Initiative Pro Netzneutralität

Schick und nützlich: Armbänder können die individuelle Schadstoffbelastung ermitteln

09.03.2014 01:55


Autor: Brian Bienkowski, 07.03.2012, Redakteur von Environmental Health News
Übersetzung: BrunO



© Foto: LexnGer CC: BY-NC via flickr 
Armbänder sind für Menschen die eine Kampagne unterstützen das Accessoire der Wahl. Bei der nächsten Welle dieser Gelenkbekleidung könnte es sich um das schicke Archiv unserer chemischen Schadstoffbelastung handeln.

Forscher der Oregon State University haben Freiwillige mit leicht modifizierten Silikonarmbändern ausgestattet und diese anschließend auf 1.200 Substanzen untersucht. Sie fanden mehrere Dutzend Verbindungen - alles von Koffein und Zigarettenrauch bis hin zu Flammschutzmitteln und Pestiziden.

"Wir waren über die Bandbreite der Chemikalien überrascht", sagt Kim Anderson, Professorin, Chemikerin und Hauptautorin der von Environmental Science Technology veröffentlichten Studie.

Im letzten Jahrzehnt sind seit Lance Armstrongs Livestrong Foundation billige farbenfrohe elastische Armbänder zu einem beliebten Modeassessoir geworden, um Wohltätigkeitsorganisationen und andere Kampagnen zu bewerben.

Anderson hatte anfänglich versucht, an Halsketten befestigte Anhänger auf Schadstoffe zu untersuchen. Doch dann sah sie bei einem Fußballspiel "alle möglichen Leute, sogar bodenständige Männer" Fan-Armbänder tragen. In diesem Augenblick kam ihr die neue Idee.

Silikon ist porös und verhält sich ähnlich wie menschliche Zellen, folglich "wollen" Chemikalien, sobald sie vom Armband absorbiert sind "nicht mehr in das Wasser oder die Luft zurück", sagte Anderson.

"Diese Studie bietet ein paar konkrete Möglichkeiten, das Manko epidemiologischer Studien zu beheben - nämlich eine Wissenschaft der Schadstoffbelastung", sagte Ted Schettler, wissenschaftlicher Direktor des Science and Environmental Health Network, einer gemeinnützigen Umweltmedizin-Interessengruppe.

Die Armbänder "können sowohl Chemikalien als auch Gemische erkennen und man kann sie leicht bei größeren Gruppen einsetzen um zu sehen, welche Verbindungen am häufigsten vorkommen", sagte er.

Dreißig Freiwillige trugen 30 Tage lang das orange-weiße Oregon State Armband. In ihnen hat man 49 Verbindungen festgestellt, dazu gehörten Flammschutzmittel, Haushalts-Pestizide, wie z.B. Entlausungsmittel für Haustiere, Koffein, Nikotin und zahlreiche Chemikalien die in Kosmetika und Parfüm zum Einsatz kommen.

Zusätzlich haben acht Freiwillige, die als Dachdecker arbeiteten, die Bänder acht Stunden pro Tag getragen. Die Forscher testeten diese auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAHs/polycyclic aromatic hydrocarbons), die in geteerter Dachpappe enthalten sind. In allen Armbändern der Dachdecker fanden sich diese Verbindungen, einschließlich zwölf von den Bundesbehörden als besonders gefährlich gelistete Schadstoffe. Erwartungsgemäß hatten jene Dachdecker, die weniger Schutzkleidung trugen und in geschlosseneren Räumen arbeiteten höhere Konzentrationen in ihren Armbändern, sagte Anderson.

Vor der Übergabe an die Freiwilligen mußten die Forscher Chemikalien entfernen, die während der Herstellung in das Silikon gelangen.

Anderson sagte, diese Armbänder stellen gegenüber Anlagen zur stationären Luftüberwachung einen großen Schritt dar, da diese nur Momentaufnahmen liefern und sich u.U. nicht in der Nähe von Menschen befinden. Individuelle Schadstoffbelastung zu erfassen bedeutet normalerweise, daß schwer zu bedienende und teuere Geräte in Rucksäcken getragen werden müssen.

Die Armbänder werden zuerst daraufhin untersucht, welche Chemikalien vorliegen, anschließend können die Forscher die Konzentration bestimmter Stoffe messen. Die Armbänder können aber manche Feinstaubpartikel nicht nachweisen und es ist noch nicht geklärt, ob sie einige der flüchtigeren Pestizide aufnehmen können.

Emily Marquez, ein wissenschaftles Mitglied der Interessengruppe Pesticide Action Network sagte, die Möglichkeit ein Armband zu benutzen, um die Belastung durch Zehntausende chemische Verbindungen quantitativ zu bestimmen ist aufregend.

Schettler sagte, die Armbänder könnten Behörden wie z.B. den Centers for Disease Control and Prevention [Gesundheitsämter] helfen, Menschen gezielter auf Schadstoffe zu untersuchen.

"Wir können anfangen, Fragen wie solche zu stellen: 'Warum hat Person A diese Chemikalie in ihrem Armband, aber Person B nicht?'", sagte er.

Anderson und Kollegen planen weitere Armband-Projekte, dazu gehören Agrarflächen in Afrika und Peru und die Umgebung hydraulischer Fracking-Anlagen in den Vereinigten Staaten.

Doch stürmen sie jetzt bitte noch nicht in die Läden, um ein Armband zur Messung chemischer Substanzen zu kaufen. Bis jetzt müssen diese immer noch einer chemischen Analyse unterzogen werden, damit man sehen kann, welche Chemikalien präsent sind.

Wie jedes neue Armband, hat dieser Fimmel die Forscher nun ebenfalls erfaßt.

"Meines hat definitiv Koffein nachgewiesen", sagte Anderson.



Der Original-Artikel "Armed with arm candy: Bracelets can detect people's chemical exposures" wurde von Environmental Health News unter CC: BY-NC-ND veröffentlicht. Abweichend von dieser Lizenz wurde mir die Übersetzung des Artikels gestattet. Für diese Übersetzung gilt das Lizenzmodell von UFOCOMES-blog ausdrücklich nicht! Anfragen wegen Übernahme sind an die Rechteinhaber zu wenden.

"Armed with arm candy" (vgl. eye candy / Zuckerle für's Auge) ist ein schönes leider nicht übersetzbares Wortspiel (pun). Weiterhin hakt es bei mir, "advocating group" mit Lobby zu übersetzen, daß dieser Begriff bei uns negativ besetzt ist und selten mit dem Vertreten von Verbraucherinteressen verbunden wird.




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Erstellt: 09.03.2014 01:55
Geändert: 09.03.2014 01:55
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DOKUMENTATION: Brief ohne Hochachtung - Sind wir das Volk?

07.03.2014 02:03

Autorin: Heidi Langer, Februar 2014


Installation von Lars Ramberg (2005) auf dem aus revistionistischen Gründen 2006 bis 2008 abgerissenen Palast der Republik
© Foto: UwePhilly CC: BY-NC-SA via flickr 


"Liebe Frau Merkel,

Mein Name ist Heidi Langer, ich bin 45 Jahre alt und stamme aus der ehemaligen DDR.
Als Kind, Jugendliche und junge Frau habe ich die Bundesbürger glühend um das beneidet, das man Freiheit nennt. 1989 bin ich – gemeinsam mit vielen anderen – auf die Straße gegangen, weil ich diese Freiheit auch für mich und meine Kinder wollte. Wir haben damals etwas bewirkt. Etwas Großartiges. Für unser Land, für unser Volk.
Dachten wir.

