OECD von 2013 kommt beispielsweise der Ökonom Stephen Klasen von der Universität Göttingen zu dem Ergebnis [PDF], daß die ein Dollar pro Tag Regel die "Grenze ihrer Brauchbarkeit und Relevanz" erreicht hat.

"Dies hängt zum Teil mit der wachsenden Zahl armer Menschen in Ländern mit mittlerem Einkommen zusammen - wo der pro Kopf Verbrauch und die nationale Armutsgrenze wesentlich über 1,25 US-Dollar pro Tag liegen."

In einem aktuellen Leitartikel räumte Kaushik Basu, der Chefökonom der Weltbank ein, daß deren Definition von Armut "von Vielen als schockierend niedrig kritisiert wird". Dennoch hat die Weltbank nichts unternommen, ihre zweifelhafte Definition zu korrigieren. Diese Unterlassung macht es ihr möglich, lauthals Behauptungen zu verbreiten, daß Millionen Menschen die 1,25 Dollar Grenze überwunden haben und nun zu denen die der Armut entkommen sind gezählt werden können, obwohl sie tatsächlich weiterhin arm sind.

Weiterhin verdammt Basu das Fortbestehen der Armut als "kollektives Versagen". Das scheinen starke Worte zu sein, doch sie täuschen darüber hinweg, daß man letztlich niemand beschuldigt, wenn man 'alle' für etwas verantwortlich macht. Tatsächlich kann dieses 'Versagen' ziemlich eindeutig der strammen neoliberalen Politik der Bank selbst zugeschrieben werden.

Zur neoliberalen Politik gehörte das Zusammenkürzen staatlicher Ausgaben für Gesundheit, Bildung und andere öffentliche Leistungen, das Öffnen der Länder für schnelle Privatisierung und ausländische Investitionen und als Konsequenz, die Zunahme von staatlicher und öffentlicher Verschuldung. Nach einem UN-Bericht [PDF] führte dies ausnahmslos zu gebremstem Realwachstum und "verringertem Fortschritt, nach allen sozialen Indikatoren, welche für die Einschätzung von öffentlicher Gesundheit und erfolgreicher Bildung zur Verfügung stehen".

Nach Ansicht von Valentine Moghadam [PDF], Chefin für Gleichstellung der UNESCO-Menschenrechtsabteilung, "war die armutserzeugende Natur der neoliberalen Restrukturierung für Frauen besonders verheerend". Es ist "unbestreitbar", daß sich Frauen in einer "benachteiligten Position" befinden, in welcher "Frauen in Armut doppelt unter der Vorenthaltung ihrer Menschenrechte leiden - zum einen wegen der fehlenden Gleichberechtigung, zum anderen aufgrund der Armut".

In der Tat verdienen Frauen nur 10% des Welteinkommens und etwa halb so viel wie Männer, obwohl ihre Arbeitsstunden 70% der global geleisteten Arbeitszeit ausmachen.

Häufig bedeutet die ökonomische Benachteiligung von Frauen, daß sie sozial gefährdeter sind und deshalb leichter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und anderen geschlechtsbasierten Formen der Gewalt zum Opfer fallen. Weil der Klimawandel die zu Armut führenden Bedingungen verschärft, bedeutet dies, daß die meisten der Betroffen Frauen sind.

Nahrung und Wasser haben ein Geschlecht


Trotz allem weit davon entfernt, rein passive Opfer zu sein, bleiben Frauen für mögliche positive soziale Veränderungen unter solchen Voraussetzungen aufgrund ihrer unverzichtbaren Rolle bei der Verwaltung natürlicher Ressosurcen von absolut zentraler [PDF] Bedeutung.

Als hauptsächliche Sammler von Brennmaterial und Wasser für ihre Familien und als Grundversorger, in dem sie Energie für die Zubereitung von Nahrung verwenden, ihre Kinder aufziehen und die Kranken versorgen, stehen Frauen in erster Reihe, Gesundheit, Wachstum und Wohlergehen von Gemeinden aufrecht zu erhalten.

Zahlreiche Studien weisen darauf hin, daß der Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten zu häufigeren Dürren, Erosion von Küstensystemen, Versauerung der Ozeane, Zerstörung der Biodiversität, Ansteigen der Meeresspiegel und zu Veränderung der Jahreszeiten führen wird. Als Folge wird die globale Erwärmung die Wasserverknappung intensivieren und die Nahrungsversorgungssysteme für Milliarden von Menschen in überwiegend weniger entwickelten Ländern gefährden.

Dies bedeutet, daß die bei der Bereitstellung von Nahrung und Wasser eine derart wichtige Rolle spielenden Frauen von den durch den Klimawandel sich verschlimmern Lebensmittel- und Wasserkrisen am meisten betroffen sind.

Insgesamt verdienen Frauen [PDF] zwischen 30 und 80% von dem, was Männer jährlich verdienen. Von den 743 Millionen erwachsener Analphabeten sind zwei Drittel Frauen. Frauen machen ungefähr die Hälfte der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte in weniger entwickelten Ländern aus, besitzen aber nur etwa 10 bis 20% des Landes. Auch bewegen sich Frauen meistens täglich über weite Strecken, oft allein, um Wasser zu holen. Dadurch sind sie einer höheren Gefahr von Gesundheitsproblemen und Angriffen ausgesetzt.

Alles in Allem macht der Klimawandel Frauen ärmer, erodiert ihre ökonomischen Möglichkeiten, schränkt ihren Zugang zu Lebensmittel und Wasser ein und macht sie für Ausbeutung anfälliger. Dies höhlt unweigerlich die Integrität, den Zusammenhalt und die Nachhaltigkeit von Familien und Gemeinden aus.

Gewalt hat ein Geschlecht


Eine weitere wesentliche Auswirkungen des Klimawandels ist natürlich seine Eigenschaft, Instabilität und Konflikte zu verstärken, da Regierungen, die darauf versessen sind, wie bisher weiter zu machen, mit zunehmender Verknappung der Ressourcen konfrontiert werden, die sie nicht bewältigen können.

Viele Studien haben einen definitiven Zusammenhang zwischen der Beschleunigung des derzeitigen Klimawandels und der Häufigkeit von gewaltsamen Konflikten nachgewiesen.

Doch die meisten Opfer von Konflikten sind Frauen und Kinder, sei es durch sexuelle Gewalt als Kriegstaktik oder als Ziel willkürlicher Angriffe auf Zivilisten. Gewalt gegen Frauen erreicht während Konflikten und Aufständen ihren Höhepunkt. "Mittlerweile ist es im Konfliktfall gefährlicher, eine Frau zu sein, als ein Soldat." sagt Major General Patrick Carnmaert, ein früherer Kommandeur von UN-Peacekeeping Operationen.

Doch der Klimawandel verschärft Konflikte nicht selbst. 2010 zeigte eine Studie über Konflikte in Afrika in den Proceedings der National Academy of Sciences (PNAS), daß die Art, wie sich der Klimawandel auf eine Gesellschaft auswirkt, von der lokalen Politik, Ökonomie und Kultur abhängt.

Der Hauptgrund, weshalb afrikanische Länder für Unruhen und gewaltsame Konflikte so anfällig sind, so zeigt die PNAS Studie, hängt neben anderen Faktoren davon ab, wie sehr ihr sozialer Zusammenhalt unter der Einwirkung neoliberalen kapitalistischer Reformen auseinander gerissen wurde, welche der IWF und die Weltbank ihnen aufgebürdet haben.

Weiter davon entfernt, zur 'Entwicklung' beizutragen, haben die Bemühungen, Afrika in die räuberische globale Finanzwelt zu integrieren, deren Gesellschaften weitgehend verwüstet, indem die Säuglingssterblichkeit in die Höhe getrieben, Ungleichheiten verschärft und regionale Staaten unter untragbaren Schulden begraben wurden.

Die neoliberale Restrukturierung hat eine neue Kriegsökonomie in der weniger entwickelten Welt erzeugt, Gemeinschaften entwurzelt, ethnische Gegensätze und Stammesrivalitäten verstärkt. Der daraus resultierende soziale Zusammenbruch erlaubt das Wiederaufleben von Extremismus, da die Menschen auf der Suche nach Sicherheit zu Traditionen, Identitäten und Mythen Zuflucht nehmen.

Das wiederum trifft wie bereits erwähnt, meistens und zu aller erst die am stärksten Gefährdeten, insbesondere Frauen und Kinder, in Gestalt von kulturell sanktionierten Verbrechen wie Ehrenmorde, weibliche Genitalverstümmelung, Zwangsheiraten und dergleichen.

Geheime Dokumente der Weltbank, die vor ein paar Jahren geleakt wurden zeigen, daß den Finanzinstitutionen diese enorm destabilisierende Wirkung der neoliberalen Restrukturierung voll bekannt ist. Beispielweise sagte ein Länderhilfsplan der Weltbank für Ecuador von 2000 korrekt voraus, daß die vorgeschlagenen Reformen "soziale Unruhen" entfachen werden.

