Initiative Pro Netzneutralität

Übersetzung eines brasilianischen Interviews mit Lexi Alexander

30.01.2015 15:45

Dies ist eine Übersetzung der englischen Fassung auf Pirate Times vom 27.01.2015
Das Interview führte Thiago Cardim
Übersetzung: BrunO


Filmklappe Lexi Alexander Wonder Woman
© Foto: Tim Reckmann CC: BY-NC-SA via flickr 


Vor einiger Zeit hat uns Hollywood-Regisseurin Lexi Alexander (@lexiAlex) von Ihren Ansichten zu Filesharing erzählt. Sowohl die Bösartigkeit der Reaktionen aus der Filmindustrie als auch das mangelnde Interesse von Seiten der Piraten-Community machten sie sprachlos. Trotzdem hat sie den Kampf aufgenommen, gewinnt an Respekt und ihre Stimme wird in Kreisen von Filmmachern und Kinogängern auf der ganzen Welt gehört. Wir sind stolz darauf, daß wir Ihnen die einzige englische Version eines Interviews präsentieren können, das Thiago Cardim geführt hat. Die Originalfassung auf JUDÃO trägt den Titel: "Lexi Alexander, ein in Hollywood keineswegs beliebtes Girl".

Als sie von Deutschland nach Kalifornien zog, hatte sie alles um ein Star zu werden. Als Karate-Champion ging sie mit nicht viel mehr als Mut in die USA, da sie unbedingt beim Film arbeiten wollte. Sollte man nicht denken, als Schauspielerin? Ganz ohne Quatsch! Doch stattdessen bevorzugte sie es, in Actionfilmen als Stuntwoman zu arbeiten, um ein paar großen Kerlen in den Arsch zu treten, bevor sie anfing eigene Kurzfilme zu machen. Bingo! Sie wurde Regisseurin.

Obwohl "Lifted" (in Brasilien nicht veröffentlicht) ihr neuster Dreh ist, ein Film über einen Jungen der versucht Sänger zu werden, um damit fertig zu werden, daß sein Vater als Reservist in das Konfliktgebiet Afghanistan abkommandiert wurde, ist sie für "Hooligans" mit Elijah Wood am besten bekannt, in dem es um die gewalttätige Welt englischer Fußballfans geht. Sie war auch für einen Film mit einer Figur aus den Marvel Comics verantwortlich, dem seelischen Looser "Punisher: War Zone" - in einer der vielleicht originalgetreusten Versionen von Frank Castle [aka Punisher] auf großer Leinwand (sorry, Thomas Jane) und sie wurde als aussichtsreiche Kandidatin für die Regie von Wonder Woman gehandelt.

Doch in den vergangenen Monaten wurde Lexis Stimme überall in der Filmwelt wegen ihren kontroversen Ansichten zum Filesharing vernommen.

"Nein, Kopieren ist nicht Diebstahl", sagt sie ganz entschieden zu Beginn dieses exklusiven Gesprächs mit JUDÃO. Schon allein dieser Satz wäre genug dafür zu sorgen, daß sie zu den besten Parties in Hollywood nicht mehr eingeladen wird. Doch ehrlich gesagt, scheint es Lexi nicht viel auszumachen, daß sie sich im radikalen Gegensatz zu den meisten ihrer Filmmacher Kollegen positioniert hat, die eine Kriminalisierung von Piraterie offen favorisieren. "Hollywood kann nicht länger die Öffentlichkeit verarschen". Sie erklärt dies mit der Distribution von Filmen auf internationaler Ebene, als es im Gespräch um die Macht der Verbraucher im neuen digitalen Zeitalter geht, bevor sie über den Status einer Frau hinter der Kamera im Land des "Seventh Art" Film-Magazines weiter erzählt. Sie sagt: "Die Situation ist verheerend und sie wird schlimmer."

Thiago: Laß' uns hier als Erstes den Rahmen abstecken: Gibt es für Dich einen Unterschied zwischen Filesharing und Piraterie? Oder kurz: Ist Kopieren das gleiche wie Klauen?

Lexi: Nein, Kopieren ist nicht Diebstahl. Weil, wenn Du etwas stiehlst bedeuted das, daß die andere Person es nicht mehr hat. wenn Du etwas kopierst, verliert die andere Person niemals ihren Besitz. Deshalb nennt der US Supreme Court den Tatbestand des Herunterladens eines Filmes ohne zu bezahlen "Kopier-Verstoß" und nicht Diebstahl. Über diese Formulierung gibt es viele Mißverständnisse. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, daß man Filesharer Piraten nannte, aber soweit ich es verstehe, haben sie in einer Trotzhaltung beschlossen, diesen Namen anzunehmen. Das macht die Dinge kompliziert, besonders wenn die Leute aus der Copyright-Bewegung plötzlich darauf bestehen, daß alle die darüber debattieren, das Problem "Filesharing" und nicht "Piraterie" nennen sollten. Besonders die Amerikaner sind sehr verwirrt, wenn es jemand von der "Piratenpartei" ist, der darauf besteht, den Begriff "Piraterie" fallen zu lassen. Ich verstehe, wo die Piraten her kommen, aber sie haben sich sicher keinen guten Gefallen getan, sich zuerst den Namen zu eigen zu machen und dann zu versuchen, ihn aus den Debatten um Filesharing heraus zu halten.

