Initiative Pro Netzneutralität

Urteil des BVerfG zum Bundes-Klimaschutzgesetz

29.04.2021 20:57

© Stefan Müller on flickr, CC: BY


Das Klimaschutzgesetz vom 12.12.2019 wurde von vielen Umweltengagierten als unzureichend und zu sehr der Energie- und Industrielobby entgegenkommend kritisiert. So hatte das Gericht über vier Verfassungsbeschwerden zu entscheiden. Diese kamen von neun jungen Menschen, u.a. aus Bangladesch und Nepal, aber auch von Luisa Neubauer (siehe Video unten).

Geklagt hatten auch der Solarenergie-Förderverein Deutschland (SFV) und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Das Gericht hat die Beschwerden der sogenannten natürlichen Personen als zulässig angenommen und die der Umweltverände als nach Gesetzeslage nicht beschwerdebefugt abgewiesen (Pressemeldung vom 29.04.2021).

Der Gesetzgeber ist aufgefordert "spätestens bis zum 31. Dezember 2022 die Fortschreibung der Minderungsziele für Zeiträume ab dem Jahr 2031 nach Maßgabe der Gründe zu regeln". Anders als zwei Obama-Anwälte, die sich 2010 erblödeten zu behaupten, es gäbe in den USA kein Recht auf eine gesunde Umwelt, stellt das Gericht in seinem Urteil fest, daß sich aus dem Grundgesetz Art. 2 Abs. 2 Satz 1 eine Pflicht des Staates ableiten läßt, Leben und Gesundheit seiner Bürger vor den Gefahren des Klimawandels zu schützen.

Und "Art. 20a GG verpflichtet den Staat zum Klimaschutz. Dies zielt auch auf die Herstellung von Klimaneutralität". Er muß international als gutes Beispiel vorangehen, statt sich mit der Untätigkeit anderer rauszureden. Zwar gehe der Klimaschutz nicht unbedingt vor, doch nimmt dessen Dringlichkeit zu. Er hat "mit den natürlichen Lebensgrundlagen so sorgsam umzugehen und sie der Nachwelt in solchem Zustand zu hinterlassen, dass nachfolgende Generationen diese nicht nur um den Preis radikaler eigener Enthaltsamkeit weiter bewahren könnten". Er muß rechtzeitig handeln und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen Schritt halten. D.h. das BVerfG erklärt die 1,5-Grad-Grenze des Pariser Klima-Abkommens für verfassungsrechtlich verbindlich.

So begrüßenswert dieses Urteil ist, ist es andererseits traurig, daß es solcher Urteile bedarf. Zu befürchten ist, daß damit lange noch keine klimagerechte deutsche Politik auf den Weg gebracht ist. Zumal die nächsten Wahlen von vernünftigen Leuten erst noch gewonnen werden müssen. Das Beispiel Vorratsdatenspeicherung zeigt, mit welcher Pe­ne­t­ranz immer wieder versucht wird, nicht verfassungskonforme Interessen durchzusetzen. Welche historische Bedeutung diesem Urteil zukommt, wird sich noch erweisen müssen.



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Geändert: 29.04.2021 21:15
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Zum Urteil des BVerfG über den Berliner Mietendeckel

24.04.2021 16:36

© Zacke 2021

Ein paar unordentliche Gedanken:


I.

Das Bundesverfassungsgericht verkündete am 15.04.21 in einer Pressemeldung 1) und auch auf Twitter 2), daß das Gesetz zur Mietenbegrenzung im Wohnungswesen in Berlin (MietenWoG Bln) nicht mit dem Grundgesetz vereinbar und somit nichtig ist.

Zum Glück hat es damit nicht über die Vereinbarkeit eines Mietendeckels mit den Grundgesetz geurteilt, sondern dem Land Berlin die Zuständigkeit abgesprochen, ein solches Gesetz zu erlassen. Nach Ansicht des Gerichtes ist dies Sache des Bundesgesetzgebers.

Der Berliner Senat war anderer Ansicht. In einer Pressemeldung zum Urteil 3) verweist der Senator für Stadtentwicklung und Wohnen Sebastian Scheel auf die Föderalismusreform von 2006, nach der die Kompetenz für das Wohnungswesen seither in die alleinige Zuständigkeit der Länder fällt.

Das Gericht hält im Volltext der Entscheidung 4) einen langen an sich interessanten Vortrag über die Entwicklung des (sozialen) Mietrechtes. Auf meinen Tweet, die Lesbarkeit solcher Texte zu verbessern, hat das BVerfB leider nicht geantwortet. 5)

Es ist wohl der Länge der Urteilsbegründung und der Lesbarkeit des Textes geschuldet, daß mir beim ersten Lesen entging, was das Gericht zur obigen Föderalismusreform sagt. Mit Hilfe einer Textsuche, habe ich die entscheidenden Stellen noch einmal nach gelesen. In der Reihenfolge ihres Vorkommens heißt es:

"Das Gesetz zur Mietenbegrenzung im Wohnungswesen in Berlin könne nicht auf den Kompetenztitel des Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG („Recht der Wirtschaft“) gestützt werden. Es enthalte lediglich bürgerlich-rechtliches Preisrecht und halte den Preisstand nicht aus wirtschaftspolitischen Gründen aufrecht." Absatz 33 6)


"b) § 1 in Verbindung mit § 3, § 4, § 5 Abs. 1, § 6 Abs. 1 bis Abs. 4, § 7 MietenWoG Bln lässt sich schließlich nicht auf Art. 70 GG stützen. Der frühere Gesetzgebungstitel „Wohnungswesen“ (Art. 74 Abs. 1 Nr. 18 GG a.F.) umfasste jedenfalls im Zeitpunkt seiner Änderung durch die Föderalismusreform I im Jahr 2006 (aa) vor allem die Wohnraumbewirtschaftung, die Wohnungsbauförderung und den sozialen Wohnungsbau (bb). Die Festlegung der höchstzulässigen Miete für ungebundenen Wohnraum fiel nicht darunter (cc)." Absatz 178 7)


"Unter dem Eindruck der Staatspraxis seit 1949 hat sich der Begriff „Wohnungswesen“ in Art. 74 Abs. 1 Nr. 18 GG a.F. jedoch in der Weise geklärt, dass er das dem bürgerlichen Recht zuzuordnende Recht der Miethöhe für ungebundenen Wohnraum, bei dem die Auswahl der Vertragspartner, die Bestimmung der Mietsache, die Mietdauer und der Mietzins vorbehaltlich gesetzlicher Schrankenziehungen auf der privatautonomen Entscheidung der Vertragspartner beruhen, nicht (mehr) umfasst." Absatz 182 8)


Sehr verkürzt sagt damit das Gericht, mit der Föderalismusreform von 2006 gingen lediglich das Wohnungswesen, d.h. Wohnraumbewirtschaftung, Wohnungsbauförderung und sozialer Wohnungsbau auf die Länder über. Zu ungebundenem Wohnraum, das Gericht meint damit, frei finanziert und auf dem freien Wohnungsmarkt angeboten, darf das Land Berlin kein Gesetz über die Begrenzung der Mieten machen. Dieser Bereich gehört schon seit 1949 nicht mehr zum Wohnungswesen.

Das Gericht stellt außerdem fest, daß der Gesetzgeber den ungebundenen Wohnraum in seinem Kompetenzbereich erschöpfend geregelt hat, weshalb für das Land Berlin keinerlei Raum für eine weitergehende Regelung bleibt. Vergleiche Absatz 82 ff. 9)


II.

Der Grund, warum Berlin überhaupt auf die Idee kam, einen Mietendeckel einzuführen, besteht nach wie vor und es wurde genug dazu geschrieben, daß das Problem nun vom Bundesgesetzgeber gelöst werden müsse.

Wir dürfen also insbesondere auf das Engagement der SPD bezüglich eines bundesweiten Mietendeckels gespannt sein. Auch die Lohnsituation von Geringverdienern deutlich zu verbessern würde diesen helfen, ihren Mietzins zu begleichen und wäre eine Wiedergutmachung für die Einführung von Hartz IV. Ich bezweifele aber, daß die SPD in einer neuen Regierung überhaupt etwas zu sagen haben wird und finde dies vielleicht sogar besser. Die Grünen mag ich zwar auch nicht, wegen der Mitverantwortung für Hartz IV, dennoch wäre Annalena Baerbock als grüne Kanzlerin einen Versuch wert.