Heute bin ich selbst Bundesbürgerin. Ich habe die Freiheit, überall hin zu reisen. Die Freiheit, nicht das Geld. Da geht es mir wie Millionen anderen in Deutschland. Darüber beklage ich mich nicht, denn es war meine eigene Entscheidung, drei Kinder zu bekommen, sie großzuziehen und dafür meine berufliche Laufbahn zurückzustellen. Im Jahre 2002 habe ich mich selbstständig gemacht, musste meine Firma aber 2006 nach dem Tod meines Mannes wieder schließen, um für meine Kinder da sein zu können. Seither habe ich in mehreren Firmen Teilzeit- oder Minijobs gemacht, um mir zu meiner Witwenrente etwas dazuzuverdienen; auch der Bezug von Hilfe zum Lebensunterhalt nach SGB II ist mir nicht fremd.
Ich habe also all das schon mal selbst erlebt, und meine Meinung beruht auf meinen eigenen Erfahrungen.

Was außer der Reisefreiheit habe ich 1989 noch für mich erreicht?


© Foto: Brigitte Mackscheidt CC: BY-SA via flickr 
Ich habe die Freiheit, nicht zur Wahl zu gehen, ohne anderntags unfreundlichen Besuch zu bekommen. Aber diese Freiheit verliert viel an Gewicht, wenn man erstmal erkannt hat, dass ohnehin keine Partei zur Wahl steht, die wirklich die Interessen des Volkes vertritt.

Ich habe die Freiheit, mit meinen Steuergeldern andere Länder, Banken oder Großkonzerne zu unterstützen, in mittelbarer Täterschaft in wieder anderen Ländern Krieg zu führen und mich bestrafen zu lassen, falls ich die AO, all ihre Ausnahmeregelungen und die Ausnahmen von den Ausnahmen nicht verstehe, für deren Auslegung spezialisierte Rechtsanwälte jahrelang studieren.

Ich habe die Freiheit, mich einem Justizsystem zu unterwerfen, das immer häufiger Willkür statt Recht spricht – im Namen des Volkes wohlgemerkt – und das gelegentlich das Grundgesetz komplett außer acht lässt oder es so verzerrt, dass es nicht mehr wiederzuerkennen ist.

Ich habe die Freiheit, Ihnen, Frau Merkel, Ihren Politikerkollegen und den Lobbyisten und Aktionären der Konzerne und Banken ein gutes Auskommen zu ermöglichen, dessen Höhe Sie selbst willkürlich festlegen.

Ich habe die Freiheit, mit meinen GEZ-Gebühren die Gehirnwäsche mitzufinanzieren, der man das deutsche Volk jeden Tag unterzieht. Immerhin soll ich ja nicht irgendwann behaupten können, ohne mein eigenes aktives Zutun verblödet zu sein.

Das Grundgesetz gesteht mir mit Artikel 5 auch die Freiheit zu, meine Meinung zu sagen, zu schreiben, zu veröffentlichen.
Und davon mache ich hiermit Gebrauch.

Frau Merkel, ich schäme mich.
Ich schäme mich für Ihre Politikerkollegen, für die Bundesminister und ganz besonders für Sie, die Sie offenbar Ihren Amtseid „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe” bereits in jener Sekunde wieder vergaßen, in der Sie ihn ablegten.

Wie kann man zum Wohle eines Volkes handeln, indem man dessen Willen nicht respektiert?

Wie kann man den Nutzen eines Volkes mehren, indem man zulässt, dass Armut und Elend im Land um sich greifen, Rentner, die ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet haben, ihre Renten über Hartz 4 aufstocken müssen, Kinderarmut um sich greift und gleichzeitig angeblich ein Wirtschaftswachstum zu verzeichnen ist?

Wie kann man Schaden von einem Volk abwenden, indem man seine Interessen denen von großen Wirtschaftskonzernen unterordnet oder zulässt, dass es auf geradezu kriminelle Weise durch ausländische Geheimdienste überwacht und bespitzelt wird? Und, um den nächsten Punkt des Amtseides gleich ebenfalls zur Sprache zu bringen, im Zusammenhang damit auch noch zulässt, dass das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes mit Füßen getreten werden?

Sieht so Ihre Vorstellung von gewissenhafter Pflichterfüllung und Gerechtigkeit gegen jedermann aus? Und, wenn wir schon mal beim leidigen Thema sind, wie passt die geplante Abschaffung der Prozesskostenhilfe in das Konzept der Gerechtigkeit gegen jedermann?

Ja, Frau Merkel, ich schäme mich.
Ich schäme mich, dass ich – eine deutsche Staatsbürgerin – der Welt gegenüber von einer Frau vertreten werde, die gegen den Willen von 88 Prozent der Bürger ihres Landes, von denen sie Schaden abzuwenden geschworen hat, die Einführung von Genmais 1507 durch eine feige Stimmenthaltung möglich machte.
Ich schäme mich abgrundtief, der Welt gegenüber von einer Frau vertreten zu werden, für die das eigene Volk nur Wahl- und Zahlvieh ist, und die, obwohl die Schlangen vor den Tafeln immer länger werden, nichts besseres zu tun hat, als sich und ihren Politikerkollegen in Zusammenarbeit mit ebendiesen erst mal kräftig die Diäten zu erhöhen.
Ich schäme mich, der Welt gegenüber von einer Frau vertreten zu werden, die trotz allen Wissens und aller Erfahrungen nicht zu erkennen scheint, wohin die Europäische Union sich entwickelt. Oder dass die Marktwirtschaft nur mit dynamischen Währungen funktionieren kann.
Und noch viel mehr schäme ich mich bei dem Gedanken, dass Sie es möglicherweise doch erkennen, aber nicht danach handeln.

Ich bin eine Mutter, Frau Merkel. Meine Kinder mögen zwar mittlerweile erwachsen sein, aber das macht sie nicht weniger zu meinen Kindern.
Mit ansehen zu müssen, wie Sie ihre Zukunft – unser aller Zukunft – einem dem Untergang geweihten System opfern, sie immer wieder und immer nachhaltiger zur Kasse bitten, um eine künstlich geschaffene statische Währung, die schon längst in den letzten Zügen liegt, zu erhalten, das erfüllt mich nicht mehr nur mit Scham.
Mit ansehen zu müssen, wie Sie bewusst ihre Zukunft und ihre Gesundheit, sowie die Zukunft und Gesundheit ihrer Kinder und Kindeskinder aufs Spiel setzen, um amerikanische Großkonzerne zu deren eigenen Bedingungen und dem Verbraucherschutz zum Trotz auf dem europäischen Markt zu etablieren, erfüllt mich nicht mehr nur mit Scham.
Es erfüllt mich mit Zorn.

Ich bin eine Mutter, wie es in Deutschland Millionen Mütter gibt.
Ich bin eine Tochter, eine Schwester, eine Großmutter, eine Enkelin, wie es in Deutschland Millionen Töchter, Schwestern, Großmütter und Enkelinnen gibt.
Genau wie es Millionen Großväter gibt, Väter, Brüder, Söhne und Enkel.

Wir sind das Volk.
Sie, Frau Merkel, arbeiten für uns, auch wenn Sie das offenbar vergessen oder verdrängt haben.