Thiago: Bist Du jemand von denen die glauben, daß das Teilen von Content die Profite der Unterhaltungsindustrie direkt schädigt? Mehr Leute die teilen bedeutet zwangsläufig weniger zirkulierendes Geld und mehr Arbeitslosigkeit in der Industrie - oder ist das Bullshit?

Lexi: Das ist totaler, ausgewachsener Bullshit. Hör' zu, ich bin Teil dieses Systems. Ich habe mich intensiv mit der Verteilung von Profiten aus geistigem Eigentum im Filmgeschäft befaßt. Filesharing ist nicht das, was den Künstlern das Geld weg nimmt. Die großen Studios sind es. Aber schau', wie alle großen Unternehmen sind sie schlau und haben Geld, um ausnahmslos jeden von uns einer Hirnwäsche zu unterziehen, damit wir denken, die uns verbleibenden Schecks wären viel größer, wenn die Leute unsere Filme nicht illegal herunterladen würden. Scheiß drauf, sie sagen das zu uns Filmemachern, während sie gleichzeitig gerade dabei sind, uns bis auf das letzte Hemd zu berauben. Die wahren Artful Dodgers [kindlicher Trickdieb von C. Dickens] sitzen in der MPAA (Motion Picture Association of America).

Thiago: Filesharing hat, in der Tat, die Industrie verändert? Auf welche Weise?

Lexi: Ich denke, was sich verändert hat ist, daß Hollywood die Öffentlichkeit nicht mehr länger dazu überlisten kann, für einen schlechten Film eine Karte zu kaufen. Wenn über einen Film etwas durchsickert (was letztlich immer passiert) und die Filesharer heraus bekommen werden, daß der Film eine echte Bombe ist, werden sie diesen Tipp genau so schnell wie gute Mundpropaganda verbreiten. Prinzipiell kann man also im digitalen Zeitalter die Leute nicht mehr so sehr bescheißen, da der Vorhang viel früher hochgezogen wird. Darüber hinaus hat das Publikum wenig Geduld, auf die Veröffentlichung eines Filmes zu warten, wenn er schon vor Monaten in anderen Ländern veröffentlicht worden ist. Und das ist recht so. Der Bullshit, daß manche Länder in den Genuß von früheren Aufführungen kommen, bevor der Rest der Welt dran kommt, ist elitär und herablassend, insbesondere da sie ja von uns erwarten, daß wir im Internet über ihre Produkte reden. So sollen wir also den Europäern und Südamerikanern etc. erzählen, wie toll der Film ist... während sie keine Chance haben, ihn zu sehen. Das ist ungeheuerlich. Das ist wie ein gemeines, reiches Kind, das mit seinem Eis von den Gesichtern anderer Kinder herum wedelt, wohl wissend, daß sie sich kein's leisten können oder das Eisauto verpaßt haben. Ehrlich gesagt, weigere ich mich, an diesem Elitarismus beteiligt zu sein.

Thiago: Für mich sieht es so aus, als ob Hollywood vergessen hätte, junge Leute in ihrer eigenen Sprache anzusprechen. Stimmst Du dem zu?

Lexi: Absolut! Gleichzeitig bin ich aber von den jungen Leuten enttäuscht, die das nicht krumm nehmen. Ihr seid die Konsumenten, entscheidet wem ihr Euer Geld gebt. Ich bin gegen die Kriminalisierung von Filesharing, was mir in Hollywood viel zu schaffen gemacht hat, da es ein unpopulärer Standpunkt ist, den man einnehmen kann. Viele andere Filmmacher werden offen sagen, daß sie glauben, jeder der einen Film herunterläd, solle mindestens zehn Jahre Gefängnis bekommen. Weshalb sollen also junge Leute Karten für den Film dieses Regisseurs kaufen? Der selbe Typ, der sie in's Gefängnis werfen würde (denn seien wir doch ehrlich, jeder unter Zwanzig, der sich einen Computer leisten kann, hat irgendwann einen Film, ein Musikstück oder eine Fernsehshow herunter geladen). Deshalb sollten junge Leute also nachforschen, welchen Standpunkt der Filmmacher zum Thema Filesharing einnimmt, bevor sie überhaupt Geld für ihn ausgeben.

Thiago: Hat Dir diese Position, die in der Tat nicht die populärste ist, irgendwelche Probleme in diesem Markt bereitet, nachdem Du sie öffentlich gemacht hast?

Lexi: Ja, aber das war es wert. Ich vertrete nicht den Status Quo, nur weil man das von mir erwartet. Die ganze Idee, Filesharer festzunehmen ist lächerlich und in hundert Jahren wird es dann lustige Cartoons über jene Idioten geben, die versucht haben, den technischen Fortschritt zu kriminalisieren. Ich möchte in diesen Cartoons nicht vorkommen und wenn das bedeutet, daß meine Kollegen mich deshalb ausschließen und auf eine schwarze Liste setzen werden... um so besser. Die Cartoons über sie werden besonders lustig sein.