Doch das war nur Teil eines größeren Bildes. Wie Joseph Stiglitz, der ehemalige Chefökonom der Weltbank es auszudrücken pflegte, führte das neoliberale Paket aus Privatisierung und Liberalisierung all zu häufig zu dem, was er "IWF-Aufstände" nannte.

Der unregulierte globale Kapitalismus verschlimmert so die schlimmste Verarmung und soziale Verwerfungen, was zu Krieg und Zerrüttung führt und worunter Frauen am meisten leiden.

Vergewaltigung ist gut für das Business


In diesem Mix spielt der globale Handel mit Handfeuerwaffen eine besondere Rolle. Sarah Masters, Frauen-Netzwerk Koordinatorin vom International Action Network on Small Arms weist darauf hin, daß ohne die massive Verbreitung leichter Kampfmittel und Handfeuerwaffen die Mißhandlung und Vergewaltigung von Frauen "in derart großem Umfang, in den meisten Konflikten weltweit", schlichtweg nicht möglich wäre.

Handfeuerwaffen ermöglichen nicht nur Vergewaltigung und andere Formen des sexuellen Mißbrauchs, sondern auch Entführungen, Zwangsversklavung und Zwangsprostitution.

Doch der Handel mit leichten Waffen ist schnelles Geld für den westlich dominierten militärisch-industriellen Komplex. Zu den weltweit größten Exporteuren leichter Waffen gehören die USA, Italien, Deutschland, Österreich, die Schweiz, Russland, Frankreich, Belgien, Spanien und andere. Der Auftragswert des Handels mit Kleinwaffen beläuft sich auf 8,5 Milliarden Dollar (gut 7,9 Milliarden Euro) pro Jahr.

Dies ist aber nur ein Bruchteil des Waffenhandels, mit welchem die Top-Firmen einen Umsatz von 395 Milliarden Dollar machen. Die großen Interventionen im Irak und in Afghanistan haben die Profite solcher Rüstungsunternehmen signifikant erhöht.

Insgesamt gehen nahezu 60% aller Umsätze der Top 100 Firmen auf das Konto von US-Firmen, mit Lockheed Martin und Boeing an erster und zweiter Stelle, an dritter Stelle gefolgt von den britischen BAE Systems.

Doch während die Rüstungsfirmen Geld scheffelten, waren die Auswirkungen vor Ort verheerend: dies ist der Teufelskreis des neoliberalen Kapitalismus. Die Weltbank und der IWF entwurzeln Gesellschaften und heizen Konflikte an, indem sie Länder für ausländische Investoren öffnen, während Waffenfirmen einfallen und ein Bombengeschäft damit machen, an alle Seiten des Mahlstroms Waffen zu verkaufen. Gleichzeitig nehmen Vergewaltigung und Mißhandlung von Frauen epidemische Ausmaße an.

Sowohl in Ländern in denen eine westliche Intervention und Okkupation stattfand, wie der Irak, Afghanistan und Palästina, als auch in weniger entwickelten Regionen wie Afrika [PDF], hat sich Gewalt gegen Frauen in allen Bereichen des Lebens festgesetzt und eingenistet.

Beispielsweise unter dem von den USA gestützten Regime im Irak, tragen Frauen die Hauptlast wachsender geschlechtsbasierter Gewalt, unzulänglicher Infrastruktur, politischer Exklusion und Armut. Doch entgegen aller Umstände sind es irakische Frauen, die in bürgerlichen Organisationen und sozialen Bewegungen an vordersten Front des Engagements für Rechte stehen.

Was alles noch verschlimmert ist, daß Gewalt gegen Frauen auch außerhalb von bewaffneten Konflikten gang und gäbe ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellte 2013 fest [PDF], daß 35% aller Frauen physischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt waren, entweder durch jemand den sie kennen oder durch Fremde. Eine von drei Frauen weltweit, die in einer Beziehung war, wurde Opfer physischer oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner.

Damit niemand auf die Idee kommt, dies wäre vor allen eine rückwärts gerichtete 'Dritte Welt' Erscheinung, hat eine neuere EU-weite Studie gezeigt, daß überall in Europa eine vor drei Frauen über 15 Jahren Opfer einer Form von physischer oder sexueller Mißhandlung war. Die Zahlen für die Vereinigten Staaten sind ähnlich, nach denen eine von drei Frauen häusliche Gewalt erlebt hat und eine von fünf Frauen vergewaltigt worden ist.

Macht hat ein Geschlecht


Angesichts dieser überwältigenden, asymmetrischen von Männern gegen Frauen ausgeübten Gewalt verwundert es nicht, daß Frauen weltweit auch bei den häufigsten psychischen Erkrankungen übermäßig repräsentiert sind. Depression kommt bei Frauen z.B. doppelt so oft wie bei Männern vor.

Generell scheinen mehr Frauen auch an anderen häufigen Störungen zu leiden, wie z.B. Angstzustände und 'somatische Beschwerden' - physische Symptome ohne medizinische Erklärung. 2) Andererseits besteht bei Männern eine drei mal höhere Wahrscheinlichkeit für antisoziale Störungen der Persönlichkeit.

Epidemiologische Studien aus dem gesamten englischsprachigen Westen zeigen, daß dieses Muster in den führenden 'egoistisch kapitalistischen' Staaten viel ausgeprägter ist. Die Raten mentaler Erkrankungen bewegen sich in diesen Ländern im Vergleich zu anderen nicht nur auf Rekordniveau, sondern Frauen sind wieder einmal in größerer Zahl betroffen.

Bei Frauen besteht in diesen Länder eine 75% höhere Wahrscheinlichkeit für Depressionen und eine 60% höhere für Angststörungen als bei Männern. Männer werden hingegen zweieinhalb mal häufiger von Suchtmitteln abhängig als Frauen.

Nach Aussage des klinischen Psychologen Prof. Daniel Freeman von der Oxford University "erkennt man darin ein Muster - Frauen neigen dazu, eher an dem zu leiden, was wir 'innere' Probleme nennen, wie etwa Depressionen oder Schlafstörungen. Sie suchen die Probleme bei sich selber, wie es scheint, während Männer externalisierende Probleme haben, wobei sie Dinge aus ihrer Umgebung verantwortlich machen, wie z.B. Alkohol oder Probleme die sie ärgern".

Oft sind Frauen Zielscheibe von solchen unverkennbar männlichen mentalen Gesundheitsproblemen.

Diese geschlechtsbezogene Differenzierung bei der mentalen Gesundheit spiegelt die fundamentale Machtdisparität zwischen Männern und Frauen eindeutig wieder, ethnische Schranken und Klassengrenzen verschlimmern dies. Welche Facette der Zivilisationskrise wir auch betrachten, Frauen sind immer jene, die am allerschlimmsten davon betroffen sind.

Dies läßt vermuten, daß das Patriarchat selbst eine Funktion einer tief verwurzelten sich selbst erhaltenden Malaise ist, die sich wie Krebs über die gesamte industrielle Zivilisation ausgebreitet hat.

Apelle für mehr Gleichberechtigung, um etwas dagegen zu unternehmen, sind schön und gut. Doch meistens gelingt es den Bemühungen zu denen sie führen trotz vielleicht guter Absichten nicht, die systemischen Ursachen dieser Ungleichheit in den globalen - nicht etwa nur lokalen - politischen, ökonomischen und kulturellen Strukturen des Patriarchats zu akzeptieren.

Frauen werden systematisch von wichtigen Machtpositionen und Entscheidungsprozessen fern gehalten, in jedem Bereich der Gesellschaft, in allen Erdteilen, egal ob arm oder reich. Sie werden institutionell und direkt diskriminiert, sei es in der Politik, in der Arbeitswelt, in der Kunst, in Medien und Kultur.

Dies ist nicht einfach nur zum Schaden der Frauen: die ökonomische Marginalisierung von Frauen kostet die globale Ökonomie jährlich viele Billionen Dollar, was der Stabilität des Ganzen enorm zusetzt.

Trotzdem befindet sich der größte Teil der Weltressourcen im Besitz und unter Kontrolle einer winzigen Minderheit der Weltbevölkerung, in Gestalt wechselseitiger 'Drehtür-Verbindungen' zwischen Konzern-, Finanz-, Regierungs-, Verteidigungs-, Industriesektoren, Medien- und anderen.

Es ist das Geflecht dieser Top 90 Gruppe transnationaler Konzern-Monolithen - zu denen die mächtigsten Öl-, Gas- und Kohlefirmen der Welt gehören - welches für zwei Drittel der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist.

Und wer führt diese Konzerne? Während des letzten Jahrzehnt hat die Zahl der Frauen in den Führungsetagen von US-Konzern bei ungefähr 17% stagniert. Selbst in Ländern die besser sind, ist der Unterschied nicht groß. Schweden und Finnland liegen z.B. bei rund 27%.