Da ich mich angesichts der Umstände leider außerstande sehe, Hochachtung für Sie zu empfinden, verbleibe ich ohne derartige Grußformeln"



Copyright: Dieser offene Brief von Heidi Langer an Bundeskanzlerin Frau Dr. Merkel ist am 18.02.2014 auf politropolis veröffentlicht worden, wo alle Rechte verbleiben. Für diesen Beitrag gilt das Linzenzmodell von UFOCOMES-blog ausdrücklich nicht. Ich danke für die Erblaubnis der Wiederveröffentlichung und Dokumentation.


politropolis auf Twitter: @sattler59


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Erstellt: 07.03.2014 02:03
Geändert: 07.03.2014 02:03
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Genmanipulierte Nutzpflanzen führen zu Genozid und Ökozid - Laßt sie nicht in die EU!

26.02.2014 21:42

Autorin: Helena Paul für The Ecologist, 05.02.2014
Übersetzung: BrunO


Die immer größer werdende menschliche und ökologische Katastrophe der gentechnologischen Landwirtschaft auf dem amerikanischen Kontinent müßte für die EU eine deutliche Botschaft sein, schreibt Helena Paul. Wir wollen sie hier nicht haben und wir sollten aufhören, Produkte des gentechnologischen Genozids und Ökozids in fernen Ländern zu kaufen.



Momentan erleben wir eine verzweifelte, nahezu absurde Kampagne, genveränderte Nutzpflanzen im Großbritannien und Europa einzuführen, die sich durch übertriebene und unzutreffende Behauptungen auszeichnet.

Lassen sie uns deshalb, anstatt diese Behauptungen zu glauben, einen Blick auf die Auswirkungen genveränderter Nutzpflanzen in Ländern werfen, welche diese eingeführt haben. Das sind Nord- und Südamerika, wo genveränderte Nutzpflanzen 1996 zum ersten Mal zum Einsatz kamen.

Argentinien und Paraguay

Der Anbau herbizidtoleranter Nutzpflanzen in Argentinien begann 1996 mit Gen-Soja und breitete sich schnell im ganzen Land aus. Die argentinische [Bürgerinitiative] Grupo Reflexion Rural (GRR) schrieb im April 2013 an den Vatikan:

"Dem Modell lag die politische Entscheidung zugrunde, daß Argentinien, die einstige Getreidekammer der Welt und Produzent gesunder, hochwertigen Lebensmittel, in einen Hersteller von Tierfutter umgewandelt wird, zuerst, um Futter für die europäische Tierhaltung zu liefern und später für die Tierhaltung in China."

Am Anfang sah es so aus, als ob die herbizidtoleranten Pflanzen den Anbauprozeß vereinfachen würden, insbesondere für größere mechanisierte Betriebe. Anstelle fachmännischer Unkrautbekämpfung setzten die Landwirte große Mengen des Herbizids Glyphosat ein, hauptsächlich mittels Flugzeug.

Kleinbauern in die Slums getrieben

Mächtige Investorengruppen haben geholfen, die Gen-Soja Produktion voranzutreiben. Kleine Bauern konnten nicht mithalten und viele haben sich zurück gezogen oder wurden von ihren Land vertrieben, oft in die Slums der Städte.

Menschen die auf dem Land und in kleinen Ortschaften bleiben, sind einem Bombardement mit immer komplexeren Chemikalienmischungen aus der Luft ausgesetzt, welche das Problem der zunehmenden Resistenz von Unkräutern und Schädlingen bekämpfen sollen.

Obwohl Gentechnikpflanzen als Methode beworben wurden, die Menge der eingesetzten Pestizide zu verringern, ist der Pestizideinsatz in Argentinien massiv angestiegen, "von neun Millionen Gallons (34 Millionen Liter) im Jahre 1990 auf heute über 84 Millionen Gallons (317 Millionen Liter)".

Totgeburten und Mißbildungen

2010, nach Jahren zunehmender Schäden und Proteste, organisierte die Fakultät für Medizinwissenschaften der staatlichen Universität von Córdoba eine erste Konferenz für Ärzte, die in Ortschaften in verschiedenen argentinischen Provinzen arbeiten, welche mit Pflanzenschutzmitteln besprüht werden.

"Die Ärzte wiesen darauf hin, daß sie die selben Bevölkerungsgruppen im Durchschnitt seit mehr als 25 Jahren versorgt haben, doch was sie in den letzten Jahren beobachten, war sehr ungewöhnlich und hing ausschließlich mit dem systematischen Versprühen von Pestiziden zusammen."

"Zum Beispiel Dr. Rodolfo Páramo, ein Kinderarzt und Neonatologe am städtischen Krankenhaus von Malabrigo, eine Stadt im Norden von Santa Fe, wies darauf hin, wie beunruhigt er war, als er 2006 zwölf Fälle von Mißbildungen pro 200 jährlichen Geburten feststellte."

"Diese Situation entspricht jener mit vier Fällen von Totgeburten aufgrund von Mißbildungen im kleinen Ort Rosario del Tala in Entre Ríos. In beiden Gebieten werden massiv Pestizide versprüht."

Die Evidenz wächst

Seit jener Konferenz gab es immer mehr Berichte über Erkrankungen, die von Agrarchemikalien verursacht wurden, genau so wie sich das Versagen herausstellte, für das Versprühen Vorschriften zu erlassen oder die Menschen über die Gefahren zu informieren.

In der Zwischenzeit breiten sich genmanipulierte Nutzpflanzen in Argentinien immer weiter aus, die Anbaufläche beträgt ungefähr 24 Millionen Hektar, etwa zwei Drittel des gesamten zur Verfügung stehenden landwirtschaftlich nutzbaren Landes*. In Paraguay gab es ähnlich verheerende Folgen, lediglich etwas später als in Argentinien.
*Quelle: Laut Angabe von International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications (ISAAA). Indirekt wird dies statistisch mit aktuell (07.02.2014) angebauten 20.350.000 Hektar Soja bestätigt.

Repression und oft gewaltsame Vertreibung der verbliebenen ländlichen Bevölkerung, Krankheiten, das Versagen der lokalen Lebensmittelproduktion gehörten ebenso zu diesem Bild.

Indigene Gemeinschaften wurden vertrieben und darauf reduziert, auf den Müllhalden der Hauptstadt zu leben. Dies ist ein Verbrechen, das wir mit Recht Genozid nennen können - die Ausrottung gesamter Völker, ihrer Kultur, ihrer Lebensweise und ihrer Umwelt.

Verlust von Wäldern in Argentinien und Paraguay

Allen seit 2004 hat Paraguay fast eine Million Hektar und Argentinien fast zwei Millionen Hektar Wald verloren, wofür Gen-Soja die Hauptursache sein dürfte.

Zu den Folgen gehören der Verlust an biologischer Vielfalt, wozu viele Arten gehören,die es anderswo nicht gibt, die Vertreibung indigener Völker, von denen manche noch unkontaktiert waren, sowie Auswirkungen auf Böden und Gewässer, regionaler und lokaler Klimawandel und Veränderungen bei den Niederschlägen.

Dies bedeutet kurzsichtige Zerstörung für kurzfristige Gewinne. Das ist kriminell - Ökozid und Genozid in Einem.

Brasilien - der weltgrößte Verbraucher von Agrarchemikalien

Brasilien, Uruguay und Bolivien haben ebenfalls unter der Verbreitung von Gen-Soja gelitten. Leonardo Melgarejo, ein brasilianischer Agronom, der das Ministerium für landwirtschaftliche Entwicklung im Regulierungsorgan des Landes vertritt sagt, daß genmanipulierte Nutzpflanzen das soziale Gefüge schwächen, welches unverzichtbar ist, wenn es Menschen in ländlichen Gebieten gut gehen soll.