Ich glaube außerdem, daß wir die Verantwortung haben, Kultur für alle Menschen zugänglich zu machen, nicht nur für jene, die es sich leisten können in's Kino zu gehen. Ich denke viele meiner Kollegen haben keinen blassen Dunst über den globale Prozentsatz von Leuten, die NIE ein Kino besuchen können, schon gar nicht mit der ganzen Familie. Ich möchte keine Filme für die Reichen machen. Deshalb bin ich nicht Filmmacherin geworden. Ich glaube auch nicht, daß Leute die weniger Glück im Leben hatten warten sollen, bis ein Film im öffentlichen Fernsehen umsonst erstaufgeführt wird, während reichere Leute ihn Monate früher zu sehen bekommen. Denke darüber nach. Kultur ist in nahezu allen Berufen von Bedeutung, wenn sich also zwei Leute für einen Job vorstellen... einer davon kann sich über dem neusten Kassenschlager unterhalten, da er es sich leisten konnte, ihn im Filmtheater zu sehen und die andere Person kann das nicht, einfach weil sie oder er sich die Karte nicht leisten kann... dann trägt meine Industrie - mit ihren Einschränkungen der Distribution unseres Produktes - direkt zur ökonomischen Ungleichheit bei. Ich möchte nicht Teil davon sein. Wenn meine Kollegen für eine Minute innehalten würden, um über sich selbst zu reflektieren und stattdessen darüber nachdenken würden, was für ein Wunder Filesharing ist und wie nützlich das sein könnte... dann könnten wir die Welt wirklich verändern. Aber schau' nur... wenn kein Paparazzi in der Nähe ist... sind in Hollywood auch nicht so viele Philanthropen zu finden.

Thiago: Wie könnte die Unterhaltungsindustrie vom Filesharing profitieren? Wie könnten sie dies möglicherweise zu ihrem Gunsten nutzen?

Lexi: Sie tun dies bereits, aber sie würden es nicht zugeben. Vielen, vielen Filme hat die Mund-zu-Mund Werbung durch Piraterie geholfen. Die Sache mit der Filmindustrie ist, sie möchten nicht mit Filesharing arbeiten... sie wollen es kontrollieren. So wie das, was mit Napster passiert ist. Du hörst nicht, wie sich Apple und Amazon über digitalisierte Aufnahmen beklagen, nein?

Thiago: Gibt es eine Besonderheit an der Piraterie, die Dich stört? Z.B. daß gestohlene Filme geleakt werden, bevor sie fertig sind?

Lexi: Hör mal, kein Filmemacher mag seine Filme in einem unfertigen Zustand gezeigt haben. Ich weiß daß das passiert, aber wenn Du Filme liebst und Respekt vor der Kunst hast... dann sehe Dir keine illegalen Mitschnitte an. Ich meine... ganz im Ernst... Leute die sich Videocam-Mitschnitte ansehen sind armselig für mich. Das ist wie unglaublich mieses, mieses Bier trinken, das irgend ein Amateur gebraut und dann mit Wasser gestreckt hat. Das ist krass! Dir entgeht so viel vom Film, woran so viele Menschen gearbeitet haben. Bildeinstellung und Beleuchtung sind für Dich vielleicht nicht wichtig, doch sie sind es. Du nimmst es nur nicht als solches wahr. Ich kann Dir trotzdem versprechen, wenn Du korrekte Bildeinstellung und Beleuchtung weg läßt... weil ein Idiot eine Kinoleinwand mit einer Handkamera abfilmt, betrügst Du Dich selbst um das wirkliche Erlebnis dieses Films. Was ich also damit sagen will ist, wenn Du Mist kopierst... kopiere ihn gut und mit dem Respekt den er verdient (zur Info, wenn es um Pornos geht, ist das egal).

Thiago: Lassen wir dieses Thema: Ich möchte Deine Meinung zum derzeitigen Anteil von Frauen in der Filmindustrie hören. Sowohl was Regie als auch Hauptrollen in Superhelden Filmen betrifft, zum Beispiel. Was fehlt immer noch für ein gleichberechtigteres Hollywood?

Lexi: Es ist verheerend, verheerend, verheerend und es wird schlimmer. Und übrigens, die Leute verstehen nicht, daß der Kampf der MPAA gegen Piraterie und Hollywoods starrsinniger Ausschluß von Frauen und ethnischen Minderheiten direkt zusammen hängen. Reiche, eigennützige Arschlöcher sind reiche, eigennützige Arschlöcher bezüglich so gut wie allem, was mit der Geldmenge zu tun hat, die sie verdienen oder möglicherweise verlieren könnten. Gerne teilen tun sie überhaupt nichts und sie werden mit Sicherheit niemandem Platz am Tisch machen, der nicht so wie sie ist. Wenn Du in Hollywood kein weißer Mann bist, mußt Du Dir mit den Ellbogen einen Stuhl am Tisch erkämpfen und ihn danach die ganze Zeit weiter verteidigen. Nur ist es so... an diesem Tisch verlierst Du bald den Appetit, denn wer möchte in solcher Gesellschaft speisen.