Von neoliberalen Schwurblern wurde vor dem Urteil oft gesagt, durch einen Mietendeckel würde keine einzige neue Wohnung geschaffen. Ein Ablenkungsmanöver, das die Verantwortung verschiebt und einen funktionieren Wohnungsmarkt vorgaukeln soll. Wo werden denn günstige Wohnungen für Geringverdiener gebaut? Wo werden frei werdende günstige Wohnung nicht aufgewertet oder umgewandelt und nicht dem Mietmarkt entzogen? Wo findet keine Verdrängung und Gentrifizierung statt? Die Apologeten eines entfesselten nicht regulierten Marktes bauen nur für Investoren und Reiche, nicht für Menschen, die ansonsten unter einer Brücke schlafen müßten.

Durch Neubau wird derzeit nicht das Problem gelöst, daß viele Menschen einen großen Teil ihres Verdienstes für die Miete ausgeben müssen. Die private Immobilienwirtschaft hat kein Interesse, günstigere Wohnungen anzubieten und kann es vermutlich auch nicht.

2019 betrugen in Deutschland die monatlichen Ausgaben der privaten Haushalte für Mieten durchschnittlich etwa 720 Euro oder 28% ihrer Konsumausgaben. Darin sind noch nicht einmal Heizung und Warmwasser enthalten. 10)

Wie immer sagen diese Durchschnittswerte nichts über die Situation einzelner Menschen aus. Die Ausgaben für die Miete betrugen 2019 bei privaten Haushalten im Durchschnitt rund 26% des gesamten zur Verfügung stehenden Einkommens. Bei armutsgefährdeten Haushalten lag diesen Anteil sogar bei 49%, also fast die Hälfte dessen, was sie verdienen. 11)

"11,4 Millionen Menschen in Deutschland lebten im Jahr 2019 in durch ihre Wohnkosten überlasteten Haushalten. Das waren rund 14 % der Bevölkerung" 12) Ob sich diese Menschen noch etwas anderes als unmittelbare Verbrauchsgüter leisten konnten?

Eine Diskussion, daß nicht alle Empfänger von sozialen Leistungen mit Geld umgehen können, führt hier nicht weiter. Stattdessen lohnt sich ein Blick auf die Berichte der NGO OXFAM 13). Sie zeigen, daß die Schere zwischen Arm und Reich weltweit immer weiter und immer unanständiger auf geht.


III.

Leider bin ich mir nicht mehr absolut sicher, ob nach Ansicht des BVerfG ein Mietendeckel mit dem Grundgesetz vereinbar wäre, nachdem es nun das Kaninchen des ungebundenen Wohnraumes aus dem scharlachroten Barett gezaubert hat.

Ich hoffe.

Menschenrechte ohne materielle Grundlage existieren für die betroffenen Menschen nicht. Deshalb sollte es unbedingt ein Menschenrecht auf Wohnen und zu dessen Durchsetzung auch einen Mietendeckel geben.

Rechte, die gesichertes Wohnen als materielle Grundlage benötigen, finden sich just in unserem Grundgesetz. 14):

Art 1 (1), Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Art 2 (2), Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

Art 13 (1), Die Wohnung ist unverletzlich.


Der Bund hat auch ein besonderes Recht:

Art 104d, Der Bund kann den Ländern Finanzhilfen für gesamtstaatlich bedeutsame Investitionen der Länder und Gemeinden (Gemeindeverbände) im Bereich des sozialen Wohnungsbaus gewähren. Artikel 104b Absatz 2 Satz 1 bis 5 sowie Absatz 3 gilt entsprechend.


Das Recht auf Leben und auf Achtung des Privat- und Familienlebens findet sich auch in den Artikeln 2 und 8 der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten, welche in Deutschland am 03.09.1953 (BGBl. 1954 II S. 14) in Kraft getreten ist und für Gerichte nach gemeinsamem Konsens übergesetzlichen Rang hat. 15) Leider wird in dieser Konvention auf die Todesstrafe "Rücksicht" genommen. Darum keine Textzitate.

Wen wundert, daß mensch erst Recht aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen ein Recht auf Wohnen ableiten könnte? 16)

Artikel 3 (Recht auf Leben und Freiheit)

Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.


Artikel 12 (Freiheitssphäre des Einzelnen)

Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.


Artikel 22 (Recht auf soziale Sicherheit)

Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.


Was nützen diese Rechte ohne das Recht auf Wohnen? Und was gehört noch dazu?


IV

Als ich das Urteil des BVerfG las, fragte ich mich, ob der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nach der höchstrichterlichen deutschen Entscheidung nun ein Adressat wäre, um nicht nur den deutschen Gesetzgeber zur Einführung eines Mietendeckels zu verdonnern. Dies ist wahrscheinlich eine verrückte Idee und was ginge schneller, so ein Verfahren oder eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung, einen Mietendeckel auf dem vorgesehenen gesetzgeberischen Weg zu etablieren? Schwer zu sagen.


V.

Es bedürfte einer Systemveränderung. Diese bräuchten wir sowieso, nicht nur bezüglich des Wohnens.

Der mehr oder weniger immer noch ausgesessene Klimawandel könnte uns schneller als voraus gesagt den Garaus machen. Der Verfassungsschutz aber vermutet hinter dem Slogan der Extinction Rebellion Bewegung "Systemwandel statt Klimawandel" verfassungsfeindliche Bestrebungen. Wie kann mensch die Dringlichkeit der Defekte unseres globalen Systemes derart mißverstehen?

Auch die Handhabung der weltweiten Corona-Pandemie schreit hier in Deutschland nach einem Systemwandel. Es könnte alles etwas pragmatischer und schneller gehen, wenn es sein muß, sogar mit strafrechtlichen Konsequenzen für Menschen, welche die Pandemie leugnen und durch ihr Verhalten andere und uns alle willentlich gefährden.

Unser System hat noch viele andere, dringende Reparaturstellen. Zum Beispiel die Integration von Menschen, die wir entgegen aller Konventionen, Abkommen und hehren Sonntagsreden mehr oder weniger aus unserer Gemeinschaft ausschließen. Stellen Sie sich hier eine lange, bekannte Liste vor.


VI.

Eine andere Möglichkeit, als das Thema Miete und Wohnen weiter aktuell zu halten und öffentlichen Druck aufzubauen, sehe ich nicht. Ich entschuldige mich also dafür, über dieses Thema geschrieben und die dafür nötige Lesezeit gestohlen zu haben.



Bitte nun diesen Appell für einen bundesweiten Mietendeckel unterzeichnen und verbreiten: https://aktion.campact.de/mietendeckel/appell/teilnehmen


Bitte die Unterschriftenliste für die Initiative zum Volksentscheid “Deutsche Wohnen & Co. enteignen” herunterladen und massenhaft unterschreiben. (PDF-Link):
https://www.dwenteignen.de/wp-content/uploads/2021/02/LAL-VB_3a_2b-2021_UListe_Druck.pdf





Gemeinsame Erklärung von Gewerkschaften, Mietervereinen und Organisationen der Zivilgesellschaft vom 19.04.2021 zu dieser Initiative (PDF-Link): https://www.dwenteignen.de/wp-content/uploads/2021/04/Unterstu%CC%88tzungserkla%CC%88rung_DW_und_Co_enteignen.pdf



--
Quellen:

1) https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2021/bvg21-028.html

2) https://twitter.com/BVerfG/status/1382597507641905152

3) https://www.stadtentwicklung.berlin.de/aktuell/pressebox/archiv_volltext.shtml?arch_2104/nachricht7075.html

4) https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2021/03/fs20210325_2bvf000120.html

5) https://twitter.com/VegOs/status/1382732486808076290

6) https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2021/03/fs20210325_2bvf000120.html#abs33

7) https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2021/03/fs20210325_2bvf000120.html#abs178

8) https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2021/03/fs20210325_2bvf000120.html#abs182

9) https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2021/03/fs20210325_2bvf000120.html#abs82

10) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/868855/umfrage/mietkostenanteil-an-konsumausgaben-privater-haushalte-in-deutschland/

11) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/806247/umfrage/anteil-der-wohnkosten-am-einkommen-privater-haushalte-in-deutschland/

12) https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/10/PD20_428_639.html;jsessionid=C4591F22B69ECC67C2D930B8E0B50965.live712

13) https://www.oxfam.de/unsere-arbeit/presse/themen-dossiers/soziale-ungleichheit

14) https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html

15) https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Menschenrechtskonvention
https://www.coe.int/en/web/conventions/full-list/-/conventions/rms/0900001680063764

16) http://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf
https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte


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Erstellt: 24.04.2021 16:36
Geändert: 29.04.2021 20:53
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Wieder mal ein bißchen Winter

17.02.2021 22:28

Schleifweg bei Ahrensfelde, Foto vom 10.02.21, © Bruno Zacke, Berlin 2021, All Rights reserved.