Insgesamt haben uns Jahrzehnte an Diversifikation so gut wie nirgendwo hin gebracht, wenn Konzernführungen zu 88% weiß und zu 85% männlich sind. Sieht man sich die 500 erfolgreichsten Firmen an, so sind nur 4% der Geschäftsführer Frauen, von denen alle weiß sind.

Alle diese giantischen Firmen versuchen ihre Gewinne zu maximieren, egal was es Mensch oder Umwelt kostet. Sie nutzen die zunehmende Verknappung der Ressourcen aus und steigern Investitionen durch lukrativen Landraub für die landwirtschaftliche Produktion, die Gewinnung mineralischer Rohstoffe und betrügerische Geschäftsmodelle im CO2-Handel.

In weniger entwickelten Regionen wie Afrika, "hat dies einen unmittelbar Einfluß auf die Möglichkeiten der Frauen das Land zu nutzen, auf ihren Lebensunterhalt, auf die Verfügbarkeit von Nahrung und auf die Lebenshaltungskosten und letztendlich, auf den Zugang der Frauen zum Land, um Lebensmittel anzubauen", berichtet Oxfam.

Der planetarischen Frauenfeindlichkeit entgegentreten


Die systematische Marginalisierung und Unterdrückung von Frauen ist keine zufällige Erscheinung unserer zivilisatorischen Krise. Sie ist eine unverzichtbare und grundlegende Stütze der allgegenwärtigen Ungerechtigkeit des globalen Systemes. Die globale Gewaltepidemie gegen Frauen ist inhärent mit unserem von Männern dominierten System der Gewalt gegen die gesamte natürliche Welt verbunden.

Der Vergewaltiger, der Peiniger, unterscheidet sich nicht vom unersättlichen Tyrannen, einem Sklaven seiner sadistischen Begehrnisse, dem jegliches Mitgefühl für den Schmerz fehlt, welcher bei deren Befriedigung zugefügt wurde.

Gewalt gegen Frauen bedeutet Macht, Selbstbelohnung durch Beherrschung und Kontrolle, extremer Egoismus und Narzissmus und letztlich ein Mangel an Mitgefühl, der an eine Psychopathologie grenzt. Unsere systembedingte Gewalt gegen die Natur ist genau so ultimativ.

Während die ausbeuterische Plünderung der planetaren Ressourcen mit dem Ziel des unbegrenzten materiellen Wachstums weitergeht, setzt das globale System seinen asymmetrischen Krieg gegen Frauen fort, genau so wie es Spezien ausrottet, Ökosysteme zerstört und die Ressourcen für Profit und Macht einer kleinen Minorität erschöpft.

Die Kluft zwischen den Geschlechtern ist nicht einfach nur ein Spiegelbild dessen, daß die Menschheit sich nicht als Teil der Natur begreift: sie ist beides, Symptom und vorantreibende Ursache dieser falschen Verortung.

Doch dies macht keinen Sinn. Der gegenwärtige globale Kapitalismus mag ein paar Leute reicher machen, doch er macht mehr Menschen ärmer und unglücklicher, indem Unsicherheit und Kriege zunehmen. Und bis spätestens Ende dieses Jahrhunderts, droht uns nach übereinstimmender Ansicht unserer besten Wissenschaftler die Aussicht auf einen unbewohnbaren Planeten, wenn wir wie bisher weitermachen.

Das globale System versagt und der Massenmord, der Mißbrauch und Mord von Frauen durch Männer steht im Zentrum dieses Versagens: Frauenfeindlichkeit ist integrale Funktion der planetaren Zerstörung.

Wenn wir den Planeten retten wollen, muß das Patriarchat sterben. Das heißt, Verantwortung erkennen und für die Tatsache übernehmen, daß das Patriarchat integraler Bestandteil der Machtstrukturen ist, die wir im Osten wie im Westen als selbstverständlich ansehen.

Wir können nicht weiter warten. Wenn die Frauenfeindlichkeit gewinnt, stirbt der Planet.



Über den Autor:

Dr. Nafeez Ahmed ist ein investigativer Journalist, Bestseller Autor und Gelehrter für internationale Sicherheit. Er schreibt regelmäßig für The Ecologist, was die Umwelt-, Energie- und Ökonomiekrisen miteinander zu tun haben und was das geopolitisch bedeutet. Er hat u.a. auch für die folgenden Medien geschrieben: The Guardian, The Independent, Sydney Morning Herald, The Age, The Scotsman, Foreign Policy, Prospect, New Statesman, Vice und Le Monde diplomatique. Seine neue Novelle über die nahe Zukunft heißt ZERO POINT.

Dr. Nafeez Ahmed auf Twitter: @nafeezahmed
Homepage: www.nafeezahmed.com

The Ecologist auf Twitter: @the_ecologist



Rechtliches:

Das Copyright für den Originaltext "Patriarchy is killing our planet - women alone can save her" und für diese Übersetzung liegt bei The Ecologist. Einer genehmigten, nicht kommerziellen Verwendung meiner Übersetzung stimme ich ohne Rückfrage zu. Für diese Übersetzung gilt die Standardlizenz meines Blogs ausdrücklich nicht.

I thank Dr. Nafeez Ahmed and The Ecologist for the permission to translate this article and publisch it here.

Anmerkungen des Übersetzers:


1) Die Aussage, daß eine Krise unserer Erkenntnistheorie vorliegt, welche auf unserer fragmentierten Wahrnehmung des Lebens und der Natur beruht, möchte ich noch etwas ausführen, da sie mich zu dieser Übersetzung angeregt hat.

Im Verlauf der Geschichte hat die Menschheit ein Erkenntnismodell entwickelt, das den Menschen selbst ausblendet und so glaubt, zu absoluten Wahrheiten zu gelangen. Diese Wahrheit gilt als objektiv, als nur durch die Dinge bzw. Objekte begründet und nicht vom Beobachter verfälscht. Ein verlockendes, Modell für Wahrheit. Nur bleiben wir dabei langfristig auf der Strecke.

Mit diesem Erkenntnismodell kann man nicht nur den Kapitalismus erklären, welcher in der neoliberalen Ökonomie sein Wesen am häßlichsten zeigt, indem der monetäre Gewinn jeglichem Sinn und Zweck übergeordnet wird. Einem Börsenkurs als klinisch reiner Parameter haftet nichts Ausbeuterisches an. Die Anwendung dieses Erkenntnismodelles, hat auch zu einer Wissenschaft mit getrennten, sich verselbständigenden Disziplinen geführt.

Es wurde nicht nur zwischen Subjekt und Objekt unterschieden, sondern aus Gründen der genaueren Analyse wurden auch die Objekte immer mehr separiert. Es wird zwar versucht, die irgend wann als Problem erkannte Trennung der Fachgebiete durch interdisziplinäre Anstrengungen auszugleichen, doch dies ändert nichts daran, daß die Wissenschaft laufend Technologien hervorbringt, die sich negativ auf die Gesundheit des Menschen auswirken. Das ergibt sich zwangsläufig, wenn das Erkenntnismodell den Menschen als Störfaktor ausblendet.

Dieses Erkenntnismodell haben wir alle als das einzig mögliche verinnerlicht. Natürlich haben wir ihm viel zu verdanken und es hat uns oder zumindest ein paar Wenige sehr mächtig gemacht. So mächtig, daß wir die Natur nicht nur penibel analysieren sondern sogar unsere Lebensgrundlagen zerstören können.

Ein alternatives Erkenntnismodell müßte das Subjekt in die Theorie zurück zu holen. Natürlich nicht als Objekt, wie dies in der Psychologie geschieht, sondern als wichtiger Teil eines Gesamtbildes. Idealerweise sollte die Theorie ein Gesamtbild liefern, oder zumindest eines, das den Menschen und die Umwelt berücksichtigt. So müßte z.B. ein Chemiker nicht nur seine chemischen Reaktionen, sondern von Anfang an auch mögliche gesundheitliche und ökologische Auswirkungen mit im Blick haben. Doch dafür müßten die Wissenschaften völlig anders organisiert und Wissenschaftler anders ausgebildet werden. Schäden dürfen sich nicht erst dann herausstellen, wenn sie einen größeren Umfang angenommen haben und wenn wirtschaftliche Interessen eine Aufklärung durch taktische Kontroversen zu verhindern versuchen.

Forschung müßte außerdem viel langatmiger werden und dürfte nicht der neoliberalen Effizienz unterworfen werden. Man denke nur an die lange Latenz von Krebserkrankungen. Oder wie werden sich gentechnisch veränderte Lebensmittel, Konservierungs- und Farbstoffe, die zunehmende Belastung mit nichtinonisierender Strahlung, mit Nanopartikeln, mit endokrinen Disruptoren und mit neuronal schädigenden Substanzen (Pestizide und Neuroleptika) langfristig, d.h. über Generationen, auf uns und die Umwelt auswirken? Gibt es vielleicht schon Folgen, die wir aufgrund unserer fragmentierten Wahrnehmung, wie im Text gesagt wird, gar nicht erkennen können?