Meine Hoffnung ist, daß die digitale Technologie für noch mehr Gleichheit sorgen und schließlich die Vetternwirtschaft eliminieren wird. Aber die Technik kann das nicht allein. Auch das Publikum muß noch kritischer werden und nicht auf jeden großen Eventfilm hereinfallen, weil es per Hirnwäsche dazu gebracht wurde zu denken, das ist der Film, den man sehen muß. Ich meine, wir haben kaum noch Originalfilme. Jungs, es ist alles Mist, was wir Euch servieren. Junge Leute sollten genau hinsehen, ein besseres Produkt verlangen, wählerisch sein, nicht einfach nur Coca Cola oder Pepsi trinken, weil das die einzige Sodagetränk-Marke ist, die einem einfällt. Rege Dich stattdessen darüber auf, daß es zwei Marken geschafft haben, in Deinem Hirn so Platz einzunehmen, den sie sich hauptsächlich mit Abermillionen Dollars für manipulative Werbung gekauft haben. Ich hoffe, hoffe wirklich, daß die kommenden Generationen nicht derart leicht getäuscht werden können. Solange ich noch Filme und TV-Shows mache, habe ich Hoffnung.



Thiago Cardim macht PR und ist Journalist. Überzeugt, verrückt, Film- und Fernseh-Nerd. Ein entschiedener Vegetarier und er ist Vater von zwei Kindern. :)



Englische Version: "An Interview from Brazil featuring Lexi Alexander". Copyright: Thiago Cardim und Lexi Alexander CC: BY-NC-SA, was auch der Standard-Lizenz dieses Blogs entspricht.


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Erstellt: 30.01.2015 15:45
Geändert: 30.01.2015 15:45
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BPA Belastung verändert Stammzellen und verringert Spermienproduktion

28.01.2015 14:25


Autor: Brian Bienkowski, 22.01.2015, für Environmental Health News
Übersetzung: BrunO



© Foto: Joyce Harper, UCL, Wellcome Images CC: BY-NC-ND


BPA und andere östrogene Verbindungen stören die Entwicklung von Stammzellen, welche bei Mäusen für die Produktion von Spermien verantwortlich sind. Dies deutet darauf hin, daß eine derartige Belastung für die bei Männern sich verringernden Spermienzahlen mitverantwortlich sein könnte, wie eine neue Studie ergeben hat.

Die von PLoS Genetics veröffentlichte Studie ist die erste die nahelegt, daß niedrige, kurzzeitige Belastungen mit Bisphenol-A oder anderen Östrogenen, wie etwa jene die zur Verhütung eingesetzt die Gewässer belasten, in frühen Lebensabschnitten Stammzellen verändern können, welche in späteren Lebensabschnitten für die Produktion von Spermien zuständig sind.

Eine Belastung mit Östrogenen "wirkt sich nicht einfach nur auf die gerade produzierten Spermien aus, sondern beeinträchtigt die Stammzellenpopulation. Dies wird sich auf die Spermienproduktion während des gesamten Lebens auswirken", sagt Patricia Hunt, Genetikerin an der Washington State University, Leiterin der Studie.

BPA ist eine allgegenwärtige Chemikalie, die in den meisten Menschen nachweisbar ist und zur Herstellung von Polykarbonat verwendet wird. Sie kommt auch in Beschichtungen von Konservendosen und Kassenzetteln vor. Die Menschen sind ebenso den synthetischen für Verhütungszwecke verwendeten Östrogenen ausgesetzt, welche überall nachweisbar die Gewässer belasten, selbst nach der Klärung.

Die oberste amerikanische Behörde für Lebensmittel und Arzneimittel (FDA) hat 2012 BPA zur Herstellung von Babyfläschchen verboten, ist aber weiterhin der Ansicht, daß die derzeitige Verwendung von BPA für Lebensmittelbehälter und Verpackungen sicher ist. Und erst kürzlich (21.01.2015) hat die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit in einer neuen Bewertung erklärt, "von Bisphenol-A gehen keine Gesundheitsrisiken für den Verbraucher aus".

Die Studie von Hunt liefert jedoch einen weiteren Beleg, daß wir durch niedrige Belastung mit diesen Verbindungen geschädigt werden können.

Hunt und ihre Kollegen setzten einen Teil von neu geborenen Mäusen einer Belastung mit BPA aus, einen anderen Teil exponierten sie mit einem synthetischen Östrogen, das zur Verhütung und Hormontherapie eingesetzt wird.

Diese Belastungen - die etwa der menschlichen Exposition gegenüber diesen Substanzen entsprechen - verursachten in den für die Spermienproduktion verantwortlichen Stammzellen "dauerhafte Veränderungen", wie die Autoren schreiben.

Die Forscher haben zudem diese Stammzellen in nicht belastete Mäuse verpflanzt und so die Auswirkung auf die Entwicklung der Spermien belegt.

Dies ist ein "ernüchternder Hinweis" auf mögliche schädliche Auswirkungen einer kurzzeitigen Belastung, sagte Mary Ann Handel, eine leitende Wissenschaftlerin vom auf genetische Forschung spezialisierten Jackson Laboratory.

Forscher haben erst kürzlich festgestellt, daß sich eine Belastung mit BPA auf die Größe der Hoden und die Entwicklung der Spermien von Mäusen und auf das Wachstum der Prostata auswirkt. Doch was Hunt und ihre Kollegen gemacht haben, ist etwas anderes - sie haben einen möglichen Grund gefunden, weshalb dies geschieht: Veränderungen in den Stammzellen, die für die männliche Reproduktion unverzichtbar sind.