Wenn es um schöne Landschaften zum Fotografieren geht, bin ich, obwohl in Berlin wohnend, eindeutig ein Brandenburger. Erstaunlicherweise hatten wir dieses Jahr, wenn auch nur für kurze Zeit, wieder ein wenig Schnee, der ein paar Tage liegen blieb. Als am 10.02. auch noch die Sonne so unverschämt schien, packte ich meine Kamera ein und fuhr zum Schleifweg. Ein auf den ersten Blick langweiliger Feldweg, der auch noch zur A 10 führt, was Mensch nach zirka zwei Drittel des Weges immer deutlicher hört. Über die Autobahnbrücke rüber ginge es weiter nach Blumberg und wer lustig ist, kann bis nach Bernau weiter wandern. Auch diesen Ort empfehle ich zum Fotografieren.

Der Schleifweg war nicht nur mein erster Weg, den ich mir damals - noch weder mit ausgedruckter Karte noch mit einer Navi - eroberte, wobei ich keine Ahnung hatte, wie weit der Weg ist und wo er mich hinbringt. Das besondere am Schleifweg ist, daß er mich jedes mal mit irgend etwas überrascht und sei es ein Storch oder eine Wiese, die im späten Herbst wie im Frühling auf Teufel komm raus blüht. Oder tatsächlich im Frühling ein halber Acker voller Kornblumen mit einem absolut unfotografierbarem, wunderbarem Blau. Ein anderes Mal war es Moos, das den Weg polstere, oder die Alleebäumchen auf nur einer Seite, die entweder blühend oder mit Ihrem Herbstlaub besonders schön sind. Hie und da gibt es Birnen, Pflaumen oder Kirschen.

Leider sehe ich hier auch, mit welchen Mengen Landwirte die gesamte Landschaft mit Agrarchemie einnebeln und daß es unter anderem auch deshalb immer weniger Schmetterlinge gibt. Ich lasse es, dazu die Quelle einer Studie anzugeben. Es gibt immer wieder Neuere mit den selben schlimmen Befunden. So was heißt in der Wissenschaft Evidenz und Stand des Wissens, wenn sie immer wieder bestätigt wird.

Trotzdem macht es immer noch Spaß, an bestimmten Stellen in die Landschaft zu blicken. Auch diese kann sehr begeistern. Die Windräder stören mich nicht, im Gegenteil, und vielleicht werden wir eines Tages romantisch verklärt auf diese zurück blicken, so wie wir uns heute alte Mühlen ansehen, ob sie nun mit Wind oder Wasser angetrieben wurden.

Was mich stört habe ich schon angedeutet. Überall gibt es Siedlungen und Straßen. Natürlich sind Äcker, Wiesen und Wälder alles andere als unbelassene Natur, es fällt aber immer schwerer, in ihnen noch Natur zu erkennen.

Am Schleifweg gibt es ein besonderes Ärgernis, das aber an anderen Orten, z.B. an Seeufern noch krasser in's Auge springt. Es gäbe einen schönen zusätzlichen Rundweg, linker Hand, wieder von der A 10 weg, durch die Rehhahnsiedlung und ein kleines Wäldchen zum Tümpel, etwa auf halber Länge des Weges. Leider ist in der Rehhahnsiedlung Schluß mit der Runde. Eine Firma hat offenbar nicht nur das Grundstück, sondern auch noch die anliegende Straße gekauft und sperrt diese als ihr "Firmengelände" ab. Da ist kein Durchkommen, so wie eben mancher Weg um einen See abrupt endet. Denen wollte ich Wandervereine auf den Hals hetzten, hab dies aber bisher nicht getan.

GPS-Track, 8,7 Kilometer - © Karte: Openstreetmap.org
Open Data Commons ODbL: BY-SA
Mensch kann stattdessen ein Stück vor der Brücke über die A 10, einen starken Haken nach Rechts schlagen, durch eine Schranke gehen und den verlängerten Mehrower Landweg, bzw. Blumberger Weg bis nach Mehrow laufen. Dieser Weg ist leider asphaltiert. Gut für Fahrradfahrer, schlecht wenn mensch dauernd zu Seite springen muß. Ein sicher meist wirklich nett gemeintes Danke ändert daran nichts.

Ich habe mich mal unterwegs mit einem naturliebenden Radler unterhalten. Er meinte auch, er muß anhalten, um die kleinen, schönen Dinge zu sehen.

Das obige Artikelfoto ist wie meine anderen Fotos von diesem Tag im manuellen Modus aufgenommen. Mit einem Belichtungsmesser im Sucher ist das gar nicht so schwer. Die Automatikprogramme meiner Kamera sind absoluter Schrott. Der Hersteller antwortet nicht auf Anfragen. Sei's drum, mich freut es, daß ich "richtig" zu fotografieren gelernt habe. Ich habe schon immer die Programmautomatik benutzt. Mehr als ISO und Meßmethoden muß mensch da aber nicht einstellen. Manueller Weißabgleich und manuelle Fokusierung ist auch noch möglich. Damit konnte ich bereits meinen eigenen Stil verwirklichen. Danach stellte ich längere Zeit die Belichtung von Hand ein. Ich lernte, was für mich optimale Belichtungszeiten sind, z.B. 1/680 Sekunde bei meinem Lieblingswetter und konnte diese zu den ISO-Werten nach Gefühl abschätzen. In dieser Phase habe ich mir vermehrt die Blendenwerte gelungener Fotos angesehen und als ich gesehen habe, daß auch die Blendenautomatik in schwierigen Situation patzt, entschied ich mich, es komplett manuell zu wagen.

Nun habe ich maximale Möglichkeiten, Fotos meine persönliche Note zu geben. Das ist meilenweit von dem entfernt, was solche Kameras im Vollautomatik-Modus machen. Beschämend ist auch, daß es weitaus billigere Einsteiger Spiegelreflex-Kameras und sogar Kompaktkameras des selber Herstellers gibt, die im Modus "Programmautomatik" technisch hervorragende Fotos machen, ohne daß Mensch viel tun muß. Hinsehen (können) ist ja immer noch das Wichtigste beim Fotografieren.

Linsenfehler und perspektivische Verzerrungen können Stilmittel sein, aber ich akzeptiere sie nicht als Merkmal der heutigen Fotografie. Als diese noch mit der Malerei konkurrieren mußte, haben sich die Fotografen größere Mühe gegeben! Daher meine Begeisterung für historische Fotografie.

Wer sich noch mehr Fotos vom beschriebenen Spaziergang ansehen möchte, findet diese in meinem Sammelsurium (~ S. 238).

Es war übrigens schweinekalt und ich wußte zuerst nicht, wie lange ich es aushalte. Irgendwann spürte ich die Kälte aber nicht mehr. Auch nicht an meinen Fingern in den Halbhandschuhen, die ich zum Fotografieren brauche. Da der Boden gefroren war, lief ich zurück querfeldein, wie auf meinem GPS-Track zu sehen ist. Zu anderen Jahreszeiten empfehle ich dies nicht, das brachte mir schonmal Ärger mit meiner Freundin ein. Quer durch ein Feld laufe ich generell nicht, auch den Agrarindustriellen zuliebe. Bauern gibt es ja kaum noch.

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Erstellt: 17.02.2021 22:28
Geändert: 18.02.2021 19:24
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Rettet den PC!