Weiter weist er darauf hin, daß Brasilien das Land in welchen genmanipulierte Nutzpflanzen auf 36 Millionen Hektar angebaut werden, zum weltweit größten Verbraucher von Agrarchemikalien geworden ist. [Google-Übersetzung Englisch, Deutsch]

Dies führt zum Teufelskreis der Unkrautresistenz, welche den Einsatz von noch mehr und noch toxischeren Herbiziden erfordert. In Reaktion darauf erwägt Brasilien nun die Einführung einer gentechnisch veränderten Nutzpflanze, die 2,4-D (s.u.) toleriert.

Die Vereinigten Staaten - ein weiteres Beispiel der selben Geschichte

Hier wurden 'RoundUp Ready' Pflanzen - die gegenüber Monsantos proprietärem auf Glyphosat basierendem Herbizid resistent sind - schnell angenommen, da sie Bauern ein "einfaches, flexibles und nachsichtiges Unkrautbehandlungssystem" bieten, wie Charles Benbrook in 'Auswirkungen gentechnisch veränderter Nutzpflanzen auf den Pestizidverbrauch in den USA - die ersten sechzehn Jahre' berichtet.

Als Ergebnis erhöhte sich der Herbizideinsatz in den USA zwischen 1996 und 2011 um geschätzte 239 Millionen Kilogramm, "wobei HR [herbizidresistente] Sojabohnen für 70% der Gesamtzunahme von drei HR-Nutzpflanzen verantwortlich waren". Das sind Soja, Mais und Raps/Canola. "Die wachsende Abhängigkeit von Glyphosat verursachte den größten Zuwachs."

Mit der Zeit gab es Berichte über das Auftreten mehrerer unterschiedlicher Ausprägungen von Unkräutern, die gegenüber Glyphosat resistent sind, jedes Jahr mehr, so daß heute etwa 20 bis 25 Millionen Hektar betroffen sein könnten.

Die Antwort darauf war, ältere und giftigere Herbizide wie 2,4-D in Agrargift-Tankmischungen einzusetzen und neue 'agglomerierte' Gen-Saaten mit Mehrfach-Resistenzen gegenüber Herbiziden zu entwickeln.

Die Ankündigung 2,4-D resistenter Nutzpflanzen, 'agglomerierte' Nutzpflanzen und mehr

Allgemein als '2,4-D' bekannt, wurde 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure während des zweiten Weltkrieges bei Forschungen nach Substanzen für biologische Waffen zur Zerstörung von Ackerpflanzen entdeckt und erstmalig 1944 durch Dow Chemical vermarktet.

Es kam in Vietnam als Bestandteil des Entlaubungsmittels Agent Orange im großen Umfang zum Einsatz. Nun möchte Dow Agrosciences genetisch veränderte gegen 2,4-D restistente Sojabohnen und Mais in Brasilien, Argentinien und den USA in Umlauf bringen.

Die von Dow angekündigten Pflanzen sind mit zusätzlichen genetischen Merkmalen versehen, um andere Herbizide zu tolerieren, einschließlich Glufosinat und Glyphosat.

Vielleicht überrascht dies wenig, wenn man bedenkt, daß es in den USA längst Unkräuter gibt, die gegenüber 2,4-D resistent sind.

Anwachsen der Herbizidmengen

Monsanto produziert ebenfalls gentechnisch verändertes Saatgut mit agglomerierten genetischen Merkmalen, insbesondere die Tolerierung der Herbizide Dicamba und Glufosinat.

Es wird geschätzt, daß die Einführung der 2,4-D Produkte die Menge der versprühten Herbizide möglicherweise um bis zu 50% erhöhen könnte und 2,4-D hat negativen Auswirkungen auf Nutzpflanzen, Ökosysteme, Tiere und Menschen.

Das Gleiche gilt für Dicamba. Beide werden außerdem im Zusammenhang mit immer häufiger auftretenden Fällen von Pestizid-Verwehungen und Zerstörung von Ernten benachbarter Bauern erwähnt.

Warum sollte es Europas Wunsch sein, die gleichen Erfahrungen zu machen?

Angesichts dieser wachsenden Evidenz großer Schäden war Europa klug genug, dem Druck zu widerstehen, gentechnisch veränderte Nutzpflanzen einzuführen, mit Ausnahme von Gen-Mais, der hauptsächlich in Spanien angebaut wird.

Weshalb sollte Europa in Anbetracht der Evidenz aus Ländern die mit diesen Nutzpflanzen und den den damit vebundenen Agrargift-Cocktails Erfahrungen gemacht haben gezwungen sein, den Anbau einer weiteren gentechnisch veränderten Nutzpflanze zu erwägen?

Doch Europa sollte noch einen Schritt weiter gehen. Der Soja-Boom wird vom Handel mit Tierfutter, in Form von Sojamehl oder Preßkuchen und von Biodiesel aus Sojaöl angetrieben. Europa importiert von beidem große Mengen und wird dadurch zum Hauptverursacher der sich ausweitenden Gentechnik-Katastrophe in Südamerika.

Europa sollte unbedingt aufhören, gentechnisch veränderte Futtermittel und Öle aus Nord- und Südamerika einzuführen.

Europa: Für eine ertrag- und sortenreiche, GMO-freie Landwirtschaft

In der Tat sollte Europa sein gesamtes Konzept der Tierhaltung und Agrarproduktion ändern, um auf Gesundheitsfolgen, Verlust an Biodiversität und Klimawandel zu reagieren.

Weit entfernt davon, ein "Welt-Ackerbau-Museum" zu sein, wie der aktuelle britische Umweltminister Owen Paterson gerne behauptet, könnte Europa den Weg zu einer ertrag- und sortenreichen, GMO-freien Landwirtschaft aufzeigen, die nahrhafte, gesunde Nahrung und Arbeitsplätze bietet.

Damit wäre zugleich etwas gegen die substantielle Verschlechterung der Böden und den zunehmenden Verlust an Biodiversität getan, was größtenteils vom industriellen Landwirtschaftsmodell verursacht wurde, zu welchem gentechnisch veränderte Nutzpflanzen gehören.




Helena Paul hat sich 25 Jahre lang mit Themen beschäftigt wie, die Rechte indigener Völker und Regenwälder, Ölgewinnung in den Tropen, Biodiversität einschließlich agrarwirtschaftlicher Biodiversität, Patente auf Leben und Gentechnologie, und Konzernmacht. Sie unterstützte und war Mitbegründerin von GM Freeze und Genetic Engineering Network und hat seitdem den Vorsitz von GM Freeze inne.

Sie war Mitautorin zahlreicher Schriften über Landwirtschaft, Klimawandel und Biodiversität und des Buches Hungry Corporations: Transnational Biotech Companies Colonise the Food Chain (Hungrige Konzerne: Transnationale Biotechnik-Firmen kolonisieren die Nahrungsversorgung), Helena Paul und Ricarda Steinbrecher, Zed Books 2003.

Dieser Artikel ist die Kurzfassung eines Essays für einen Essayband: The Chains of War - nuclear weapons, militarisation and their impact on society (Die Fesseln des Krieges - Atomwaffen, Militarisierung und deren Folgen für die Gesellschaft), das von Angie Zelter herausgegeben wird und voraussichtlich Frühjahr 2014 bei Luath erscheint.