"Zu den negativen Auswirkungen östrogener Chemikalien auf den sich entwickelnden männlichen Organismus zählen eine immer länger werdende Liste von unmerklichen Veränderungen des sich entwickelnden Gehirnes, des reproduktiven Traktes und der Hoden", schrieben die Autoren. "Veränderungen in allen dreien haben das Potential, größere reproduktive Auswirkungen zu verursachen... biologische Erklärungen gibt es noch nicht".

Im Verlauf weniger Jahrzehnte haben Forscher die Abnahme von Spermienzahl und Qualität sowohl in Europa und Japan als auch in den Vereinigten Staaten festgestellt. In Dänemark haben über 40 Prozent der jungen Männer Spermienzahlen, die Unfruchtbarkeit oder verringerte Fruchtbarkeit bedeuten.

"Wenn man nachweist, daß man Stammzellen auf diese Art schädigen kann - ist das ein Hammer", meint Frederick vom Saal, Wissenschaftler an der University of Missouri, der an der Studie nicht beteiligt war. "Diese Belastung kann durchaus die Grundlage für einen generationsübergreifenden Verlust an Spermienaufkommen sein".

Die Spermienproduktion ist ein kontinuierlicher Prozeß: Nachdem junge Männer die Pubertät erreicht haben und anfangen Spermien zu produzieren, beginnen die Stammzellen sich langsam zu teilen und geben neue Zellen zur Produktion von Spermien ab.

Und, obwohl es einige Einschränkungen gibt, Ergebnisse des Mausmodelles auf Menschen zu übertragen, haben ihre reproduktiven Systeme "die gleichen Grundlagen", sagte Hunt.

Nichtsdestotrotz schreibt Steven Hentges vom American Chemistry Council, der die chemischen Hersteller vertritt in einer Email-Antwort, daß mehrere große Studien "übereinstimmend keine reproduktiven Auswirkungen auf Männer oder Frauen bei Belastungswerten nachweisen, die auch nur entfernt jenen Werten nahe kommen, denen Menschen tatsächlich ausgesetzt sind".

Er sagt, Hunts Studie habe "eine begrenzte Relevanz für die menschliche Gesundheit" und daß die verwendeten Dosen sehr viel höher wären als die aktuelle menschliche Belastung. 1)

Hunt sagt, das stimmt nicht.

"Die Dosen die wir benutzt haben basieren auf vorausgegangenen Studien und haben sehr niedrige Blutwerte zur Folge, die niedriger als jene sind, die bei Menschen festgestellt wurden".

Vom Saal sagt, es ist wichtig in zukünftigen Studien zu prüfen, ob die durch die Belastung hervorgerufenen Veränderungen an Folgegenerationen weitergegeben werden. Hinweise legen nahe, daß östrogene Substanzen offenbar die Fähigkeit von Genen verändern, richtig zu funktionen, ein Phänomen das man als epigenetische Veränderungen bezeichnet.

Wenn solche Veränderungen vorkommen, kann das ähnliche Probleme für die Spermienproduktion nachfolgender Generationen bedeuten. Und "weil die meisten Menschen beständig einer Belastung mit BPA und anderen östrogenen Substanzen ausgesetzt sind, könnte sich das mit jeder Generation ein bißchen mehr verschlimmern", erläuterte vom Saal.

Hunt und ihre Kollegen hatten jedoch ein Problem. Es gibt Nebeneffekte wie etwa Einlagerung von Flüssigkeit, was es erschwert, die Stammzellen-Forschung einen Schritt weiter zu bringen und nach Korrelationen zwischen Spermienzahl und Daten über Reproduktivfähigkeit zu suchen.

"Expositionen wirken nicht nur auf die Hoden, sondern auf das ganze Tier", sagt Hunt.

Hunt gibt zu daß dies "komplizierte genetische Fragen" sind, doch sie sagt, daß dies sehr sehr bedeutende Konsequenzen hat.

"Dies hat etwas mit Zellen ganz weit flußaufwärts zu tun" und kann für die "Generationen welche nach der Exposition folgen" zum Problem werden, erklärte sie.



Der Original-Artikel "BPA exposure linked to changes in stem cells, lower sperm production" wurde von wurde von Environmental Health News unter CC: BY-SA veröffentlicht. Für diese Übersetzung gilt das Standard-Lizenzmondell dieses Blog. Also keine kommerzielle Nutzung!

Dem Autor auf Twitter folgen: @BrianBienkowski.



1) Hier spricht ein Demagoge! Vielleicht weiß er selbst, daß EDCs bei niedrigen Dosen wirken und nicht dem linearen Modell der Toxikologie folgen, aber er greift auf das populärwissenschaftlich verbreitete Verständnis von Toxizität zurück, nach welcher höhere Dosen gefährlicher sind. Folglich muß er auch behaupten, die in der Studie angewendeten Dosen wären höher als die, denen Menschen im Alltag ausgesetzt sind. Daß das Paracelsische Paradigma nicht auf alle Stoffe zutrifft, ist noch ein langer Weg für Wissenschaft und Allgemeinbildung. Solange haben Leute wie er in der Öffentlichkeit leichtes Spiel. Leseempfehlung wäre hier: Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt 1978, Original Chicago 1962. Kuhn zeigt, wie langsam Paradigmenwechsel vor sich gehen und daß die dabei geführten Debatten nicht immer mit Wissenschaft, sondern oft mit Wahrung von Interessen zu tun haben.