03.12.2020 21:40

© Foto und Montage Zacke 2020
© Foto und Montage Zacke 2020

Was ich hier schreibe, hat schon lange im mir rumort. Ich bin oft Early Adopter oder gehe zumindest mit der Zeit, aber es widerstrebt mir, meine Webseiten in einer mobilen Version anzubieten. Genau so ärgere ich mich, wenn mir jemand einen Link zu einer solchen schickt und ich sie mit dem PC öffne. Nun habe ich den unten stehenden Text verfaßt, den ich hier dokumentiere und der statt meiner Homepage aufgeht, wenn sie jemand mit dem Smartphone aufruft.



Liebe Websurferin, lieber Websurfer,

Sie haben soeben versucht, mit Ihrem Smartphone meine Homepage aufzurufen. Diese gibt es nicht als mobile Version, ich habe auch nicht vor, sie in dieser Form anzubieten. Dafür habe ich mehrere Gründe.

1. Ich besitze kein Smartphone und möchte auch keines. Ich könnte die mobile Version meiner Seiten nur unzureichend selber testen.

2. Ich war von Anfang an ein begeisterter Homepage-Bastler und bin es immer noch, auch wenn sich das Netz Dank Content Management Systemen mittlerweile optisch sehr zur Monotonie hin verändert hat. Welche Möglichkeiten der Gestaltung habe ich denn noch auf einem physikalisch recht kleinem Display?

3. Als leidenschaftlicher Hobbyfotograf gefällt es mir außerdem nicht, wenn Fotos auf Briefmarkengröße zusammenschrumpfen. Meine Fotos im Sammelsurium haben zur Zeit eine Bildbreite von maximal 900 Pixeln. In Anbetracht der immer besser werdenden PC-Monitore mit immer höheren Auflösungen frage ich mich, ob es nicht bald an der Zeit ist, Fotos in einer Breite von deutlich über 1000 Pixel anzuzeigen, zumal sehr viel der Freude des Betrachtens gelungener Fotos verloren geht, wenn diese nicht im Fullscreen angesehen, sondern auf Web-Größe herunter skaliert werden. Jeder, der mit einer Kamera fotografiert, kennt dies und stellt die komische Frage nicht, warum mensch nicht mit dem Händi fotografiert oder: "Was machst Du mit den Fotos?"

4. Ich lehne die zunehmende Verlagerung des Internets auf Smartphones entschieden ab. Natürlich gibt es Formen, das Internet zu nutzen, bei denen das Zugangsgerät keine Rolle spielt. Z.B. ist dies für die sozialen Medien egal, ja es eröffnet sogar Möglichkeiten, diese zu bereichern oder eben noch langweiliger zu machen, je nach Nutzung. Stichwort Selfie oder das Essen instagrammen. Aber mensch kann ja auch Zeuge eines Ereignisses werden und Videos oder andere relevante Nachrichten in Realtime verschicken.

Auf einem Smartphone kann mensch aber sicher nicht wie am PC arbeiten. Ich stelle mir vor, wie jemand damit versucht, durch eine umfangreiche Tabellenkalkulation zu navigieren. Auch dürfte es bei ausschließlicher Smartphonenutzung mit der viel beschworenen Medienkompetenz nicht weit her sein. Schon gar nicht mit einer reinen Konsumeinstellung. Wie ist das, etwas auf einem Smartphone zu recherchieren, immer mehr Webseiten und Dokumente in verschiedenen Formaten nebst Bildern gleichzeitig auf zu haben und auch noch eine Zusammenfassung zu schreiben? Es ist vielleicht möglich, aber sicher nicht praktisch. Darum brauchen Schüler mindestens einen Laptop und kein Händi, um sinnvoll am hoffentlich interaktiven Onlineunterricht teilnehmen zu können.

Denken Sie nicht, nur weil ich kein Smartphone habe, weiß ich nicht, wovon ich rede. Ich besitze eine Navi (Garmin Oregon 700) und kenne den Unterschied, nur durch das Schlüsselloch des Displays zu sehen oder sich auf einem großen Monitor einen Überblick über ein Gebiet zu verschaffen, um eine Tour zu planen. Dies mache ich nur auf dem Rechner, obwohl es auf der Navi möglich ist. Dazu müßte ich ständig heraus und hinein zoomen und würde schnell den Überblick verlieren. Zumindest bei meinem Anspruch, nicht irgendwo beliebig unterwegs zu sein und nur Start und Ziel zu wählen, sondern das Gelände vorher schon online zu erkunden und verschiedene Varianten des Weges zu vergleichen.

Und falls Sie meinen, ein Händi wäre besser als Navi geeignet, gibt es noch einen Unterschied. Wenn Sie Google Maps oder einen ähnlichen Dienst benutzen, sind Sie nicht nur zu orten, was eine Frage des Datenschutzes ist, sondern ihre Position wird nicht so exakt wie von einer Navi auf der Karte angezeigt. Ihre Position wird nur anhand ihrer Verbindungsdaten berechnet. In Gebieten mit schlechter Mobilfunkabdeckung kann dies dauern oder sogar überhaupt nicht funktionieren. Sie müßten schon eine Navi-App installieren, die GPS-Daten empfängt und brauchbare Karten gespeichert hat.

5. Und abschließend: Ich möchte nicht dazu beitragen, daß sich die nicht ionisierende Umgebungsstrahlung weiter erhöht, indem ich eine Mobilversion meiner Webseiten anbiete und dies befördere. Im Gegensatz zu meiner Navi, empfängt ein Smartphone nicht nur, so wie früher ein Radio, sondern sendet auch. Wie sollte sonst drahtlose Kommunikation möglich sein? Die Sendeleistung von Smartphones soll über die Jahre auf ein Minimum reduziert worden sein und die Antennen der Geräte sollen "anders" strahlen. Trotzdem weisen die Hersteller in den jedem Gerät beigelegten Unterlagen im Kleingedruckten direkt oder indirekt darauf hin, die Geräte nicht direkt am Körper zu tragen. Beim iPhone 12 sind dies immerhin noch 5 Millimeter. Da mögliche Schäden durch EMF (electro magnetic fields) wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt sind, es aber zumindest Hinweise auf solche gibt, sichern sich die Hersteller auf diese Weise gegen mögliche Schadensersatzansprüche ab. Ist die Schädlichkeit von EMF also wirklich nur eine Verschwörungstheorie? Wollen die CIA oder der Papst, Bill Gates, die Bundesregierung oder der israelische Geheimdienst uns mit EMF unfruchtbar machen oder fernsteuern? Wer solchen Quatsch nicht glaubt, kann sich meine EMF-Links mit Artikeln und Studien (überwiegend auf Englisch) auf partsperhuman.info ansehen und anfangen, sich besser zu informieren. Für mich ist dies jedenfalls auch ein wichtiger Grund, keine mobilen Seiten anzubieten.

Sie können gerne wiederkommen und meine Homepage mit einem PC besuchen. Dann sehen Sie diesen Text nicht, den Sie, wenn sie nicht geschummelt haben, erfreulicherweise zu Ende gelesen haben. JavaScript ist erforderlich, damit alles funktioniert, aber darüber machen Sie sich auf ihrem Smartphone ja auch keine Sorgen. Dieser Text wird mit Hilfe von JavaScript angezeigt. Daten werden keine erhoben, Cookies sind nicht erforderlich. Des weiteren gibt es keinerlei Analytics, da ich im Netz keine kommerziellen Absichten verfolge und mich nun im Unruhestand befinde. Nur mein Blog speichert für 7 Tage Referrer und IPs. So sehe ich, wo meine Besucher herkommen, falls ich überhaupt nachsehe. Es gibt Besseres zu tun.

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Erstellt: 03.12.2020 21:40
Geändert: 03.12.2020 22:13
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Rückblick auf ein Arbeitsleben

29.10.2020 23:28

Der Text ist ein wenig lang...


© Zacke
Was mein Leben angeht, blicke ich mit 66 noch nicht zurück, sondern nach Vorne. Mein Arbeitsleben habe ich jedoch abgeschlossen und beziehe Grundsicherung, da ich von meiner Rente nicht leben könnte. Mir werden nach allen Abzügen 385,05 Euro Rente ausgezahlt. Ich stelle mein Arbeitsleben als Beispiel für ähnliche Erfahrungen zur Diskussion.