Das Copyright des Original-Artikels "GM crops are driving genocide and ecocide - keep them out of the EU!" und die Rechte für diese Übersetzung liegen bei der Autorin Helena Paul. Ich danke für die Erlaubnis, diesen Artikel übersetzen und veröffentlichen zu dürfen. Für diese Übersetzung gilt das Lizenzmodell dieses Blogs ausdrücklich nicht.

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Monsanto macht Schnipp und weg ist die Séralini-Studie!

02.02.2014 20:42


© Foto: Farmerboy720
Ersatzstudie mit Eichhörnchen...
Vorbemerkung:

2012 sorgte eine toxikologische Studie für großes Aufsehen. Eine französische Forschergruppe um Prof. Gilles-Eric Séralini hatte Ratten mit Monsantos genverändertem Mais NK603 sowie mit dem Herbizid Roundup Ready (Glyphosat) das von dieser Maissorte toleriert wird über ihre gesamte Lebensspanne gefüttert. Diese zeigten nicht nur toxisch bedingte Nieren- und Leberschäden, sondern wiesen groteske Turmorbildungen und eine hohe Sterblichkeit auf.

Die Aufregung war bei Gegnern und Befürwortern von gentechnisch veränderten Organismen etwa gleich groß. Die Kritik der Lobbyisten, denen der Spiegel wieder mal bereitwillig ein Podium bot, läßt sich etwa so zusammen fassen: Das Studiendesign wäre fehlerhaft, so sei die Zahl der Versuchstiere viel zu niedrig gewesen und es wurde eine besonders krebsanfällige Sorte (Sprague Dawley) verwendet.

Nicht gesagt und von den Autoren der Studie leider auch nicht offensiv genug kommuniziert wurde, daß das Studiendesign stark an Monsantos Zulassungsstudien angelehnt war. Die Unterschiede jedoch sprechen eher für als gegen Séralinis Studie: Die Tiere wurden nicht wie in Monsantos Zulassungsstudien üblich nur 90 Tage lang gefüttert, so daß Langzeitfolgen aufgezeigt werden konnten und die Studie wurde sorgfältiger ausgewertet. Die dafür herangezogenen Tiere wurden nicht aus einer größeren Gruppe ausgewählt (sog. Cherry Picking), was bei Monsantos Zulassungsstudien der Fall gewesen sein soll.

Es blieb nicht nur bei einer heftigen Kontroverse. Das Elsevier Journal "Food and Chemical Toxicology" zog Ende 2013 den Artikel zurück, obwohl er vor der Veröffentlichung den Peer Review Prozeß erfolgreich durchlaufen hatte. Die Begründung war, die Studie würde keine beweiskräftigen Schlüsse zulassen. Was sagt dies über Monsantos Zulassungsstudien aus? Wäre es nun nicht an der Zeit, u.a. die Zulassung von Mais NK603 weltweit zu widerrufen?

Rein zufällig wurde das Redaktionsteam von "Food and Chemical Toxicology" vor der Rücknahme der Séralini-Studie um einen ehemaligen Monsanto-Angestellten erweitert, der jedoch, wie er sagt, am Entscheidungsprozeß nicht direkt beteiligt war. Weitere Kommentare erübrigen sich. Allerdings kann ich mir die Feststellung nicht verkneifen, daß dieser Vorgang nicht der Glaubhaftigkeit von Prof. Séralini, wohl aber der des renommierten und Bezahlschranken bewehrten Wissenschaftsverlages Elsevier schaden wird. Weiter so!



Im Folgenden gebe ich eine Stellungnahme zur Zurücknahme der Séralini-Studie aus den Environmental Health Perspectives wieder.

Die Autoren sind Christopher J. Portier, International Agency for Research on Cancer (Senior Visiting Scientist), Lyon, Frankreich, Lynn R. Goldman, George Washington University School of Public Health and Health Services, Washington, DC, USA und Bernard D. Goldstein, Graduate School of Public Health, University of Pittsburgh, Pittsburgh, Pennsylvania, USA.

Nicht beweiskräftige Ergebnisse: Schaut alle her, schwubdiwub weg sind sie!


Der umweltmedizinischen Literatur mangelt es nicht an kontroversen Schriften welche Kritik, Zustimmung und was am wichtigsten ist den Wunsch provozieren, die von den Autoren hervorgebrachten Ergebnisse besser zu verstehen. Ein Untersuchungsbericht von Séralini und Kollegen (Séralini et al. 2012), der im Journal Food and Chemical Toxicology (FCT) erschien, ist so ein Artikel, der beachtliche Auseinandersetzungen (Arjó et al. 2013, Barale-Thomas 2013, Grunewald and Bury 2013, Ollivier 2013; Wagner et al. 2013, Sanders et al. 2013, Schorsch 2013, Séralini et al. 2013) nach sich zog, aber auch die Forderung nach weiterer Forschung (Europäische Kommission 2013). Dies gehört alles zum wissenschaftlichen Prozeß einer modernen Forschungslandschaft. Das Zurückziehen des Artikels von Séralini et al. durch das FCT Journal schafft jedoch einen neuen Präzedenzfall bzgl. des Umganges mit Peer Review Veröffentlichungen, von dem wir glauben, daß er schwerwiegende Folgen für die Umweltmedizin haben wird. In der Ankündigung des Chefredakteurs zur Zurücknahme wird insbesondere erklärt, "Nach allem lassen die vorgelegten Ergebnisse (obwohl sie nicht fehlerhaft sind) keine eindeutigen Schlüsse zu und erreichen deshalb nicht die Mindestanforderungen für Food and Chemical Toxicology" (FCT 2013). Der Chefredakteur machte ebenfalls deutlich, daß er "keine Hinweise auf Betrug oder beabsichtigte Fehlinterpretation der Daten festgestellt hat".

Dieser Artikel (Séralini et al. 2012) löste vom ersten Augenblick seiner Veröffentlichung an Kontroversen aus. Es ist nicht unsere Absicht, den Stellenwert der von den Autoren erbrachten Ergebnisse oder deren Konsequenzen für die betroffenen kommerziellen Produkte zu diskutieren. Diese Themen wurden in der frei zugänglichen wissenschaftlichen Literatur seit Veröffentlichung der Schrift debattiert und wir stimmen vielen Rezensionen zu. Die Zurücknahme eines jeglichen Artikels wegen "fehlender Schlüssigkeit" hat jedoch negative Folgen für die konzeptuelle Integrität des Peer Review Verfahrens als wesentliche Grundlage einer unbeeinflußten wissenschaftlichen Untersuchung.

Die Arbeit wurde im Auftrag von FCT von Wissenschaftlern einer Peer Review unterzogen und zur Veröffentlichung frei gegeben. Infolgedessen hat sie ursprünglich den Anforderungen für eine Veröffentlichung genügt. Nach unserer Ansicht sollte es für die erzwungene Zurücknahme eines Artikels andere Kriterien geben und wir glauben, daß diese Schrift diese Kriterien nicht erfüllt hat. Die COPE-Richtlinien zur Rücknahme von Artikeln (Committee on Publication Ethics 2009) geben vier Gründe dazu an: wissenschaftlicher Betrug/eingestandener Irrtum, keine Erstveröffentlichung, Plagiat oder ethisch nicht korrekte Forschung. Keiner dieser Gründe trifft auf diesen speziellen Artikel zu und trotzdem hat Elsevier als Mitglied von COPE entschieden, die Schrift zurück zu ziehen.