Wer sich mit BPA weiter befassen möchte, wird hier fündig:
http://ufocomes.de/sources/bpa_links.html

Oder Environmental Health News @EnvirHealthNews und der Environmental Working Group @EWG auf Twitter folgen.


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Erstellt: 28.01.2015 14:25
Geändert: 28.01.2015 14:25
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Environment and Health Link Collection

26.01.2015 00:05

Äskulat
© Foto: santi CC: BY-NC-SA via flickr 
Als ich anfing, für CSN-Deutschland Artikel zu umweltbedingten Erkrankungen zu übersetzen, explodierten meine Lesezeichen. Ich muß den Firefox Browser dafür loben, daß meine derzeit 3.500 Lesezeichen für diesen kein Problem darstellen. Vielleicht liegt es auch daran, daß ich sie alle fein säuberlich in thematischen Ordnern abgelegt habe.

Beim Übersetzen mußte ich oft Begriffe oder Sachverhalte im Web recherchieren und manche Themen lassen einem dann nicht mehr los, so daß man immer weiter sucht. Vielleicht ist das einigen Leuten die mich aus sozialen Netzwerken kennen aufgefallen.

Manche gesundheitliche Probleme sind trotz gravierender Natur und individuellem Leidpotential nicht im öffentlichen Bewußtsein. Es gibt natürlich Interessen, daß das so bleibt und nicht die Geschäfte stört. Leider gibt es aber auch Menschen, die mit guten Absichten und bestem Engagement auf die falsche Technologie setzen.

Dazu gehören z.B. die Leute von Freifunk, die mit Hilfe von WLAN ein alternatives Netz zum freien Internetzugang aufbauen - was an sich sehr begrüßenswert ist. Ich will hier nichts zur Problematik nicht-ionisierender Strahlung schreiben. Auch nichts dazu, daß man in diesem Zusammenhang manchmal als Esotheriker beschimpft wird. In den 70er Jahren versuchten viele, sich einen möglichst esoterischen Touch zu verleihen. Soviel zum Zeitgeist oder wie frei Menschen in ihrem Denken sind.

Technik ist leider nicht wertneutral. Sie erbt ihre Eigenschaften von den politischen Bedingungen unter denen sie entstanden ist. Der aktuelle Kapitalimus interessiert sich nicht für die Gesundheit des Menschen. Bestenfalls interessiert er sich dafür, wie man mit Gesundheit Geld verdienen kann. Auch in den Grundlagen unserer aktuellen Technik wird der Mensch zu Gunsten der reinen Theorie ausgeblendet. Niemand lebt aber theoretisch. Die Theorie trennt zwischen Subjekt und Objekt und möchte das Objekt möglichst unverfälscht erfassen, um allgemeingültige Theorien formulieren zu können. So steht immer nur wie etwas funktioniert an erster Stelle, nicht aber, welche gesundheitlichen Folgen dies für den Menschen haben könnte. Darum schafft es der aktuell unregulierte Kapitalismus auch, den Planeten selbst mit grüner Technologie zu runinieren.

Freifunk war für mich der Anlaß, meine zum Thema EMF (Electro Magnetic Fields) gesammelten Quellen in einer Datei auf meinen Webspace hochzuladen. Nun konnte ich in Debatten bequem darauf linken. Später kamen weitere Themen hinzu. Manchmal lud ich etwas hoch, um es Bekannten zugänglich zu machen. Ich benutzte dafür ein Verzeichnis, in das ich normalerweise Fotos hochlade, damit sich andere Leute diese herunter laden können. Es ist praktisch, eigenen Webspace zu haben und nicht auf Dienste wie Dropbox angewiesen zu sein.

Mittlerweile bin ich etwas systematischer an das Teilen meiner Links heran gegangen und habe dafür ein eigenes Verzeichnis eingerichtet. Ich habe es nirgends in meinen Menüs verlinkt und habe dies auch nicht vor. Wer sich aber für umweltbedingte Erkrankungen und Ähnliches interessiert, findet es hier:

http://ufocomes.de/sources/

Es ist immer noch ein Provisorium. Erstens sind das nicht alle Links die ich zu solchen Themen habe, zweitens müßten sie praktischerweise in eine durchsuchbare Datenbank. Vielleicht habe ich mal Zeit, so etwas zu programmieren. Einen Service möchte ich dafür nicht benutzen. Ich möchte auch davon wegkommen, an einen bestimmten Browser gebunden zu sein. Ich brauche vor allem eine lokale Datenbank.

Die meisten Links führen zu Quellen auf Englisch. Dies ergibt sich daraus, daß man auf Deutsch schätzungsweise nur etwa zehn Prozent es Webs sieht.