Bei solchen Fragen geht es um zuviel, als daß wir sie auf verbitterte ideologische Auseinandersetzungen reduzieren sollten. Zivilisationserkrankungen sind ein wunderbar verdächtiges Wort. Doch leider werden diese eher dem individuellen Fehlverhalten als den verschlechterten Lebensbedingungen zugeschrieben.

Fraglich ist, wie ein grundlegender Wandel des Erkenntnismodelles erreicht werden könnte, denn Veränderungen sind Machtfragen. Im Moment ist für die Machtelite alles optimal organisiert und sie träumt wohl davon, Dank des technischen Fortschritts den Planeten zu wechseln, wenn dieser endgültig ausgeplündert und unbewohnbar geworden ist.

Vielleicht enthält dieser Text von Dr. Nafeez Ahmed einen wichtigen Lösungsansatz und alles gerät in Bewegung und wird neu verhandelbar, wenn wir etwas gegen die Ungleichheit der Geschlechter unternehmen. Beenden wir die Macht der Männer und die Ohnmacht der Frauen, indem wir aufhören, Kindern je nach Geschlecht die Rollenmuster von Machtstreben und Unterwürfigkeit anzuerziehen. Leider reproduzieren viele Menschen genau jene Erziehung, die sie selber erleiden mußten. Kindererziehung gehört gleichermaßen in die politische Diskussion.


2) Das Wort bzw. Konzept "somatische Erkrankung" sollte ganz aus der Medizin gestrichen werden. Es ist unserer fragmentierten Wahrnehmung geschuldet. Oft steht ein Umweltzusammenhang dahinter, den man nicht erkennt oder der noch nicht erforscht ist. Manchmal dient dieses Konzept dazu, Umweltzusammenhänge, für die es sehr wohl Hinweise gibt, zu leugnen. Als Konsequenz landen dann Menschen mit organischen Erkrankungen in der Psychiatrie und können dort sogar zu Tode kommen. Organische Symptome sollten immer physiologisch versorgt werden, egal ob man die Ursachen kennt oder nicht oder ob diese strittig sind. Dafür kann der oder die Betroffene nichts. 3)

Magengeschwüre galten lange als psychosomatische Mustererkrankung. Da häufig Menschen unter Streß betroffen waren, nannte man sie auch Managerkrankheit. 2005 erhielten erhielten die Forscher Robin Warren und Barry Marshall den Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung des Helicobacter pylori Bakteriums.

Angenommen, wir wüßten nichts von radioaktiver Strahlung, hätten aber Strahlenkranke vor uns. Wie würde man wohl mit diesen Menschen umgehen? Wie ging man anfänglich mit Krebskranken und später mit den ersten AIDS-Patienten um? Oder vielleicht kennen Sie jemand mit spät diagnostizierter Borreliose. Eine lehrreiche Erfahrung bzgl. somatischer Phänomene ist es auch, keine Allergie gegen Pollen oder Katzenhaare, sondern gegen einen Stoff zu haben, auf den der Arzt nicht testen kann.


3) Der Fall Sophia Mirza

Die Psychiatrie, mit ihrer dunklen, aus groben Menschenrechtsverletzungen bestehenden Geschichte, ist im Gegensatz zur Psychologie völlig überflüssig. Die verabreichten Medikamente schaden mehr [PDF], als daß sie nutzen. Das hat etwas mit petrochemischen Stoffen zu tun, die unser Körper nicht kennt, da sie nicht in der Umwelt präsent waren, während wir uns als Art entwickelt haben.


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Erstellt: 21.03.2015 23:51
Geändert: 23.03.2015 22:01
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=141

GNUsocial z.B. quitter




Bienen in der Stadt

12.02.2015 15:35


© Foto: greg lilly CC: BY-NC via flickr 


Am 11. Februar 2015 wurde in den Proceedings B der Royal Society die Studie "Where is the UK's pollinator biodiversity? The importance of urban areas for flower-visiting insects"* von Katherine C. R. Baldock, Mark A. Goddard, et al (DOI: 10.1098/rspb.2014.2849) veröffentlicht, welche zu einem erstaunlichen Ergebnis kommt. Im städtischen Grün findet man genau so viele Pollinatoren, also bestäubende Insekten, wie in der freien Natur.
*Wo findet man die Biodiversität der Pollinatoren in Großbritannien? Die Bedeutung städtischer Bereiche für Blüten besuchende Insekten

Die Forscher verglichen drei Landschaftstypen: Stadtraum, landwirtschaftlich genutzte Flächen und Naturschutzgebiete. In jeweils 12 solcher "Landschaften" wurden mit Hilfe eines Netzwerkes aus Meßpunkten bestäubende Insekten auf einer Fläche von einem Quadratkilometer stichprobenartig gezählt. Dazu gehörten Wildbienen, Hummeln, Honigbienen, solitäre Bienen und Schwebfliegen. In allen drei Landschaftstypen gab es ungefähr die selbe Vielfalt an bestäubenden Insekten. Es gab auch ungefähr gleich viele Bienen, im städtischen Raum wurden jedoch mehr Bienenarten festgestellt, so auch mehr Wildbienen. Dagegen gab es auf Ackerland und in Naturreservaten mehr Schwebfliegen als in der Stadt. Seltenere Insektenarten kamen in allen drei Landschaftstypen ungefähr gleich häufig vor.

Ebenso erstaunlich ist, daß in der Stadt die den Insekten zur Verfügung stehende Pflanzenvielfalt am größten ist. Ich hätte eher auf Naturschutzgebiete getippt.

Diese Studie zeigt, wie wichtig die Stadt für das Überleben der Bienen geworden ist. Ohne die von Bienen erbrachte Arbeit der Bestäubung, sähe das Angebot an Obst und Gemüse ein wenig bescheidener aus, als wir es gewohnt sind.

Obwohl es die Chemie-Lobby anfänglich geschafft hatte, der Öffentlichkeit weiß zu machen, daß einzig die Varroamilbe und damit eigentlich das Unvermögen langjährig erfahrener Imker dafür verantwortlich wäre, daß immer weniger Bienenvölker den Winter überleben, sind die Zusammenhänge mittlerweile besser bekannt. Längst werden Neonicotinoide in Pflanzenschutzmitteln für das Sterben von Bienen und anderen bestäubenden Insekten verantwortlich gemacht. Die EU-Kommission hat zum vorsorglichen Schutz von Bienen die Verwendung der neonicotinoiden Wirkstoffe Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam ab dem 1. Oktober 2013 stark eingeschränkt.

Eine neuere Studie, Christopher Moffat, Joao Goncalves Pacheco, et al (DOI: 10.1096/fj.14-267179), hat sogar einen Wirkzusammenhang aufgezeigt und eine Schädigung der Mitochondrien in Hirnzellen durch Neonicotinoide bei Hummeln nachgewiesen, was sich direkt auf deren Verhalten und Überlebensfähigkeit auswirkt. Dies wurde mit Feldversuchen in pestizidfreier Umgebung im Schottischen Hochland belegt. Zuvor haben zahlreiche andere Studien das Bienensterben (auch CCD - Colony Collapse Disorder genannt) mit Neonicotinoiden in Zusammenhang gebracht. Die EU-Kommission will nach Ablauf von zwei Jahren die wissenschaftliche Literatur erneut prüfen und wird hoffentlich Neonicotinoide dauerhaft verbieten.

Leider muß man sich um deren Unabhängigkeit Sorgen machen. So wurde erst Anfang Februar 2015 bekannt, daß ein Bericht, der möglicherweise das Verbot von bis zu 31 Pestiziden wegen endokriner Eigenschaften zur Folge gehabt hätte, zurückgehalten wurde.

Aufgrund der anfangs vorgestellten Studie wissen wir nun aber, daß wir selbst in der Stadt etwas für die unter Druck stehende Bienenpopulation tun können. So sollten wir politisch Einfluß darauf nehmen, daß unser Stadtgrün noch bienenfreundlicher gestaltet wird. Wer einen Garten hat, kann dies selber tun und sollte vor allem auf den Einsatz von Chemie verzichten. Doch auch wer einen Balkon oder sogar nur einen Blumenkasten auf dem Fensterbrett hat, kann einen kleinen Beitrag leisten. Welche Pflanzen dafür am besten geeignet sind, läßt sich durch eine Recherche leicht herausfinden.

Besonders sympathisch finde ich, daß das Hotel Westin Grand hier in Berlin seit 2013 auf seinem Dach ein paar Bienenvölkern ein Zuhause bietet. Da der nahe gelegene Boulevard "Unter den Linden" tatsächlich von vielen Linden gesäumt wird und der Tiergarten nicht weit ist, finden diese Bienen reichlich Nahrung und haben weniger Pestizide als auf dem Land zu fürchten.

Seit 2009 gibt es im Prinzessinnengarten Stadtbienen. Es wurden aber auch schon Wildbienen gesichtet. Desweiteren gibt es Veranstaltungen für Bienenfreunde und potentielle Bienenhalter in der Stadt.