Es folgt eine nicht ganz chronologische Schilderung meiner sogenannten Karriere:

Ich weiß leider nicht mehr, ob ich mal Lokführer, Pfarrer oder Bankräuber werden wollte. Als ich das Alter erreichte, in dem ich dies hätte entscheiden können, hatte ich wenig Optionen. Mein Vater wollte, daß ich BWL studiere und seine Firma übernehme. Er machte Hausverwaltungen im großen Stil und ich arbeitete probehalber ein halbes Jahr bei ihm mit. Für mich, nicht für ihn! Es gefiel mir nicht und ich wollte eigentlich nicht studieren.

Die Bundeswehr wollte gerade, daß ich der damaligen Wehrpflicht nachkomme und die Wehrbereichsverwaltung wollte mich nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkennen. Nach der damaligen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts war absolute Gewissensnot Voraussetzung zur Anerkennung. Mensch durfte also nicht rational gegen Militär argumentieren, was ich tat. Jahrzehnte später erfuhr ich aber, daß die Prüfungsausschüsse tägliche Quoten hatten und daß somit Antragssteller auch unabhängig von ihrer Argumentation nach Überschreitung der Quote nicht anerkannt wurden.

Ich mußte mir damals wegen meiner Kriegsdienstverweigerung sehr viele Gedanken machen. Dies hat mich und andere sehr politisiert, obwohl wir in der Provinz und im Ländle, fernab der verebbten Protestbewegung der 68er aufwuchsen.

Ich hatte mir nach diesem Nachdenken alles sehr schön zurecht gelegt und mich in einer Einrichtung für geistig Behinderte vorgestellt. Ich wollte dort meinen Zivildienst ableisten und daraus vielleicht sogar einen Beruf machen. Dieser selbst gewählte, mit sehr viel Idealismus aufgeladene Berufsstart wurde mir versagt und für mich entstand Leerlauf, da ich auf die nächste Verhandlung warten mußte. Diese Geschichte sollte sich durch weitere Instanzen erfolglos bis zum Bundesverwaltungsgericht hinziehen.

Ich fing an, doch zu studieren. Allerdings nicht wie von mir gewünscht Psychologie in Bremen, dazu wäre ein besserer Numerus Clausus nötig gewesen, sondern Diplom-Sozialwissenschaften an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg. Das war eine schöne Zeit von ca. 5 Jahren und ich hörte lange nichts von der Bundeswehr.

Einen Abschluß machte ich in der Zeit nicht, obwohl ich fast fertig war. Das Fach lag mir zwar, aber ich wußte selber nicht, wozu es später gut sein sollte und war falsch beraten. Außerdem hatte ich mich zeitlich ein wenig verkalkuliert. Als ich vor dem Bundesverwaltungsgericht gegen die Bundesrepublik Deutschland unterlag, den Kriegsdienst aus Gewissensgründen verweigern zu dürfen, sollte ich plötzlich eingezogen werden. Stolz war ich trotzdem, mich vor diesem hohen Gericht selber vertreten und zumindest in der Verhandlung behauptet zu haben. Im Nachhinein sagte mir ein Anwalt, ich hätte eher möglichst schnell einen Abschluß machen, in ein wissenschaftliches Projekt einsteigen und mir ein Unabkömmlichkeitsgutachten ausstellen lassen sollen. Danke dafür, dies erfahren zu haben, nachdem es zu spät war.

Ich zog es vor, mich nach Berlin abzusetzen. Einer von Vielen damals. Diese Zeit war lange mit Alpträumen verbunden und ich war auf der vom Osten umzingelten Insel eingesperrt. Ich bekam anonyme Post, melden Sie sich bitte unter diesen Nummer bla-bla... An der Freien Universität konnte und wollte ich nicht Fuß fassen. Mir wurde zu wenig meiner bereits erworbenen Studienleistungen anerkannt.

Ich jobbte gelegentlich als Löter und als meine Eltern jegliche Zahlungen einstellten, übernahm mich ein großzügiger Chef. Das war Anfang der 80er Jahre.



Der Traum vom Rockstar

Parallel zum bürgerlichen Arbeitsleben hegte ich den Traum, Profimusiker zu werden. Ich hatte schon zu Schulzeiten eine Band und auch in Oldenburg spielte ich in einer, die aber zeitgleich mit meiner Flucht nach Berlin auseinander fiel. In Berlin beschränkte ich mich darauf, Songs zu schreiben und diese ohne Band allein spielen zu können. Auch liebäugelte ich mit einem Home Recording Studio, um alles selber aufzunehmen. Dann hätte nur noch der Hit gefehlt.


© Zacke
Leider mochte ich keine Hits, sondern wollte nur meine Musik spielen, die sich nicht am gängigen Kommerz orientierte. Daß ich damit in Berlin Einer von ganz Vielen war, wußte ich recht gut. So blieb es beim Träumen von als Traum erkannten Träumen und bei ganz wenigen Auftritten in Kneipen und auf U-Bahnhöfen.

Wäre der Fall der Mauer nicht dazwischen gekommen, hätte ich heute vermutlich eine recht gute Rente und eine lange, relativ schöne Zeit verbracht. Aber plötzlich gab es Konkurrenz aus dem Osten. Menschen die vor dem Nichts standen, gründeten neue Firmen und unterboten jeden Preis. Plötzlich brachen uns Aufträge weg und wir standen vor der Pleite.

Ich verließ die Firma, u.a. weil ich andere Vorstellungen von der anvisierten Krisenbewältigung hatte und versuchte tatsächlich, eine Weile von Straßenmusik zu leben, bis ich bei der Post anfing, nachts Briefe zu sortieren. Ich wurde sogar so etwas wie ein Vorarbeiter und hatte eine Weile in einem benachbarten Zustellstützpunkt bis morgens um Sechs die alleinige Aufsicht. Ich kehrte aber wegen zu viel Streß wieder auf meine alte Stelle zurück. Das ging tatsächlich. Problem war später ein neuer Chef, der mich weg mobben ließ. Das hatte ich nie verstanden, aber ich war zu Zeiten eines Einstellungsstops auf eine Sonderstelle eingestellt worden und diese für ihn überflüssige Stelle wollte der neue Chef, der sich bewähren mußte, natürlich möglichst schnell wieder los werden. Dies hatte wieder einmal nichts mit meiner Person zu tun.



Warum nicht selber Unternehmer werden?

Einen dritten Strang meines Karrierestrebens kann ich zeitlich nicht mehr genau in meine Schilderung einbauen. - Ich versuchte auch, mich selbständig zu machen, wurde dazu bei der Industrie und Handelskammer vorstellig und erhielt die offizielle Genehmigung, Spulen wickeln zu dürfen. Es ging um Tonabnehmer für elektrische Gitarren, die sogar recht gut waren, da ich mit neuartigen Materialien und in Ermangelung von Produktionsanlagen mit anderen Herstellungsmethoden experimentierte. Leider hat mir dies eine inzwischen wieder abgeklungene Styrolallergie eingebracht, die mich zehn Jahre lang plagte.

Zwecks Feedback hatte ich ein paar Muster verschickt und spielte jahrelang mit meinen selbst hergestellten Pickups. Ich entdeckte sogar eine Marktnische: Tonabnehmer für türkische Lauten (Manyetik Saz için). Auch da kam ich über den Status von Prototypen nicht hinaus. Vielleicht hätte ich mich mit Leuten mit ähnlichen Ideen zusammentun und wie es neudeutsch heißt, ein Startup gründen sollen. Vielleicht, vielleicht, auch die ganzen Ich-AGs haben nur wenige Unternehmer hervorgebracht.



Wie wäre es mit IT?

Nachdem ich bei der Post Dank Unterstützung einer Gewerkschafterin wenigstens mit einer Abfindung aufhörte, verbrachte ich ein ganzes Jahr zu Hause und mit Jobsuche. Ich stellte mich öfter persönlich vor. Es gab jedoch nicht all zu viele gute Jobs zum Bewerben und außerdem darf mensch bei der Bewerbung auf minder qualifizierte Jobs leider nie erwarten, finanziell wieder das zu bekommen, was er oder sie zuletzt hatte. Daraus machen die Jobcenter ganz schnell den Vorwurf, nicht arbeiten zu wollen. Dabei sind die großen Absahner jene, die etwas lassen, weil es sich nicht rechnet. Warum darf das der arbeitende Mensch nicht? - Weil er oder sie in der schwächeren Position ist! Und damit der Mensch immer ausbeutbar bleibt, wird es nie ein bedingungsloses Grundeinkommen geben.