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Erstellt: 26.01.2015 00:05
Geändert: 26.01.2015 00:05
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Twister als Alternative zu Twitter

15.01.2015 15:58


Sorry, no blue birdy here! © Foto: Jay Ebberly CC: BY via flickr 


Als ich das erste Mal von Twitter hörte oder las, machte dieser Service wenig Sinn für mich. 2009 habe ich mich mehr oder weniger aus Neugier doch angemeldet und erkannte schnell, wofür Twitter für mich zu gebrauchen ist. Für mich wurde Twitter zu einer neuen Dimension des Internets. Das Internet ist im Grunde nichts anderes als miteinander verknüpfte Textstellen, unabhängig davon, an welchem Ort sich diese befinden. Genau das bedeutet HTTP (Hyper Text Transfer Protokoll). Technisch gesehen verarbeitet der Browser tatsächlich nur reinen Text, über den aber sowohl die Art der Darstellung (Formatierung) als auch Bilder und andere Medien transportiert werden können. Wenn das Internet also im Prinzip aus Links besteht, so fügt das Twitterprinzip Meta-Links hinzu. Meta-Links sind Links mit Kommentar oder kurzer Beschreibung. Mehr ist mit 140 Zeichen sowieso nicht drin.

Natürlich kann man Twitter einfach nur zum Hallo sagen oder für minimalistische Chats benutzen. Viele User wissen tatsächlich nicht mehr damit anzufangen und Twitter hatte am Anfang wohl selber keine andere Idee. Doch die wirkliche Power von Twitter ergab sich aus diesen Meta-Links und deshalb ist Twitter heute für Aktivisten und NGOs nicht mehr wegzudenken.

Twitter hat lange nicht wirklich Geld verdient und war in dieser Zeit recht gut. 2013 setzte mit dem Börsengang eine Entwicklung ein, die Grund genug wäre, den Service wieder zu verlassen. Twitter war sich bewußt, ein wichtiges Nachrichtennetzwerk geworden zu sein, doch nun galt es wohl, die Erwartungen der Aktienbesitzer auf Wachstum und Profit mittels Werbeeinnahmen zu erfüllen und erfolgreich mit Facebook zu konkurrieren. Inzwischen wird gemunkelt, daß Twitter filtert, was es dem User in seiner Timeline anzeigt. Automatisches Entfolgen oder Folgen soll auch schon vor gekommen sein. Manche berichten, bestimmte Inhalte nicht retweeten zu können. Mein allererster Account unter meinem Realnahmen hat übrigens nie funktioniert. Ich konnte nichts posten.

Selbst wenn man Twitter dafür loben muß, gegen die Herausgabe von Nutzerdaten an amerikanische Schnüffelbehörden geklagt zu haben und im NSA-Skandal nicht besonders aufgefallen zu sein und selbst wenn es sich bei den beschriebenen Irritationen nur um technische Störungen gehandelt haben sollte, gibt es prinzipielle Gründe, weshalb Alternativen zu Twitter bitter nötig sind.



Twitter ist ein zentraler Dienst. Dessen Server stehen in den USA, im Land der National Security Agency. Zentrale Dienste geben den Betreibern einen großen Einfluß. Sie haben die Möglichkeit, den Service unbeobachtet zu manipulieren. Selbst wenn sie dies nie tun sollten, sind wir ihrem guten Willen ausgeliefert. Des weiteren ist es recht einfach, einen zentralen Dienst in einem anderen Land zu blockieren, z.B. in der Türkei oder in China.

Dem kann man durch einen dezentralen Dienst begegnen. Etwa so, wie es Diaspora tut. Eine durchweg empfehlenswerte Alternative zu Facebook. Wer aber lieber etwas schnelleres und schlankeres nutzen möchte, ist mit GNUsocial schonmal besser als mit Twitter bedient. Eine Instanz für Diaspora oder GNUsocial kann theoretisch jeder auf seinem eigenen Webspace aufsetzen und hat somit eine gute Kontrolle über seine Daten. Eine Subdomain genügt, um im WWW für andere sichtbar zu sein.

Soweit ich das mit bekomme, betreiben nur wenige ihr eigenes Diaspora. Bei GNUsocial kommt das häufiger vor. Solche dezentrale, "föderierte" Netzwerke entsprechen der ursprünglichen Idee des Internets viel besser als Twitter und Co. Fällt ein Server bzw. eine Instanz aus, kann man sich zur Not woanders registrieren oder eine eigene Instanz aufsetzen und ist damit wieder im Netzwerk. Ist Twitter down oder geblockt, hat man eben Pech. Derzeit sieht es aber leider noch nicht so aus, als ob die Mitnahme der eigenen Daten einschließlich aller mühselig gesammelten Kontakte zufriedenstellend funktionieren würde. Bei Diaspora habe ich es nicht probiert, auf GNUsocial hat es bei mir nicht geklappt.

Möglicherweise wird dies irgendwann problemlos möglich sein. Die Software dezentraler Netzwerke wird ständig weiter entwickelt. Mit RedMatrix ist ein weiteres dezentrales "facebookähnliches" Netzwerk entstanden, welches durch sein Konzept der nomadischen Identitäten Userdaten und Kontakte von vornherein portabel macht. Schade ist nur, daß damit wieder mal ein Parallelansatz zu schon Bestehendem gestartet wurde, anstatt die Kräfte gegen den Kommerz zu bündeln.



Stellen wir uns nun etwas ganz Utopisches vor, um Twister zu verstehen:

Wir haben doch alle einen Computer und einen Internetzugang. Warum können sich unsere Rechner nicht direkt miteinander verbinden? Warum können wir nicht einfach alle unsere Rechner miteinander verbinden und ein Netzwerk bilden? Wozu von Diensten abhängig sein?