Seit 2011 läuft die Aktion "Berlin summt", Teil der bundesweiten Kampagne "Deutschland summt!". U.a. werden Bienenvölker auf "prominenten" Dächern bekannter Gebäude abgestellt.

Nach Auskunft des Imkerverbandes soll es in Berlin über 800 Stadtimker und damit sicher mehr Bienen als Einwohner geben. Wer Bienen auf dem Balkon halten möchte, kann bei der BienenBox einen Bausatz bestellen.*

Oder wie wäre es mit einem Insekten Hotel im Garten?



*Anmerkung, 14.04.2015:
Erhard Maria Klein von Mellifera e. V. hat zu dieser Art der Haltung einen kritischen Beitrag geschrieben und empfiehlt die Bienenkiste seines Vereins, welche kostengünstig selbst gebaut werden kann. Ob die Bauform der BienenBox ungünstig ist und zu einem Futterabriß führen kann, erfragen Sie bitte bei erfahrenen Imkern. Gerne füge ich hier eine weitere Ergänzung an, wenn mir jemand kompetent schreibt.



Ein paar Links zu Studien und Berichten habe ich hier gesammelt:
www.ufocomes.de/sources/bee_links.html - Siehe auch meinen Eintrag von 26.01.2015
(Bitte herunterladen, nicht verlinken. Danke!)


Twitter-Tipps:
Professor David Goulson @DaveGoulson
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Erstellt: 12.02.2015 15:35
Geändert: 14.04.2015 12:12
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Ist ihre Kaffeemaschine giftig?

10.02.2015 02:46

Autor: Anastasia Pantsios für EcoWatch, 2. Februar 2015
Übersetzung: BrunO



© Foto: Sten Dueland CC: BY-SA via flickr 


Für viele Menschen ist die köstlich duftende Tasse Kaffee entscheidend, um den Tag auf dem richtigen Fuß zu beginnen. Auch hat man uns beigebracht, daß (nicht übermäßiges!) Kaffeetrinken gut für die Gesundheit sein kann. Eine 2012 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie hat ergeben, daß Menschen die Kaffee trinken länger leben als solche, die dies nicht tun - vorausgesetzt sie rauchen nicht.

Natürlich ist dies nicht ganz so einfach. Welchen Kaffee sollen wir trinken? Fair Trade und aus Bioanbau sind sicherlich für uns und den Planeten am besten.

Doch Toxine können über eine weitere Quelle in Ihren Kaffee gelangen, an die Sie vielleicht bisher wenig gedacht haben: Ihre Kaffeemaschine. Während Sie versucht haben, sich für eine der vielen, möglichen Zubereitungsmethoden zu entscheiden, weil die Kaffeezubereitung mittlerweile so etwas wie eine zeitgenössische Kunstform geworden ist, haben sie vielleicht nicht bedacht, daß die Kaffeemaschine selbst toxisch sein könnte.

Vielen Kaffeetrinkern ist unmittelbar nach dem Kauf ihrer neuen Kaffeemaschine aufgefallen, daß ihr Kaffee merkwürdig nach Plastik schmeckt. Dies ist ein Hinweis, daß etwas in Ihren Kaffee gerät, das nicht aus den Kaffeebohnen kommt. Es wird immer mehr darüber bekannt, daß Plastikbehälter unterschiedlicher Art Chemikalien an - was auch immer sie enthalten - abgeben können, insbesondere wenn es sich um heiße Flüssigkeiten handelt. Bisphenol A (BPA), das zu reproduktiven Störungen wie Unfruchtbarkeit und sogar zu einigen Typen von Krebserkrankungen [und zu Diabetes 2] führen kann, wurde sowohl in einer Vielzahl von Plastikgegenständen als auch in den Beschichtungen von Konservendosen nachgewiesen.

Da sich diese Information immer mehr verbreitet hat, entfernen viele Hersteller BPA aus Produkten, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen. Dazu gehören die Hersteller einiger Plastik-Kaffeekannen, die ihre Produkte als BPA-frei bewerben. Doch viele Kaffeemaschinen aus Plastik sind nicht gekennzeichnet, deshalb kann man nicht wissen, ob sie BPA-frei sind. Und Firmen die damit werben, daß ihre Produkte BPA-frei sind, ersetzen diese Chemikalie unter Umständen mit einer anderen, die nicht weniger bedenklich für uns ist.

Das Sicherste was man tun kann ist, nach einem Kaffeezubereiter ohne Plastikteile zu suchen, oder wenigstens ohne solche, die mit dem Inhalt der Kaffeekanne in Berührung kommen. Das kann heißen, die Art wie Sie Ihren Kaffee zubereiten, neu zu überdenken. Während Einportion- und Tropfbrüh-Kaffeemaschinen die bequemsten sind, gehören diese auch zu jenen, die am allerwahrscheinlichsten überwiegend aus aus Plastik hergestellt werden.

Doch es gibt andere Arten von Systemen zur Kaffeezubereitung die eher aus Glas und rostfreien Stahl gemacht sind - sehr viel sicherere Optionen, wenn Sie wegen schädlichen Chemikalien im Kaffee besorgt sein sollten. Der altmodische Perkolator den Ihre Großmutter benutzt hat, ist eines von diesen. Wenn sie ihn nicht weg geworfen hat, nachdem sie sich eine Maschine aus Plastik gekauft hat, sichern Sie sich diesen! Diese vintagemäßigen Kaffeekannen aus Metall mögen globig aussehen, doch sie können als sicher erachtet werden, sofern sie aus rostfreiem Stahl bestehen und nicht aluminiumbeschichtet sind. Es sind auch einige neuere Modelle auf dem Markt, falls Sie den von Ihrer Großmutter nicht mehr finden können.

Bei vielen der neuen, trendigen Arten der Kaffeezubereitung kommen ebenfalls plastikfreie Gerätschaften zum Einsatz. Mit ihren gläserenen Karaffen und rostfreien Stahlgewebe-Filtern lassen die schicken französichen Kaffeepressen Kunststoff ganz außen vor. Das Prozedere ist etwas komplizierter als Kaffeemaschinen, die man nur einzuschalten braucht. Doch wenn das morgendliche Aufbrühen Ihres Kaffees für Sie ein gemütliches Ritual ist, ist dies eine perfekte Lösung - und viele Leute schwören, daß die fertige Tasse weit überlegen schmeckt.

Es gibt auch ein paar gut bekannte Kaffee-Systeme auf dem Markt, die plastikfrei sind. Eines davon ist die vollständig aus Glas bestehende Kaffeekanne von Chemex. Die vor fast 75 Jahren erfundene Chemex-Kaffeekanne hat Design-Wettbewerbe gewonnen und wird im Museum of Modern Art in New York City permanent ausgestellt. Zu ihren Besonderheiten gehört eine hitzebeständige, blasenfreie Glaskaraffe, eine Manchette aus Holz, ein Filter aus Echtpapier - und kein Plastik.

Porzellan ist eine weitere Alternative zu Plastik. Die in Deutschland hergestellten Kaffeemaschinen und Tassenfilter von Walküre sind bestens bekannt. Ihre Konstruktion erfordert weder einen Papierfilter noch ein Metallsieb. Wie Chemex-Kannen haben sie eine lange Geschichte, die über 100 Jahre zurück reicht. Und wie Chemex wirbt Walküre mit dem überlegenen Geschmack, den das Verfahren bietet.

Es mag ein bißchen mehr Arbeit sein. Doch mit der Gewißheit, daß keine ungesunden Chemikalien in Ihren Kaffee gelangen, mag sich diese lohnen.



Die Rechte für den Original-Artikel "Is Your Coffee Maker Toxic?" als auch für diese Übersetzung liegen bei EcoWatch. Für diese Übersetzung gilt die Standardlizenz dieses Blog ausdrücklich nicht. Einer nichtkommerziellen durch EcoWatch gestatteten Übernahme stimme ich ohne Nachfrage zu.

Disclaimer: Der Artikel enthält kommerzielle Links, für die ich nicht bezahlt werde! Anfragen dieser Art sind unerwünscht und werden nicht beantwortet.


EcoWatch auf Twitter: @ecowatch


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Erstellt: 10.02.2015 02:46
Geändert: 10.02.2015 02:46
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Bleivermächtnis schädigt Blut und Nieren

04.02.2015 19:53

Erythrozyten
Erythrozyten (rote Blutzellen) © Grafik: Maurizio De Angelis 2010
B0007649, Wellcome Images CC: BY-NC-ND 


Immer wieder stellt sich heraus, wie wenig wir die Folgen unserer Technologie im Griff haben. Aus rein technischen Gründen wurde Benzin mit Blei versetzt, damit Automotoren besser laufen. Irgendwann hat sich dies als umweltschädlich und ungesund herausgestellt und obwohl heute Benzin schon sehr lange bleifrei ist, macht uns dieses Blei, das wir nie mehr aus der Umwelt heraus bekommen werden, immer noch Probleme, selbst in Spuren.