Obwohl ich mich erst nach einem Jahr arbeitslos meldete, gab das keinen Ärger, wohl mußte ich aber ab da an allen möglichen Maßnahmen teilnehmen. Wie mensch sich bewirbt, wie mensch MS-Word bedient usw. Es waren auch lehrreichere Maßnahmen dabei, aber keine brachte mich einem Job näher.

Schließlich erkämpfte ich mir eine Umschulung zum Fachinformatiker. Günstigerweise standen Wahlen an und die Arbeitslosenzahlen sollten möglichst niedrig gedrückt werden. Die Umschulung war pädagogischer Unfug. Der Stoff- oder Lehrplan sah so aus, wie gerade Dozenten aus dem Pool zur Verfügung standen und wir wurden im Schweinsgalopp durch den Stoff gejagt. Trotzdem glaubte ich bis zuletzt an den Sinn. Oder ich hoffte. Erst als ich für einen Praktikumsplatz Türklinken putzen mußte, wurde mir klar, daß diese Umschulung eher dem Träger und dem Jobcenter, nicht aber mir was bringt. Ich fand keine gute Stelle, da die Firmen lieber besser qualifizierte Absolventen von den Unis haben wollten. Auch herrschte damals das Praktikumsunwesen, dem erst später durch Gesetze Einhalt geboten wurde. Es gab eine Menge gut ausgebildeter Leute, die von einem zum anderen Praktikum hangelten und nie eine Stelle angeboten bekamen.

Während ich noch in der Umschulung war, mußte ich nicht nur aus Altersgründen meinen Traum begraben, irgendwann irgendetwas professionell mit Musik zu tun zu haben. Ich hatte schlichtweg keine Zeit mehr, meine ca. 100 Songs regelmäßig zu üben. Leider habe ich nur die Texte auf Papier und die Musik nur als grobe Taktschemen mit Akkorden notiert. Obwohl Studio Equipment in meiner Wohnung herum stand, habe ich die Songs nie aufgenommen. Wenig Zeit hatte ich allein aufgrund des langen Weges nach Hennigsdorf und von dort zurück.

Auf dem Weg zu meiner Praktikumsstelle saß ich noch länger in der Bahn. Täglich ca. vier Stunden. Zum Musikmachen blieb keine Zeit mehr. Ich gab das Gitarrespielen ganz auf. Zudem hatte mein Gehör Schaden genommen. Ungefähr seit dem Kollabieren des DDR-Arbeiter- und Bauernzoos habe ich einen Tinnitus und zeitweilig mochte ich gar keine Musik, nichtmal die Eigene!

Leider war ich für mein Praktikum in eine Firma geraten, die gerade den Bach runter ging. Hinzu kam ein interner Betrugsfall und mich holte meine alte, an sich auskurierte Bronchitis wieder ein. Ich brach das Praktikum und die Umschulung ab. Eine Sachbearbeiterin des Jobcenters erzählte mir von ihrem Sohn, der viel besser als ich geraten wäre und brüllte mich an. Ich brüllte noch lauter zurück und mußte später zu einer Psychologin, die einen Burnout oder dergleichen diagnostizierte. Somit war ich für die versemmelte Umschulung nicht regreßpflichtig.

Eine kleine Erfolgsbilanz der Umschulungsmaßnahme zum Fachinformatiker möchte ich nicht vorenthalten. Die Zahlen sind Hausnummern, die ich nicht mehr ganz exakt erinnere. Die Ausbildung kostete etwa 36.000 DM pro Person. Von 25 Teilnehmern schafften 7 die Prüfung. Ein paar wenige waren wie ich vorher abgesprungen. Von den Erfolgreichen hatten zwei Jahre später 3 einen Job.



Ist Dauerarbeitslosigkeit eine Berufung oder gar ein Beruf?


© Zacke
2003, nach Abbruch der Umschulung stand ich wieder ohne Aussicht auf einen Job da. Meine Dauerarbeitslosigkeit sollte erst um 2014 herum enden. Ich möchte mich hier ausdrücklich bei Guido Westerwelle, Wolfgang Clement und Herrn Thilo Sarrazin für die Diffamierung von Arbeitslosen bedanken. Herr Westerwelle wurde damals von ein paar Arbeitslosen wegen Beleidigung angezeigt, ich hatte leider keinen Mumm dazu. Er verglich die nicht gerade üppigen Hartz IV Regelungen mit einer Einladung zu spätrömischer Dekadenz. Für Herrn Clement waren Arbeitslose Parasiten und Herr Sarrazin wollte Arbeitslosen eine Abmagerungskur verordnen. Natürlich gibt es in jedem Bereich der Gesellschaft Menschen, die betrügerisch eine Situation für sich ausnutzen. Alle drei haben aber generalisiert und dies allen Hartzis unterstellt.

Ich hatte mich damit arrangiert, daß richtig bezahlte Jobs im Moment für mich nicht verfügbar sind und daß die Maßnahmen des Jobcenters absolut nichts mit dem ersten Arbeitsmarkt zu tun haben. Dafür lebte der kulturelle Bereich von der Arbeit von Ein-Euro-Jobbern. Das Jobcenter war also der größte Kunst- und Kulturförderer. Kann sein, daß dies auch für den sozialen Bereich zu traf, aber da war ich nicht tief genug drin.

Ich machte diverse Ein-Euro-Jobs und Ehrenämter. Ein Ehrenamt fand in der Szene der Patienten-Selbsthilfe statt. Ich arbeitete für einen vielgelesenen Blog als Übersetzer. So lernte ich medizinisches Englisch. Ich verfaßte auch ein paar eigene Artikel. Es ging um Umwelterkrankungen oder sogenannte seltene Erkrankungen, mit denen die Schulmedizin nicht klar kommt. Eine davon gerät gerade als eine der möglichen Langzeitfolgen von Covid19 in den öffentlichen Fokus: ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic fatigue syndrome). Später habe ich mich noch sehr intensiv mit Hormonschadstoffen, EDCs (Endocrine Disrupting Chemicals) befaßt.

Die Stellen für meine Ein-Euro-Jobs habe ich mir zum Teil selber organisiert und wurde dabei von den Sachbearbeitern des Jobcenters unterstützt. Ich bekam aber auch gute Stellen vorgeschlagen. So z.B. ein spannendes Fotoprojekt. Die Fotos davon hingen ein paar Jahre auf den Fluren des Jobcenters in der Rudi-Dutschke-Straße. Ich war mit ein paar wenigen anderen sehr aktiv und "leitete" das Projekt mehr oder weniger. Es war eine völlig neue Erfahrung, im Jobcenter von den Kollegen der für die Ausstellung zuständigen leitenden Mitarbeiterin hofiert zu werden. Technisch und organisatorisch habe ich durch diese Ausstellung sehr viel gelernt. U.a. mußte ich als Linuxer für einen Profidrucker auf einem Windowsrechner sieben Treiber installieren, bis dieser tat, was er sollte. Ich habe alles dokumentiert und eine CD mit dem Handbuch des Druckers beigelegt. Trotzdem kam nach einem Jahr ein Anruf vom Träger, daß der Drucker nicht funktioniert.

Der nächste Ein-Euro-Job brachte mich passenderweise als Öffentlichkeitsarbeiter an das Kunsthaus ACUD. Ich hängte ein Jahr Ehrenamt an und leitet ab da das Büro des ACUD-Theaters. Da war ich auch Bühnenfotograf und Elektriker. Viele, die damals im ACUD waren, machten sich Hoffnung auf einen richtigen Job, deshalb wurde dies vom Jobcenter toleriert, obwohl mir mein Sachbearbeiter sagte, daß das Jobcenter nicht zur Förderung von Kunst und Kultur da wäre. Der Laden brummte, konnte aber kaum seine laufenden Rechnungen bezahlen.

Es war eine bunte Mischung von Menschen auch aus dem bürgerlichen Lager vorhanden. Manche blühten noch einmal richtig auf und lernten etwas Neues, da sie zuvor noch nie mit der linken Kulturszene in Berührung gekommen waren. Die meisten wurden böse enttäuscht. Doch kein fester Job und das Gefühl, nur ausgenutzt worden zu sein. Irgendwann war der Laden faktisch pleite. Auf welcher Basis er heute weiter existiert, weiß ich nicht und will ich nicht wissen.