Es gehört zur Natur von Wissenschaft als solcher, daß einzelne Studien selten wenn überhaupt absolute Beweise liefern. Zahllose veröffentlichte Studien erwiesen sich im Nachhinein aufgrund weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen als äußerst fehlerhaft, was auch auf die Studie von Séralini et al. zutreffen mag. Unseres Wissens gibt es keinen anderen Fall, in welchem ein Artikel aufgrund "unschlüssiger Daten" zurückgenommen wurde, weder bei Elsevier oder einem anderen Verlag, noch sonstwo in der wissenschaftlichen Literatur. Das Herausgreifen dieser einen Studie, um sie zu depublizieren, hängt garantiert mit der Kontroverse zusammen, welche ihrer Veröffentlichung folgte. Die Auswirkungen dieser zielgerichteten Aktion reichen weit über diese eine Publikation hinaus und werfen ein paar größere wissenschaftliche Fragen auf. Sind diese Daten, die ein anderes Journal sehr wohl hätte dauerhaft akzeptieren können nun so weit verbrannt, daß sie nicht wie gewohnt für die Evidenzermittlung im Rahmen von Untersuchungen des Peer Review geprüften Forschungsbestandes herangezogen werden können? Wird die Reaktion der Beteiligten auf neue Forschungsergebnisse darin bestehen, sich eher mit Auseinandersetzungen um die Zurücknahme eines Artikels zu beschäftigen, als weitere Studien zur Replikation oder Widerlegung der Ergebnisse durchzuführen? Stärkt diese Rücknahme den wissenschaftlichen Prozeß oder vermischt sie wissenschaftlichen Diskurs mit Public Relations?

Bemühungen, wissenschaftliche Ergebnisse oder ihr Bekanntwerden an sich zu unterdrücken, höhlen die wissenschaftliche Integrität aus, von welcher das Vertrauen der Öffentlichkeit abhängt. Die Zurücknahme durch das FCT Journal kennzeichnet einen erheblichen und zerstörerischen Wandel im Umgang mit strittigen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten. Gleichermaßen beunruhigend ist, daß diese Rücknahme de facto keine Auswirkung darauf hat, wie Wissenschaftler die Wissenschaft sehen, sondern ausschließlich wie sie von anderen außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde wahrgenommen wird. Wir sind der Ansicht, daß die Entscheidung, eine veröffentlichte wissenschaftliche Arbeit durch einen Redakteur gegen den Willen der Autoren zurück zu ziehen, weil sie aufgrund einer post hoc Analyse "unschlüssig" ist, eine gefährliche Erosion der Fundamente des Peer Review Prozesses darstellt und Elsevier sollte diese Entscheidung noch einmal sorgfältig überdenken.



Referenzen:

Arjó G, Portero M, Piñol C, Viñas J, Matias-Guiu X, Capell T, et al. 2013. Plurality of opinion, scientific discourse and pseudoscience: an in depth analysis of the Séralini et al. study claiming that Roundup™ Ready corn or the herbicide Roundup™ cause cancer in rats. Transgenic Res 22(2):255–267.

Barale-Thomas E. 2013. The SFPT feels compelled to point out weaknesses in the paper by Séralini et al. (2012) [Letter]. Food Chem Toxicol 53:473–474.

Committee on Publication Ethics. 2009. Retraction Guidelines. Available: http://publicationethics.org/files/retraction%20guidelines.pdf [accessed 8 January 2014].

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Grunewald W, Bury J. 2013. Comment on “Long term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize” by Séralini et al. [Letter]. Food Chem Toxicol 53:447–448.

Ollivier L. 2013. A comment on “Séralini, G.-E., et al., Long term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize. Food Chem. Toxicol. (2012),” http://dx.doi.org/10.1016/j.fct.2012.08.​005 [Letter]. Food Chem Toxicol 53:458.

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Schorsch F. 2013. Serious inadequacies regarding the pathology data presented in the paper by Séralini et al. (2012) [Letter]. Food Chem Toxicol 53:465–466.

Séralini GE, Clair E, Mesnage R, Gress S, Defarge N, Malatesta M, et al. 2012. Long term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize. Food Chem Toxicol 50(11):4221–4231.

Séralini GE, Mesnage R, Defarge N, Gress S, Hennequin D, Clair E, et al. 2013. Answers to critics: why there is a long term toxicity due to a Roundup-tolerant genetically modified maize and to a Roundup herbicide. Food Chem Toxicol 53:476–483.

Wagner R, Lerayer A, Fedoroff N, Giddings LV, Strauss SH, Leaver C, et al. 2013. We request a serious reconsideration of the recent paper by Séralini et al. alleging tumorigenesis in rats resulting from consumption of corn derived from crops improved through biotechnology (Séralini et al., 2012) [Letter]. Food Chem Toxicol 53:455–456.




Der Originaltext "Inconclusive Findings: Now You See Them, Now You Don’t" (DOI:10.1289/ehp.1408106) wurde am 01.02.2014 von den Environmental Health Perspectives (EHP) als Public Domain (Gemeingut) veröffentlicht. Für diesen Blogpost inklusive meiner Übersetzung gilt CC: BY-NC. Das Copyright für das Artikelbild s.o. ist hiervon ausdrücklich ausgenommen. Thanks much Paul for your permission.



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08.02.2014 Update:

Inzwischen fordern auf endsciencecensorship.org über 100 Wissenschaftler mit Argumenten wie den oben vorgebrachten die Wiederveröffentlichung der Séralini-Studie. Wenn Sie selber Wissenschaftler sind, können Sie hier mitzeichnen.

Eine internationale Petition auf Avaaz fordert unsere Bundesregierung auf, zurück gehaltene Industriestudien zu Glyphosat zu veröffentlichen. Sie kann von jedermann und frau unterzeichnet werden. Diese Studien sollen embryonale Mißbildungen durch Glyphosat belegen, wurden aber zur Begründung von dessen Ungefährlichkeit herangezogen und nie veröffentlicht.

Bitte auch hier mitmachen:




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Erstellt: 02.02.2014 20:42
Geändert: 11.02.2014 20:14
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=130



Wie ein Nachkriegs-Syrien unter Assad aussehen würde

24.12.2013 23:59

Autor: Aboud Dandachi
Übersetzung: BrunO


Das al-Khalidiya Viertel in Homs am 26.12.2012
Das al-Khalidiya Viertel in Homs am 26.12.2012 © Foto: Freedom House, CC: BY via flickr 

In der letzen Zeit wurde viel über die Möglichkeit einer politischen Lösung des Syrien-Konfliktes gesprochen. Die Forderungen der Opposition, daß Assad als Vorbedingung für jegliche Verhandlungen aus dem Amt entfernt werden sollte, wurden als "überholt" und "der Situation vor Ort nicht angemessen" beschrieben..

OK, laßt uns diese Sicht der Dinge zu Ende denken. Laßt uns prüfen, inwieweit die Aktionen und das Verhalten des Regimes in den während des Konfliktes zurück eroberten Gebieten wie Homs, Hama, Idlib, Telkelakh, Daraya und die Art wie es die Menschen in diesen Gebieten behandelt hat, Aufschluß darüber geben, wie weitere 30 Jahre unter Assad in einem Nachkriegs-Syrien aussehen könnten.