Ähnlich verhält es sich mit anderen Schadstoffen, die nicht mehr in Gebrauch sind oder deren Verwendung stark eingeschränkt wurde. Trotzdem werden immer mehr neue Stoffe in die Umwelt freigesetzt, von denen wir noch gar nicht wissen, welche langfristigen Folgen sie haben.

Jene, die daran verdienen, erklären diese Stoffe aufgrund rein toxikologischer Tests für sicher. Solche Tests sagen bestenfalls etwas darüber aus, in welchen höheren Konzentrationen ein Stoff unmittelbare gesundheitliche Folgen hat. Sie sagen nichts über die Schädlichkeit niedriger Dauerbelastungen aus. Sofern sie überhaupt interessenneutral durchgeführt wurden.

Wie der frühere Artikel "BPA Belastung verändert Stammzellen und verringert Spermienproduktion" beschrieb, gibt es sogar Stoffe, die in niedrigen Dosen unmittelbaren Schaden anrichten können. Leider kann BPA noch viel mehr.

Der folgende Artikel stellt einen Erklärungsansatz vor, wie Blei gesunde rote Blutzellen dazu bringt, falsche Signale auszusenden, die ihre vorzeitige Entsorgung zur Folge haben. Aufgrund ihres hohen Eisengehaltes führt dies zur oxidativen Schädigung der Nieren.

Saat der Toxicität? Erythrozyten und bleibedingter Nierenschaden


Autorin: Julia R. Barrett für Environmental Health Perspectives, Februar 2015
Übersetzung: BrunO


Die Kontamination der Umwelt mit Blei hält an, trotz Jahrzehnte stark verminderter Verwendung und Freisetzung des Metalles. Aufgrund dessen werden wir nach wie vor mit Blei gesundheitlich belastet. Die durchschnittlichen Bleiwerte im Blut von Erwachsenen der US-amerikanischen Bevölkerung liegen bei 1–2 μg/dL.1,2 Blei schädigt zahlreiche Organsysteme, die spezifischen Mechanismen der Schädigung sind jedoch nicht immer bekannt. Die Autoren einer neuen in den Environmental Health Perspectives veröffentlichten Studie schlagen eine Hypothese zur Erklärung der Toxizität von Blei in der Niere vor und stützen diese mit detaillierten in vivo und in vitro Daten.1

Aktuelle Forschungsergebnisse legen nahe, daß Nierenschäden bei Bleiwerten bis hinunter zu 5 μg/dL auftreten können.2 Besondere Bevölkerunggruppen mit bereits bestehenden Nierenerkrankungen, Diabetes oder Bluthochdruck, mögen durch die Wirkung einer niedrigen Bleibelastung sogar noch stärker gefährdet sein.2,3 Nach in vivo wie auch in vitro Daten ist oxidativer Streß ein Faktor bei bleibedingtem Nierenschaden, doch es war bisher unklar, wie dieser Streß zustande kommt.1,2

In der aktuellen Studie haben die Forscher Beobachtungen aus früheren Studien zu einer überprüfbaren Hypothese verknüpft. Sie zogen die Ablagerung von Eisen - mutmaßlich aus eisenreichen roten Blutzellen (Erythrozyten) - in den Nieren von Individuen mit Nierenerkrankungen in Betracht. Desweiteren berücksichtigten sie die Rolle der Nieren, Erythrozyten aus dem Blutkreislauf zu entfernen, wenn diese alt oder schadhaft werden.

In Verlauf eines Prozesses, der Erythrophagozytose genannt wird, werden alternde Erythrozyten von anderen Zellen umhüllt und abgebaut. Die Erythrophagozytose spielt sich hautsächlich in den Zellen von Milz und Leber ab, aber proximale epitheliale Tubuluszellen in der Niere verfügen ebenfalls über diese Fähigkeit. Das Signal für die Entfernung eines Erythrozyten aus der Blutzirkulation geht von einer Verbindung namens Phosphatidylserin (PS) aus. Bei einem normalen, gesunden Erythrozyten ist PS ein Bestandteil im Inneren der Zelle, ohne direktem Kontakt mit ihrer äußeren Umgebung. Alte und beschädigte rote Blutzellen verlagern das PS allmählich an die äußere Oberfläche. Mitglieder aus diesem Forschungteam haben erst kürzlich herausgefunden, daß Bleibelastung mit einer sprunghaften Erhöhung der Externalisierung von PS verbunden ist, gefolgt von verstärkter Erythrophagozytose in der Milz.4

In dieser Studie stellten die Forscher die These auf, daß Bleibelastung die Anzahl der PS-markierten Erythrozyten erhöht, welche von den proximalen epithelialen Tubuluszellen in der Niere verarbeitet werden. Zusätzlich nahmen sie an, daß sich Eisen aus den Erythrozyten in dem Nierenzellen anhäuft, wo es die Bildung von reaktiven Sauerstoffspezies auslöst, dem ersten Schritt einer oxidativen Schädigung.

Das entgültige biologische Resultat einer toxischen Belastung ist häufig eine Kombination zweier Faktoren - individuelle Reaktionen verschiedener Gewebe und nachfolgender, komplexer Interaktionen veränderter Gewebe - sagt Coauthor Jin-Ho Chung, Professor am College of Pharmacy an der Seoul National University. "Nach unseren Überlegungen muß eine bleibedingte Nephrotoxizität (Nierentoxizität) eher im Kontext der Systembiologie interpretiert werden und nicht isoliert als Schädigung der Niere", sagt Chung.

Chung und seine Kollegen führten eine Reihe von in vitro Experimenten mit HK-2 Zellen5 [menschliche Tubuluszellen der Niere, s.o.] und mit Erythrozyten durch, die aus Blutproben von Freiwilligen gewonnen wurden. Sie zeigten, daß sich die Lebensfähigkeit von mit Blei belasteten HK-2 Zellen ohne anwesende Erythrozyten nicht signifikant von der Lebensfähigkeit unbelasteter HK-2 Zellen unterschied. Doch wenn bleibelastete Erythrozyten zusammen mit unbelasteten HK-2 Zellen kultiviert wurden, phagozytierten (fraßen) die HK-2 Zellen nicht nur die Erythrozyten, sondern wiesen auch eine erhöhte Produktion von reaktiven Sauerstoffspezies auf, sowie verringerte Lebensfähigkeit und eine erhöhte Expression von Genen, die auf einen Nierenschaden schließen lassen.1

Als nächstes wurden die in vitro Ergebnisse mit Ratten überprüft. [Leider immer noch Tierversuche!] Proben aus Blut, Milz und Nierengewebe wurden Ratten entnommen, die über 12 Wochen mit 0 oder 1.000 ppm Blei über das Trinkwasser belastet wurden. Diese wurden biochemisch und histologisch (gewebekundlich) analysiert. Diese Analysen ergaben statistisch signifikante Veränderungen, die mit einem Nierenschaden übereinstimmen. Für ein zweites 12-wöchiges Experiment wurden Gewebeproben von Ratten verwendet, die Trinkwasser mit 0, 250 oder 1.000 ppm Bleiacetat zugeführt bekamen; diese Resultate bestätigten die in vitro Ergebnisse ebenfalls. Die in vivo Resultate stimmten mit zwei Arten von Nephrotoxizität aus epidemiologischen Studien überein: proximale tubuläre Nephropathie und interstitielle Fibrose.1

William McClellan, ein Medizin-Professor der Emory Universität in Atlanta, der an dieser Studie nicht beteiligt war, warnt davor, diese Ergebnisse direkt auf die menschliche Gesundheit zu übertragen. Ferner weist er darauf hin, daß diese Ergebnisse reproduziert werden müssen. McClellan sagt, "Ich denke, wenn man zu vergleichbaren Ergebnissen kommt, wird großes Interesse bestehen, ein paar humane Studien durchzuführen".



Referenzen und Anmerkungen

1. Kwon SY, et al. Erythrophagocytosis of lead-exposed erythrocytes by renal tubular cells: possible role in lead-induced nephrotoxicity. Environ Health Perspect 123(2):120–127 (2015); doi: 10.1289/ehp.1408094.

2. NTP. NTP Monograph: Health Effects of Low-Level Lead. Research Triangle Park, NC:National Toxicology Program, National Institute of Environmental Health Sciences, National Institutes of Health (June 2012). Available: http://ntp.niehs.nih.gov/ntp/ohat/lead/f​inal/monographhealtheffectslowlevellead_​newissn_508.pdf [Zugriff am 14. Januar 2015].

3. Soderland P, et al. Chronic kidney disease associated with environmental toxins and exposures. Adv Chronic Kidney Dis 17(3):254–264 (2010); doi: 10.1053/j.ackd.2010.03.011.

4. Jang WH, et al. Low level of lead can induce phosphatidylserine exposure and erythrophagocytosis: a new mechanism underlying lead-associated anemia. Toxicol Sci 122(1):177–184 (2011); doi: 10.1093/toxsci/kfr079.