Ich ging und fing wieder mal an, mich erfolglos auf dem ersten Arbeitsmarkt um Jobs zu bewerben. Diesmal im kulturellen Bereich. Ich fand nichts, denn plötzlich sollte ich für alles, was ich konnte, formale Qualifikationen nachweisen, die ich nicht hatte. Mensch darf in Deutschland aber gerne die selbe Arbeit unbezahlt machen.

Es folgte ein skurriler Ein-Euro-Job für zwei Monate. Ich mußte für einen Ausfall einspringen. Ich bekam mich mit den meisten anderen Teilnehmern böse in die Wolle, die lediglich wegen dem bißchen Kohle da waren und ihre Zeit möglichst ungestört absitzen wollten. Ich wirbelte, hatte ja noch die ganzen Pressekontakte vom vorausgegangen Projekt und lies die eingeschlafene Webseite aufblühen. Dankenswerterweise hat mir dabei das Festival of Lights sehr geholfen. Es war ein Projekt, das niedrigpreisige und kostenlose Freizeitangebote sammelte. Es gab ein Ladenlokal, wo jeder hinkommen und sich beraten lassen konnte. Auch das störte die Ruhe von manchen.

Auf der Webseite des Projektes gab es neben dem von mir eingerichtetem Blog mit Veranstaltungstipps ein Verzeichnis mit Hilfsangeboten jeglicher Art. Ich ergänzte diese nach Absprache mit dem Träger um medizinische Anlaufstellen für Mittellose. Damit diese jeder findet, machte ich Fotos zu den Einträgen. Ich war also überall vor Ort. Des weiteren klapperte ich alle Babyklappen Berlins ab und stellte diese ein. Ich bewertet sie danach, ob sie wirklich geeignet sind, einer verzweifelten Mutter die Möglichkeit zu bieten, ihr Kind unbeobachtet, sicher und anonym abzugeben. Einige ließen sehr zu wünschen übrig und schreckten eher ab.

Daß mensch in zwei Monaten so viel auf die Beine stellen kann, wunderte mich selber. Leider war der Träger nicht in der Lage, die Webseite auf einen anderen Webspace umzuziehen. Es war offenbar auch niemand da, sie danach zu reparieren.

Mein letztes Projekt brachte mich zum Pfad der Visionäre. Das kann sich jeder im Netz ansehen und ich möchte nichts dazu sagen.

Bisher nicht erwähnt habe ich das Heimatmuseum in Johannisthal. Dort war ich auch recht gerne. Erwog sogar, in diesen schönen Bezirk zu ziehen. Es kam anders. Es geht eben nicht gut, wenn Menschen das als Ein-Euro-Job machen müssen, wofür sie ausgebildet worden sind und womit sie jahrelang ihren Lebensunterhalt verdient haben. Wenn dann noch einer ohne Ausbildung kommt und das gleiche tun darf, oder manches sogar besser weiß, sind Konflikte vorprogrammiert. Hartz IV demütigt viele Menschen, auch dafür nochmal Danke an die Herren Schröder und Fischer.



Endlich Jobs in Sicht

Als mein Ein-Euro-Job im letzten Projekt auslief, hatte ich nicht das Bedürfnis, diesen verlängern zu lassen. Ich wußte längst, daß meine Arbeit eine angemessene Bezahlung auf dem ersten Arbeitsmarkt wert war. Auf ideelles Engagement für ein sicher gutes Projekt hatte ich keine Lust mehr.


© Zacke
Mittlerweile wandelte sich der Arbeitsmarkt. Es ging mit schlecht bezahlten Jobs aufwärts, es gab einen Mindestlohn und so wollte ich es nochmal wissen, bevor ich die Altersarmut antrete.

Eine kurze Schulung zum Callcenter-Agent mißlang. Auch wegen der Geheimniskrämerei der beklopften Firma, die es nicht zuließ, Schulungsunterlagen zum Lernen mit nach Hause zu nehmen. Deshalb waren meine paar wenigen Interaktionen mit Hilfe suchenden Kunden für beide Seiten eine Katastrophe.

In dieser Zeit schickte ich etliche hundert Bewerbungen raus und bekam viele unbrauchbare, sanktionsbewehrte Jobvorschläge vom Jobcenter. Ausgerechnet der Chef einer Verleihbude in Potsdam gab mir den richtigen Tipp. Wenn ich wieder in der Elektronikbranche arbeiten möchte, muß ich wenigstens eine kurze Qualifizierung machen.

Aus kurz wurde leider ein halbes Jahr, aber danach durfte ich mich zertifizierter SMD-Löter nennen. Wow! Gegen Ende meiner Karriere meine erste offizielle Berufsbezeichnung!

Damit fand ich wirklich Jobs! Zuerst einen kurzen in Fredersdorf, wo mich der Chef nach einem halben Jahr mit der Bemerkung verabschiedete, ich wäre keine große Hilfe gewesen. Dort gab es wieder Mobbing-Geschichten. Eifersüchtige Altangestellte machten jedem und jeder Neuen das Leben schwer. Ich bedankte mich trotzdem dafür, daß ich da arbeiten durfte, denn ich hatte eine Augenoperation hinter mir und wußte nicht, ob das mit meinen Augen nicht nur in der Qualifizierung sondern auch in einem Betrieb funktioniert. Der Herr verplapperte sich spontan: "Sie sind doch sehr geschickt!" - Nur eben keine große Hilfe?

Der nächste Job war nicht besonders gut bezahlt, hat aber eine ganze Weile Spaß gemacht. Auch habe ich da meine Lebenspartnerin gefunden. Leider war ich über Zeitarbeit da, bekam aber immerhin 10 Euro die Stunde. Als das nicht mehr ging und die Firma mich hätte übernehmen müssen, wollte ich mehr Geld haben. Daraufhin schickte mich der Betrieb zur Zeitarbeitsfirma zurück.

Es ist sowieso merkwürdig, wenn Mitarbeiter über Jahre per Zeitarbeit durchgezogen werden. Dem wurde nun gesetzlich ein Riegel vorgeschoben. Die Kunden der Zeitarbeitsfirmen haben aber einen neuen Trick parat. Sie stellen die Leute unter den gleichen Bedingungen wie die Leiharbeitsfirmen ein, ebenfalls nur befristet und bei gleicher Bezahlung. Dadurch sparen sie sogar und für die Mitarbeiter ändert sich überhaupt nichts, bis sie dann nach einer Weile, wenn wieder fest übernommen werden muß, bei immer noch gleicher Bezahlung unbefristet eingestellt werden.

Meine Zeitarbeitfirma hatte eine neue Einsatzfirma für mich. Wohl auch, weil der Personalchef mich im Gegensatz zum Chef sehr gerne behalten hätte und ein gutes Wort für mich eingelegt hatte, sollte ich dort sogar mehr Geld bekommen. Nach wenigen Tagen wurde ich jedoch wieder abgemeldet, ohne daß irgend wer mit mir gesprochen hätte. Es war eine sehr gut ausgestattete Firma mit einem riesigen Maschinenpark und mit sehr netten Mitarbeitern. Sehr merkwürdig!

Nach einer, aufgrund meines vorangeschrittenen Alters erfolglosen Vorstellung in einem kleineren, aber technisch interessanten Betrieb in Blankenburg, schickte mich meine Zeitarbeitsfirma in einen größeren Betrieb, in dem auch menschlich alles stimmte. Es war eine sehr gute Zusammenarbeit, ich bekam 12 Euro die Stunde und durfte recht diffizile Arbeiten machen. Ich gehörte zu den wenigen SMD-Reparaturlötern. Nach nichtmal einem Jahr, wurde ich am 31.03.20, meinem letzten Arbeitstag, fast wie ein Langjähriger mit einem veganen Freßkorb und einer Rede des Abteilungsleiters verabschiedet. Der Chef schenkte mir einen Amazon-Gutschein. Ich hätte da vielleicht auch ohne Zeitarbeit noch weiter arbeiten und zu meiner kärglichen Rente dazuverdienen können. Aber ich hatte mich auf die Zeit des Ruhestandes zu sehr gefreut und genieße sie auch mit wenig Kohle. Ich kann jetzt z.B. diesen Blogpost bis spät in die Nacht schreiben.