Zuerst eine hypothetische Frage an Assads Fangemeinde im Westen; jene extremen Linksdenker und Marxisten und Occupy-Alles-außer-den-Arbeitsplatz-Der-Mensch-ist-an-allem-schuld-Mein-Leben-ist-zum-Kotzen-Reiche-das-Gras-rüber-Bruder-Koks-as-koks-can-Isten, jene Leute, die irgendwie die geistige Meisterleistung vollbracht haben, den brutalsten Diktator dieses Jahrhunderts in ein Opfer "der westlichen neoliberalen Ökonomie/des zionistischen/wahabistischen die Weltherrschaft anstrebenden Imperialismus" zu verwandeln.

Nehmen wir mal an, Du beteiligst Dich an einem Sit-in, forderst was eben so von Euch gefordert wird, wirst von einem Polizisten mit Pfefferspray eingesprüht, unsanft behandelt, kopfüber in ein Polizeiauto geschmissen und dann der ganzen Erfahrung einer in Haft verbrachten Nacht ausgesetzt, dem Erscheinen vor Gericht und dem sich daraus ergebenden Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis. Wird das Deine Einstellung zu Polizei und Behörden nicht für den Rest Deines Lebens beeinflussen? Würde das nicht die Wahrscheinlichkeit erhöhen, in eine andere Stadt oder ein anderes Bundesland zu ziehen, in der Hoffnung dort eine etwas aufgeklärtere Polizeibehörde vorzufinden?

Was wäre, wenn nicht Du selber, sondern wenn Dein Sohn, Bruder, Deine Schwester oder Dein bester Freund diese Erfahrung gemacht hätte. Oder Dein Nachbar? Ganz als Mensch bin ich mir sicher, daß es einen Einfluß auf Dein Verhalten und Deine Erwartungen gegenüber jedem in einer Polizeiuniform hätte.

Das ist nur ein Gedanke dazu, wenn Du das nächste Mal von Syriern verlangst "realistisch" und weniger "der Zeit hinter" zu sein, was der Vorschlag bedeutet, unter einem Regime zu leben, das routinemäßig und aus Staatsinteresse Verhörmethoden einsetzt, zu denen Elektroschocks im Genitalbereich und Maschinen gehören, nach deren Anwendung die Leute für den Rest ihres Lebens nicht mehr laufen können.

Gestatte mir nun, nachdem ich dieses nette Bild gezeichnet habe, Dir von den Erfahrungen einer bestimmten Nachbarschaft in Syrien zu berichten, die erste welche das Regime im Verlauf des Konfliktes zurückerobert hat, nämlich mein eigenes Viertel Inshaat in Homs. Es war vormals eine sehr angenehme Gegend, der bei Weitem begehrteste Ort in Homs. Es war ein Viertel der oberen Mittelklasse, in dem Ärzte, Ingenieure, Manager und Lehrer wohnten. Das Viertel hatte einen Sportplatz, viele Parks und Kinderspielplätze. Es war durch die neue Einkaufsmeile der Brazil Street und mit Kindergärten und Schulen gut versorgt. Menschen die in Inshaat lebten, lebten gerne dort und natürlich waren wir uns dessen bewußt.

Das Regime nahm es im Februar 2012 nach einmonatigem Artillerie- und Panzerbeschuß wieder ein. Ich mußte zum Glück nur eine Woche dieser Hölle ertragen, doch das war für den Rest meines Lebens mehr als genug.

Heute gleicht Inshaat West-Berlin während der sowjetischen Blockade der Stadt in den späten 40er Jahren. Eine massive Mauer ist um das Viertel errichtet worden, die bis auf einen alle Ausgänge blockiert. An diesem Ausgang, Dowar el Nakhli, befindet sich ein mit Mukhabarat*-Leuten besetzter Checkpoint des Regimes. Mobiltelefone werden nach Bildern und Whatsapp-Unterhaltungen durchsucht. Namen werden mit einer Fahndungsliste verglichen und wenn nach einem Deiner Angehörigen wegen irgend etwas gesucht wird, kannst Du davon ausgehen, daß man auch Dich in ein übles "Sicherheitsgefängnis" abtransportiert. Deine Familie wird ewig brauchen, nur um heraus zu bekommen, von welcher der 15 Sicherheitsabteilungen Du festgenommen wurdest oder wo man Dich hingebracht hat.
*Staatsschutz

Ein System das sich durch Anwendung brutaler Gewalt und repressiver Sicherheitsbehörden gehalten und einen Konflikt überlebt hat, wird diese Werkzeuge in Friedenszeiten nicht aufgeben. Im Gegenteil, Einfluß und Status des Mukhabarat-Apparates wird in einer syrischen Post-Konflikt Gesellschaft größer und deutlicher sein. Die Bevölkerung muß dauerhaft in einem Zustand von Furcht und Einschüchterung gehalten werden. Seit der Wiedereinnahme durch das Regime war Inshaat das Ziel zahlreicher Kampagnen mit willkürlichen Massenverhaftungen. Das dient dazu, den Angstzustand der Bevölkerung und deren Linientreue aufrecht zu erhalten. Wenn sich eines Deiner Geschwister oder Dein Kind in den Händen der Sicherheitskräfte befindet, wirst Du einen Teufel tun, gegen das System zu opponieren. Wenn Dein Nachbar festgenommen wurde, wirst Du alles tun was Dir möglich ist um sicher zu stellen, daß Deine Familie in den Augen des Regimes auf der richtigen Seite bleibt.

Doch die Unterdrückung hört damit nicht auf. Der Bevölkerung muß man gelegentlich eine Erinnerung an die "schlechte alte Zeit" zukommen lassen, in welcher willkürliche Gewaltakte das Leben eines Menschen auslöschen konnten. Seitdem das Regime das Gebiet wieder einnahm, fanden in Inshaat zwei Anschläge mit Autobomben statt. Dies ist ein Viertel, wo man nur durch eine Passierstelle des Regimes hinein oder hinaus kommt, wo sogar Börsen und Brieftaschen nach belastenden Krümeln durchsucht werden. Für ein mit Sprengstoff beladenes Auto ist es unmöglich, ohne Wissen des Regimes in das Viertel zu gelangen. In Homs selbst gab es seit dem Sommer 2012 sechs Autobomben-Anschläge, alle in Gebieten die heftig gegen das Regime waren, die jetzt aber von der Armee besetzt sind.

Anderen Gebieten in Syrien ist es unter der Besatzung des Regimes nicht besser ergangen. Baba Amr, der Nachbarstadtteil von Inshaat wurde fast völlig von seinen ursprünglichen Bewohnern entvölkert. Es wurde ebenfalls eine Trennmauer um ihn herum gebaut und einige Wohnungen wurden von Unterstützern des Regimes übernommen. Es versteht sich von selbst, daß das Viertel über lange Zeit geplündert und daß alles Brauchbare oder Wertvolle entfernt wurde, bis zu den Stromleitungen und Türen.

Doch wenigstens stehen die Gebäude in Baba Amr noch. Das Regime hat in Hama und im westlichen Damaskus in Gebieten die ihm opponierten tausende von Wohnungen zerstört, tausende von Menschen obdachlos gemacht. Es ist nicht gut einer Familie zu sagen, sie hätte die Wirklichkeit zu akzeptieren, daß Assad weiterregieren wird, wenn ihr Zuhause jederzeit vom Staat in Schutt und Asche gelegt werden kann, nur weil sie das Verbrechen beging, auf der Verliererseite eines Konfliktes gestanden zu haben.