5. HK-2 Zellen sind ein Typus menschlicher proximaler epithelialer Tubuluszellen




Empfohlene Zitierweise: Barrett JR. 2015. Seeds of toxicity? Erythrocytes and lead-associated kidney damage. Environ Health Perspect 123:A42; http://dx.doi.org/10.1289/ehp.123-A42

Dieser Artikel wurde von den Environmental Health Perspectives als Public Domain veröffentlicht. Für diese Übersetzung gilt das Lizenzmodell dieses Blogs.

Das Wissenschaftsjournal Environmental Health Perspectives (ISSN-L 0091-6765) erscheint monatlich, ist peer-reviewed und wird vom National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS), sowie dem National Institute of Health und dem U.S. Department of Health and Human Services unterstützt.

Eslohnt sich wirklich EHP @EHPonline auf Twitter zu folgen. Hier wird keine abgestandene Schulmedizin oder Elfenbeinturm-Wissenschaft gepflegt. Es ist state of the art!


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Erstellt: 04.02.2015 19:53
Geändert: 04.02.2015 19:53
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Übersetzung eines brasilianischen Interviews mit Lexi Alexander

30.01.2015 15:45

Dies ist eine Übersetzung der englischen Fassung auf Pirate Times vom 27.01.2015
Das Interview führte Thiago Cardim
Übersetzung: BrunO


Filmklappe Lexi Alexander Wonder Woman
© Foto: Tim Reckmann CC: BY-NC-SA via flickr 


Vor einiger Zeit hat uns Hollywood-Regisseurin Lexi Alexander (@lexiAlex) von Ihren Ansichten zu Filesharing erzählt. Sowohl die Bösartigkeit der Reaktionen aus der Filmindustrie als auch das mangelnde Interesse von Seiten der Piraten-Community machten sie sprachlos. Trotzdem hat sie den Kampf aufgenommen, gewinnt an Respekt und ihre Stimme wird in Kreisen von Filmmachern und Kinogängern auf der ganzen Welt gehört. Wir sind stolz darauf, daß wir Ihnen die einzige englische Version eines Interviews präsentieren können, das Thiago Cardim geführt hat. Die Originalfassung auf JUDÃO trägt den Titel: "Lexi Alexander, ein in Hollywood keineswegs beliebtes Girl".

Als sie von Deutschland nach Kalifornien zog, hatte sie alles um ein Star zu werden. Als Karate-Champion ging sie mit nicht viel mehr als Mut in die USA, da sie unbedingt beim Film arbeiten wollte. Sollte man nicht denken, als Schauspielerin? Ganz ohne Quatsch! Doch stattdessen bevorzugte sie es, in Actionfilmen als Stuntwoman zu arbeiten, um ein paar großen Kerlen in den Arsch zu treten, bevor sie anfing eigene Kurzfilme zu machen. Bingo! Sie wurde Regisseurin.

Obwohl "Lifted" (in Brasilien nicht veröffentlicht) ihr neuster Dreh ist, ein Film über einen Jungen der versucht Sänger zu werden, um damit fertig zu werden, daß sein Vater als Reservist in das Konfliktgebiet Afghanistan abkommandiert wurde, ist sie für "Hooligans" mit Elijah Wood am besten bekannt, in dem es um die gewalttätige Welt englischer Fußballfans geht. Sie war auch für einen Film mit einer Figur aus den Marvel Comics verantwortlich, dem seelischen Looser "Punisher: War Zone" - in einer der vielleicht originalgetreusten Versionen von Frank Castle [aka Punisher] auf großer Leinwand (sorry, Thomas Jane) und sie wurde als aussichtsreiche Kandidatin für die Regie von Wonder Woman gehandelt.

Doch in den vergangenen Monaten wurde Lexis Stimme überall in der Filmwelt wegen ihren kontroversen Ansichten zum Filesharing vernommen.

"Nein, Kopieren ist nicht Diebstahl", sagt sie ganz entschieden zu Beginn dieses exklusiven Gesprächs mit JUDÃO. Schon allein dieser Satz wäre genug dafür zu sorgen, daß sie zu den besten Parties in Hollywood nicht mehr eingeladen wird. Doch ehrlich gesagt, scheint es Lexi nicht viel auszumachen, daß sie sich im radikalen Gegensatz zu den meisten ihrer Filmmacher Kollegen positioniert hat, die eine Kriminalisierung von Piraterie offen favorisieren. "Hollywood kann nicht länger die Öffentlichkeit verarschen". Sie erklärt dies mit der Distribution von Filmen auf internationaler Ebene, als es im Gespräch um die Macht der Verbraucher im neuen digitalen Zeitalter geht, bevor sie über den Status einer Frau hinter der Kamera im Land des "Seventh Art" Film-Magazines weiter erzählt. Sie sagt: "Die Situation ist verheerend und sie wird schlimmer."

Thiago: Laß' uns hier als Erstes den Rahmen abstecken: Gibt es für Dich einen Unterschied zwischen Filesharing und Piraterie? Oder kurz: Ist Kopieren das gleiche wie Klauen?

Lexi: Nein, Kopieren ist nicht Diebstahl. Weil, wenn Du etwas stiehlst bedeuted das, daß die andere Person es nicht mehr hat. wenn Du etwas kopierst, verliert die andere Person niemals ihren Besitz. Deshalb nennt der US Supreme Court den Tatbestand des Herunterladens eines Filmes ohne zu bezahlen "Kopier-Verstoß" und nicht Diebstahl. Über diese Formulierung gibt es viele Mißverständnisse. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, daß man Filesharer Piraten nannte, aber soweit ich es verstehe, haben sie in einer Trotzhaltung beschlossen, diesen Namen anzunehmen. Das macht die Dinge kompliziert, besonders wenn die Leute aus der Copyright-Bewegung plötzlich darauf bestehen, daß alle die darüber debattieren, das Problem "Filesharing" und nicht "Piraterie" nennen sollten. Besonders die Amerikaner sind sehr verwirrt, wenn es jemand von der "Piratenpartei" ist, der darauf besteht, den Begriff "Piraterie" fallen zu lassen. Ich verstehe, wo die Piraten her kommen, aber sie haben sich sicher keinen guten Gefallen getan, sich zuerst den Namen zu eigen zu machen und dann zu versuchen, ihn aus den Debatten um Filesharing heraus zu halten.

Thiago: Bist Du jemand von denen die glauben, daß das Teilen von Content die Profite der Unterhaltungsindustrie direkt schädigt? Mehr Leute die teilen bedeutet zwangsläufig weniger zirkulierendes Geld und mehr Arbeitslosigkeit in der Industrie - oder ist das Bullshit?

Lexi: Das ist totaler, ausgewachsener Bullshit. Hör' zu, ich bin Teil dieses Systems. Ich habe mich intensiv mit der Verteilung von Profiten aus geistigem Eigentum im Filmgeschäft befaßt. Filesharing ist nicht das, was den Künstlern das Geld weg nimmt. Die großen Studios sind es. Aber schau', wie alle großen Unternehmen sind sie schlau und haben Geld, um ausnahmslos jeden von uns einer Hirnwäsche zu unterziehen, damit wir denken, die uns verbleibenden Schecks wären viel größer, wenn die Leute unsere Filme nicht illegal herunterladen würden. Scheiß drauf, sie sagen das zu uns Filmemachern, während sie gleichzeitig gerade dabei sind, uns bis auf das letzte Hemd zu berauben. Die wahren Artful Dodgers [kindlicher Trickdieb von C. Dickens] sitzen in der MPAA (Motion Picture Association of America).

Thiago: Filesharing hat, in der Tat, die Industrie verändert? Auf welche Weise?

Lexi: Ich denke, was sich verändert hat ist, daß Hollywood die Öffentlichkeit nicht mehr länger dazu überlisten kann, für einen schlechten Film eine Karte zu kaufen. Wenn über einen Film etwas durchsickert (was letztlich immer passiert) und die Filesharer heraus bekommen werden, daß der Film eine echte Bombe ist, werden sie diesen Tipp genau so schnell wie gute Mundpropaganda verbreiten. Prinzipiell kann man also im digitalen Zeitalter die Leute nicht mehr so sehr bescheißen, da der Vorhang viel früher hochgezogen wird. Darüber hinaus hat das Publikum wenig Geduld, auf die Veröffentlichung eines Filmes zu warten, wenn er schon vor Monaten in anderen Ländern veröffentlicht worden ist. Und das ist recht so. Der Bullshit, daß manche Länder in den Genuß von früheren Aufführungen kommen, bevor der Rest der Welt dran kommt, ist elitär und herablassend, insbesondere da sie ja von uns erwarten, daß wir im Internet über ihre Produkte reden. So sollen wir also den Europäern und Südamerikanern etc. erzählen, wie toll der Film ist... während sie keine Chance haben, ihn zu sehen. Das ist ungeheuerlich. Das ist wie ein gemeines, reiches Kind, das mit seinem Eis von den Gesichtern anderer Kinder herum wedelt, wohl wissend, daß sie sich kein's leisten können oder das Eisauto verpaßt haben. Ehrlich gesagt, weigere ich mich, an diesem Elitarismus beteiligt zu sein.