Fazit zum Rückblick auf ein Arbeitsleben


© Zacke - Schwalbenschwanzfalter (Papilio machaon) auf den Ahrensfelder Bergen
Was habe ich nun zu dieser "Karriere" zu sagen? Daß ich von Hartz IV nichts halte und für ein bedingungsloses Grundeinkommen eintrete, ist schon angeklungen und geht auch aus meinen früheren Blog-Einträgen hervor.

Im Moment läuft eine europäische Bürgerinitiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen in der gesamten EU. Ich empfehle, sie zu unterzeichnen. Dies kann noch bis zum 25.09.2021 getan werden. Bitte fleißig weiter verbreiten! Danke!

Ich bin auch dafür, daß Politiker für ihr Handeln im Auftrag des Wählers haften. In den USA ist ein Präsident für über 200.000 Coronatote verantwortlich, bei uns wurden Millionen Menschen arm und z.T. obdachlos gemacht. In Großbritannien bringen sich Menschen aus Verzweiflung um, weil selbst Schwerbehinderte und Todkranke im Auftrag der Regierung von einer privaten Firma als fit to work bzw. arbeitsfähig (Youtube) eingestuft werden und deshalb keine weitere finanzielle Unterstützung erhalten. Die UN hat dies gerügt, aber eine Frau May meinte dazu, alles wäre OK.

Daß ich meine Karriere auch selber vergurkt habe, spielt für mich keine Rolle (mehr). Sehr wohl aber die Frage, warum sich für unser berufliches Fortkommen alles in den frühen Lebensjahren entscheiden muß, so daß manche Eltern bereits Kleinstkinder auf Leistung trimmen, indem sie mit ihnen pauken und stupide abfragen, was sie gerade im Bilderbuch sehen. Die Kids wissen dann schon, wie Dinge heißen, die sie im wirklichen Leben noch gar nicht entdeckt haben. Vogel, Baum, Pferd, Briefkasten, Blume etc.

Ich habe öfter einen Neuanfang versucht. Nachdem ich eine Weile in meinen ersten festen Job arbeitete und noch vom Rockstar träumte, habe ich mich mit schon über Dreißig vergeblich für eine betriebliche Ausbildung beworben. Natürlich gönnte ich den Jüngeren die stattdessen genommen wurden ihre Lehrstelle.

Noch mehr frage ich mich, warum Zeiten der Arbeitslosigkeit nicht für ein Studium genutzt werden dürfen. Diesbezügliche Klagen haben Arbeitslose verloren. Nach Ansicht der Jobcenter und des Gesetzgebers muß mensch als Arbeitsloser dem Arbeitsmarkt stets zur Verfügung stehen, selbst wenn dieser nichts von einem wissen will. Ansonsten gibt es kein Arbeitslosengeld. Wäre es nicht sinnvoller, wenn jene die dies wollen, damit ein Studium finanzieren könnten? Ich hätte in der Zeit meiner Arbeitslosigkeit mindesten zwei Abschlüsse nachholen können, zumal für meinen Ersten nicht viel fehlte. Dafür hätte ich aber nach Oldenburg zurück gemußt und weitere Kosten verursacht.

Ferner wäre eine verbindliche Verantwortung aller Betriebe für die berufliche Weiterbildung ihrer Mitarbeiter angebracht, statt Minderqualifizierte als billige Arbeitskräfte auszunutzen. Zeitarbeitsfirmen als Standard-Arbeitsmodell sollte es gar nicht geben. Ich erinnere mich noch bestens, wie die Gewerkschaften anfangs gegen Zeitarbeit gewettert haben, um dann später Tarifverträge mit ihnen zu machen. Daß Arbeitgeber aus Tarifverbänden austreten dürfen, sollte gar nicht erlaubt sein. Deshalb haben wir Arbeitnehmer erster, zweiter und dritter Klasse. Viele haben nichts von Tarifabschlüssen und werden niemals weiterqualifiziert, sondern bleiben ihr Leben lang Handlanger, als ob dies eine angeborene Eigenschaft wäre.

Menschen, die aufgrund von Behinderung nicht voll arbeiten können, sollten trotzdem genug zum Leben verdienen und nicht zu Allmosenempfängern degradiert werden. Niemandem sollte dies widerfahren. Es macht ökonomisch keinen Sinn. Die Wirtschaft lebt nicht von den Reichen allein, sondern von den Massen, die Geld in der Tasche haben müssen, damit die Wirtschaft etwas zu tun hat. In Anbetracht der Notwendigkeit, die Umwelt als unsere Lebensgrundlage nicht weiter zu zerstören und gesund zu erhalten, ist auch zu fragen, welchen Zielen die Wirtschaft zu dienen hat. Nur der Reichtumsanhäufung von Wenigen oder der Versorgung der Menschen mit lebensnotwendigen Gütern? Damit kommen wir sehr schnell zu grundlegenden Fragen wie Gerechtigkeit und Menschenrechte. Wenn alles wie bisher nur für die Bedürfnisse der Reichen weiter läuft, verkacken wir den Klimawandel und die Reichen werden sich auf keine Inseln retten können. Bestenfalls auf den Mars oder den Mond.



Das Bedingungslose Grundeinkommen

Es gibt eine Lösung, die den Menschen gleichzeitig von der Existenzangst befreit und sein Potential entfaltet. Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) als materielle Ausgestaltung des Existenzrechtes. Es würde die Lotterie der Geburt ein wenig abmildern und jedem Menschen bessere Startchancen bieten. In einer Gesellschaft, die auf Ausbeutung der Natur und des Menschen durch den Menschen beruht, wird dies aber schwierig zu erreichen sein.

Ich wiederhole nur kurz, was ich früher bereits ausführlicher beschrieben habe. Wenn alle Lebensressourcen privatisiert sind, schuldet mir die Gesellschaft ein Mindestauskommen, da ich nicht mehr in die Natur ausweichen und dort von meiner Hände Arbeit leben kann. Der Wald und das Land gehören bereits jemandem. Es wäre sowieso nicht effektiv, wenn jede oder jeder wieder als kleiner Bauer zu überleben versuchen würde. Das würde die Natur nicht weniger wie jetzt ruinieren. Als Menschheit sind wir reich, der Reichtum ist nur ungleichmäßig verteilt. Das Grundeinkommen wäre eine Idee, dies durch Umorganisieren und Rationalisieren der bereits gewährten Transferleistungen zu verändern, ohne jemand etwas wegzunehmen und ohne das Chaos einer zerstörerischen, blutigen Revolution zu veranstalten. Für die Finanzierung gibt es genügend Vorschläge. Es wäre nicht unfinanzierbar und als negatives Einkommensteuermodell müßte es an jene die es nicht brauchen, gar nicht ausgezahlt werden.

Das Leben ohne Existenzangst würde die Menschen ermutigen, sich zu engagieren und in die Gemeinschaft einzubringen. Es würden nicht zu viele Menschen geben, die mit einem Leben ohne Arbeit und auf niedrigem materiellem Niveau vorlieb nehmen würden. Dazu sind wir viel zu sehr eine Konsumgesellschaft. Viele würden sich etwas leisten und dazu verdienen wollen und hätten, da für ihre Existenz gesorgt ist, bei der Bewerbung um einen Job, eine viel bessere Verhandlungsposition. Menschen würden sich nicht mit Jobs die sie nicht mögen quälen, sondern mit dem was sie am besten können und am liebsten machen gute Arbeit leisten. Das Argument, daß mit einem BGE kein Mensch mehr arbeiten würde, ist ein sehr dummes und nur Ausdruck der Angst vor Machtverlust. Natürlich wäre eine solche Gesellschaft aus selbstbewußten Menschen unbeherrschbar. Aber sie könnten zusammen Großes leisten. Z.B. das Klimaproblem lösen, wozu unsere heutigen Politiker weder fähig noch willens sind, da sie auf die Lobby der Mächtigen hören (müssen).

Ein vorübergehendes Probe-BGE könnte eine Lösung für jene Probleme sein, die uns das Coronavirus gerade bereitet.

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Erstellt: 29.10.2020 23:28
Geändert: 03.11.2020 20:29
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=153

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