So müssen in vom Regime besetzten Gebieten lebende Syrier mit den ständig vorhandenen Gefahren zurecht kommen, bei einem inszenierten Autobomben-Anschlag getötet zu werden, an einem Checkpoint in's Gefängnis verschleppt oder getötet oder bei einer willkürlichen Massenfestnahme verhaftet zu werden oder die Zerstörung ihre Wohnung hinnehmen zu müssen.

Doch macht Euch keine Sorgen, die wunderbaren Segnungen eines Lebens unter Assad, die seine Freunde einer Verhandlungslösung den Syriern zukommen lassen wollen, hören damit nicht auf. In einem quasi sozialistischen Land wie Syrien ist die Mehrzahl der Bevölkerung was viele grundlegenden Belange des täglichen Lebens betrifft vom Staat abhängig; der Staat ist der einzige und größte Arbeitgeber, der einzige Lieferant von Telekommunikations-Dienstleistungen, Wasser und Strom. Er kontrolliert die Nahrungsmittelversorgung, das Gesundheitssystem und die Bildung auf allen Ebenen. In einem Land wie Syrien zu leben war selbst zu den besten Zeiten schon immer von der Gnade des Staates abhängig.

Und dies sind nicht die besten Zeiten. Im Sommer 2013 wurden in der Provinz Homs tausende sunnitische Beamte entlassen. Angestellte, die Jahrzehnte für staatliche Einrichtungen gearbeitet hatten wurden auf die Straße gesetzt, ihre Rentenansprüche annulliert. Die eigenen Unterstützer zu belohnen, indem die ökonomische und soziale Stellung ihrer Feinde abgewertet wird, ist eine gewachsene, von Tyrannen praktizierte Tradition und die Assad Diktatur hat nicht einmal das Ende des Konfliktes abgewartet, um sie anzuwenden.

Gebiete die opponierten bekommen weniger Strom als die Pro-Regime Gebiete an der Küste. In Homs können großflächige Ausfälle der Elektrizitäts- und Kommunikations-Infrastruktur in ehemaligen Oppositionsgebieten für Tage anhalten, während die Pro-Regime Gebiete angenehm mit Licht und Strom, mit funktionierendem Telefon und Internet-Zugang versorgt sind.

Und was ist mit jenem Teil der Syrier, die gegen das Regime zu den Waffen gegriffen haben? Was können sie von einer triumphierenden Assad Diktatur erwarten? Die Armee marschierte im Sommer 2013 in meine Heimatstadt Telkelakh kurz nach dem Fall der Stadt Qusair ein (das Regime war in diesem Sommer sehr aktiv). Die dreißig oder mehr Verteidiger der Stadt, von denen die meisten in ihren frühen 20er Jahren waren und wenig militärische Erfahrung hatten, waren damit einverstanden sich der Armee zu ergeben, um die Stadt vor der mutwilligen und willkürlichen Zerstörung zu bewahren, die so vielen anderen Gebieten beschieden war.

Unter den Dreißig die sich der Armee ergaben war mein Cousin. Von keinem einzigen von ihnen hat man seitdem etwas gehört. Neunzig Prozent von Telkelakh sind heute Flüchtlinge im benachbarten Libanon. Die "Säuberung" der Stadt und ihre "Befreiung von bewaffneten Terroristen" hatte offenbar keinen Gefühlsausbruch der Dankbarkeit seitens der Bewohner von Telkelakh zur Folge. Doch die Bewohner der umliegenden Pro-Regime Ortschaften verschwendeten keine Zeit, die verlassenen Wohnungen zu plündern. Bis hin zur elektrischen Verkabelung und den Türen.

Soviel also zu dem, was die bedauernswert Unglücklichen ertragen müssen, die sich immer noch innerhalb von Syrien aufhalten. Doch was ist mit den Millionen Syriern, die nun Flüchtlinge außerhalb von Syrien sind? Für sie kann es keine Hoffnung oder Möglichkeit der Rückkehr in ein Syrien geben, das immer noch von Assad und seinen fünfzehn Sicherheitsdiensten regiert wird. Sie flohen vor der brutalen Unterdrückung durch genau jene Sicherheitskräfte. Welcher moralisch bankrotte Idiot könnte gegebenenfalls von Menschen, die aus ihren Wohnung gebombt und geschossen wurden, die Angehörige haben, welche von Assads fünfzehn Sicherheitsbehörden umgebracht oder in's Gefängnis gesteckt wurden verlangen, nun die "Realität zu akzeptieren" und sich und ihre Familie der Gnade genau jener fünfzehn Sicherheitsbehörden zu unterwerfen. Die Behandlung der Bevölkerung in vormals opponierenden Gebieten durch das Regime läßt die Zukunftserwartungen welche Flüchtlinge haben könnten nicht sehr rosig aussehen.

Der gesamte Aufbau des Staates, seiner Einrichtungen, die Organisation der Streitkräfte und der Geheimdienste war darauf ausgerichtet, das Worst-Case-Scenario zu verhindern und damit umzugehen; ein Land im Aufstand. Nun, die Anstrengungen von dreißig Jahren seitens des Regimes konnten das Auftreten des Worst-Case-Scenarios nicht verhindern und ohne dem Eingreifen von Iran und Hisbollah würde Assad heute nicht den Luxus genießen, von moralisch bankrotten Elementen in ein besseres Licht gerückt zu werden, welche nichts Besseres zu tun haben als in Bezug auf Syrien ihre Hände in Unschuld zu waschen. Die Geheimdienste und Streitkräfte des Regimes haben es nicht geschafft, den Krieg zu gewinnen. In der Tat kamen sie ohne fremde Intervention dem Fall sehr nahe und man kann davon aus gehen, daß dieses bittere Versagen das Regime nach dem Konflikt nicht in ein nachsichtiges und wohlwollendes System verwandeln wird.

Es ist unmöglich, den Kalender auf den März 2011 zurück zu stellen. Die Institutionen des Staates müssen erhalten werden, es muß zwischen allen syrischen gesellschaftlichen Gruppen zu einer Verständigung kommen. Doch die Assad-Regierung mit seinen fünfzehn Geheimdiensten aufrecht zu erhalten und von den Syriern zu verlangen, sich damit abzufinden in so einem Syrien zu leben, stellt den Ausverkauf eines Volkes in einem Ausmaß dar, wie man es nicht mehr gesehen hat, seit Neville Chamberlain mit einem Deal mit Hitler* aus München zurück kam, der angeblich einen "baldigen Frieden" bringen sollte.
*Vgl. Münchner Abkommen



Der Original-Artikel "What to Expect in a Post-Conflict Syria Under Assad" wurde von Aboud Dandachi am 14. November in seinem Blog From Homs to Istanbul veröffentlicht. Aboud erlaubte mir eine Übersetzung und stellte nachträglich seinen gesamten Blog unter die Creative Commons Lizenz: BY-NC-ND. Für beides danke ich ihm recht herzlich. In Absprache mit dem Autor gilt für diese Übersetzung die gleiche Lizenz und somit nicht die Standard-Lizenz meines Blogs.

Aboud Dandachi auf Twitter: @AboudDandachi



Petition an die Vereinten Nationen:

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Beteiligen Sie sich bitte an der folgenden Petition und empfehlen Sie diese weiter: Petition for the Protection of the People and Human Rights in Syria. Diese fordert eine politische Lösung ohne Assad, sowie die Bestrafung aller Kriegsverbrecher.

Mehr auf Twitter: SoliDaySyria11.01
und Facebook: Day of Solidarity with Syria






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Erstellt: 24.12.2013 23:59
Geändert: 01.01.2014 03:19
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