Thiago: Für mich sieht es so aus, als ob Hollywood vergessen hätte, junge Leute in ihrer eigenen Sprache anzusprechen. Stimmst Du dem zu?

Lexi: Absolut! Gleichzeitig bin ich aber von den jungen Leuten enttäuscht, die das nicht krumm nehmen. Ihr seid die Konsumenten, entscheidet wem ihr Euer Geld gebt. Ich bin gegen die Kriminalisierung von Filesharing, was mir in Hollywood viel zu schaffen gemacht hat, da es ein unpopulärer Standpunkt ist, den man einnehmen kann. Viele andere Filmmacher werden offen sagen, daß sie glauben, jeder der einen Film herunterläd, solle mindestens zehn Jahre Gefängnis bekommen. Weshalb sollen also junge Leute Karten für den Film dieses Regisseurs kaufen? Der selbe Typ, der sie in's Gefängnis werfen würde (denn seien wir doch ehrlich, jeder unter Zwanzig, der sich einen Computer leisten kann, hat irgendwann einen Film, ein Musikstück oder eine Fernsehshow herunter geladen). Deshalb sollten junge Leute also nachforschen, welchen Standpunkt der Filmmacher zum Thema Filesharing einnimmt, bevor sie überhaupt Geld für ihn ausgeben.

Thiago: Hat Dir diese Position, die in der Tat nicht die populärste ist, irgendwelche Probleme in diesem Markt bereitet, nachdem Du sie öffentlich gemacht hast?

Lexi: Ja, aber das war es wert. Ich vertrete nicht den Status Quo, nur weil man das von mir erwartet. Die ganze Idee, Filesharer festzunehmen ist lächerlich und in hundert Jahren wird es dann lustige Cartoons über jene Idioten geben, die versucht haben, den technischen Fortschritt zu kriminalisieren. Ich möchte in diesen Cartoons nicht vorkommen und wenn das bedeutet, daß meine Kollegen mich deshalb ausschließen und auf eine schwarze Liste setzen werden... um so besser. Die Cartoons über sie werden besonders lustig sein.

Ich glaube außerdem, daß wir die Verantwortung haben, Kultur für alle Menschen zugänglich zu machen, nicht nur für jene, die es sich leisten können in's Kino zu gehen. Ich denke viele meiner Kollegen haben keinen blassen Dunst über den globale Prozentsatz von Leuten, die NIE ein Kino besuchen können, schon gar nicht mit der ganzen Familie. Ich möchte keine Filme für die Reichen machen. Deshalb bin ich nicht Filmmacherin geworden. Ich glaube auch nicht, daß Leute die weniger Glück im Leben hatten warten sollen, bis ein Film im öffentlichen Fernsehen umsonst erstaufgeführt wird, während reichere Leute ihn Monate früher zu sehen bekommen. Denke darüber nach. Kultur ist in nahezu allen Berufen von Bedeutung, wenn sich also zwei Leute für einen Job vorstellen... einer davon kann sich über dem neusten Kassenschlager unterhalten, da er es sich leisten konnte, ihn im Filmtheater zu sehen und die andere Person kann das nicht, einfach weil sie oder er sich die Karte nicht leisten kann... dann trägt meine Industrie - mit ihren Einschränkungen der Distribution unseres Produktes - direkt zur ökonomischen Ungleichheit bei. Ich möchte nicht Teil davon sein. Wenn meine Kollegen für eine Minute innehalten würden, um über sich selbst zu reflektieren und stattdessen darüber nachdenken würden, was für ein Wunder Filesharing ist und wie nützlich das sein könnte... dann könnten wir die Welt wirklich verändern. Aber schau' nur... wenn kein Paparazzi in der Nähe ist... sind in Hollywood auch nicht so viele Philanthropen zu finden.

Thiago: Wie könnte die Unterhaltungsindustrie vom Filesharing profitieren? Wie könnten sie dies möglicherweise zu ihrem Gunsten nutzen?

Lexi: Sie tun dies bereits, aber sie würden es nicht zugeben. Vielen, vielen Filme hat die Mund-zu-Mund Werbung durch Piraterie geholfen. Die Sache mit der Filmindustrie ist, sie möchten nicht mit Filesharing arbeiten... sie wollen es kontrollieren. So wie das, was mit Napster passiert ist. Du hörst nicht, wie sich Apple und Amazon über digitalisierte Aufnahmen beklagen, nein?

Thiago: Gibt es eine Besonderheit an der Piraterie, die Dich stört? Z.B. daß gestohlene Filme geleakt werden, bevor sie fertig sind?

Lexi: Hör mal, kein Filmemacher mag seine Filme in einem unfertigen Zustand gezeigt haben. Ich weiß daß das passiert, aber wenn Du Filme liebst und Respekt vor der Kunst hast... dann sehe Dir keine illegalen Mitschnitte an. Ich meine... ganz im Ernst... Leute die sich Videocam-Mitschnitte ansehen sind armselig für mich. Das ist wie unglaublich mieses, mieses Bier trinken, das irgend ein Amateur gebraut und dann mit Wasser gestreckt hat. Das ist krass! Dir entgeht so viel vom Film, woran so viele Menschen gearbeitet haben. Bildeinstellung und Beleuchtung sind für Dich vielleicht nicht wichtig, doch sie sind es. Du nimmst es nur nicht als solches wahr. Ich kann Dir trotzdem versprechen, wenn Du korrekte Bildeinstellung und Beleuchtung weg läßt... weil ein Idiot eine Kinoleinwand mit einer Handkamera abfilmt, betrügst Du Dich selbst um das wirkliche Erlebnis dieses Films. Was ich also damit sagen will ist, wenn Du Mist kopierst... kopiere ihn gut und mit dem Respekt den er verdient (zur Info, wenn es um Pornos geht, ist das egal).

Thiago: Lassen wir dieses Thema: Ich möchte Deine Meinung zum derzeitigen Anteil von Frauen in der Filmindustrie hören. Sowohl was Regie als auch Hauptrollen in Superhelden Filmen betrifft, zum Beispiel. Was fehlt immer noch für ein gleichberechtigteres Hollywood?

Lexi: Es ist verheerend, verheerend, verheerend und es wird schlimmer. Und übrigens, die Leute verstehen nicht, daß der Kampf der MPAA gegen Piraterie und Hollywoods starrsinniger Ausschluß von Frauen und ethnischen Minderheiten direkt zusammen hängen. Reiche, eigennützige Arschlöcher sind reiche, eigennützige Arschlöcher bezüglich so gut wie allem, was mit der Geldmenge zu tun hat, die sie verdienen oder möglicherweise verlieren könnten. Gerne teilen tun sie überhaupt nichts und sie werden mit Sicherheit niemandem Platz am Tisch machen, der nicht so wie sie ist. Wenn Du in Hollywood kein weißer Mann bist, mußt Du Dir mit den Ellbogen einen Stuhl am Tisch erkämpfen und ihn danach die ganze Zeit weiter verteidigen. Nur ist es so... an diesem Tisch verlierst Du bald den Appetit, denn wer möchte in solcher Gesellschaft speisen.

Meine Hoffnung ist, daß die digitale Technologie für noch mehr Gleichheit sorgen und schließlich die Vetternwirtschaft eliminieren wird. Aber die Technik kann das nicht allein. Auch das Publikum muß noch kritischer werden und nicht auf jeden großen Eventfilm hereinfallen, weil es per Hirnwäsche dazu gebracht wurde zu denken, das ist der Film, den man sehen muß. Ich meine, wir haben kaum noch Originalfilme. Jungs, es ist alles Mist, was wir Euch servieren. Junge Leute sollten genau hinsehen, ein besseres Produkt verlangen, wählerisch sein, nicht einfach nur Coca Cola oder Pepsi trinken, weil das die einzige Sodagetränk-Marke ist, die einem einfällt. Rege Dich stattdessen darüber auf, daß es zwei Marken geschafft haben, in Deinem Hirn so Platz einzunehmen, den sie sich hauptsächlich mit Abermillionen Dollars für manipulative Werbung gekauft haben. Ich hoffe, hoffe wirklich, daß die kommenden Generationen nicht derart leicht getäuscht werden können. Solange ich noch Filme und TV-Shows mache, habe ich Hoffnung.



Thiago Cardim macht PR und ist Journalist. Überzeugt, verrückt, Film- und Fernseh-Nerd. Ein entschiedener Vegetarier und er ist Vater von zwei Kindern. :)



Englische Version: "An Interview from Brazil featuring Lexi Alexander". Copyright: Thiago Cardim und Lexi Alexander CC: BY-NC-SA, was auch der Standard-Lizenz dieses Blogs entspricht.


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Erstellt: 30.01.2015 15:45
Geändert: 30.01.2015 15:45
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