Diese Utopie ist längst Wirklichkeit! Solche Netzwerke nennt man Peer to Peer Netzwerke. Twister ist ein solches Netzwerk. Leider ist soetwas technisch sehr aufwendig. Der Hauptautor Miguel Freitas fing Mitte 2013 mit der Entwicklung der hierfür nötigen Software an. Er begann, Bitcoin- und Bittorrent-Technologie für einen Nachrichtendienst umzustricken.

Die Twister-Software besteht in der ursprünglichen Unix-Variante aus einem Daemon, der als lokaler Server fungiert und aus einem in JavaScript und HTML geschriebenen Client. Sie ist immer noch im Alphastadium, d.h. eigentlich noch nicht für normale Benutzer vorgesehen. Nach einem anfänglichen Angriff auf das Netzwerk, bei dem viele User ihre Accounts für immer verloren, funktioniert mittlerweile aber alles recht gut.

Eine Hürde war bisher, daß man sich den Deamon selber kompilieren mußte. Daran sind sogar Fachleute gescheitert, weil man dazu seinen Rechner auf den selben Stand wie den der Entwickler bringen muß. Ich mußte selbst auf Debian Testing eine Menge Entwicklerbibliotheken nachinstallieren und für eine mußte der Pfad manuell an den Compiler übergeben werden. Das erfordert eine gewisse Hartnäckigkeit, viel Zeit und Frust-Toleranz.

Auf der Twister-Webseite heißt es dazu treffend: If you choose to continue you probably must fall into one of the following categories: 1) You are a developer. 2) You are an early adopter (who wants to reserve your nickname). 3) You are a masochist.

Inzwischen hat sie die Situation ein wenig gebessert. Erste LINUX-Distributionen bieten Pakete an, die man über das Paketmanagement einfach installieren lassen kann, so daß man sich um den ganzen Abhängigkeitsscheiß nicht selber kümmern muß. Dazu gehören im Moment Arch Linux, FreeBSD, Gentoo und NixOS. Wer dies später liest, kann in Erkans Wiki nachlesen, welche Distro eventuell dazu gekommen ist. Darüber hinaus gibt es weitere Pakete zum selber herunter laden und installieren für openSUSE, SLE, Fedora, Centos Debian und Windows, die auf der Twister-Homepage verlinkt sind. Auch hier lohnt sich immer wieder nachzusehen.

Für die Mehrzahl der potentiellen User düften die Pakete für Windows interessant sein. Neben denen von @shift gibt es die Windows-Pakete von Denis, die mich zum Schreiben dieses Artikel inspiriert haben. Die technische Schwelle Twister zu benutzen, hat sich inzwischen beachtlich verringert.



Bevor ich etwas dazu schreibe, warum man von Twister enttäuscht sein könnte und warum man es abgesehen vom schon Gesagten trotzdem benutzen sollte, komme ich nicht umhin, etwas zu "2) You are an early adopter (who wants to reserve your nickname)" anzumerken.

Wenn man über die eingebaute Twister-Suche nach anderen Usern sucht, oder vielleicht checken will, welche Nicks noch nicht in Verwendung sind, kann man sehr wütend werden. Irgendwelche Arschlöcher haben alle möglichen Namen angelegt und für sich gesichert, ohne diese tatsächlich zu nutzen. Das sind z.B. sehr viele Markennamen, Namen von VIPs, aber auch gängige Begriffe, wie sie z.B. SEO-Vollpfosten einfallen können. Glaubt Ihr allen Ernstes, daß Euch z.B. Lady Gaga oder die Deutsche Bank diese Accounts abkaufen werden? Ich wünsche Euch von tiefsten Herzen, daß Ihr genau so verklagt werdet, wie es zu Zeiten der Goldgräberstimmung bei der Vergabe von WWW-Domains der Fall war. Einen Joker hab Ihr natürlich in der Hand. Ihr könnt die zu diesen Accounts gehörenden privaten Schlüssel (Secret Keys) vernichten, so daß diese Accounts niemals von irgendwem genutzt werden können. Vernichtet sie gut, so daß man sie aus Euch nichtmal rausfoltern könnte. Viel Spaß!

Womöglich kommen die Entwickler diesen Squattern zuvor, indem das Anlegen von Accounts hardwaremäßig erschwert und das gesamte Netzwerk in einen Anfangsstatus zurück versetzt wird.

Als Info kann jeder Nichtbetroffene mitnehmen, daß Twister gewisse Eigenarten hat. Ein verlorener Account ist für immer verloren. Wenn der private Schlüssel weg ist, der den Stellenwert eines Paßwortes hat, ist der Account auch weg. Er existiert zwar bis in alle Ewigkeit, ein Zugriff ist jedoch nicht mehr möglich.

Eine weitere Eigenart besteht darin, daß es nicht möglich ist, einmal abgeschickte Nachrichten (Twists) zu löschen. Bei Twitter ist dies leider möglich, sonst hätte man schon so manchen bezahlten Troll überführen und vielleicht sogar der Justiz zuführen können.

Manchmal ist es ärgerlich, wenn man aus Versehen Mist abgeschickt hat, aber das macht Twister sehr transparent und bis jetzt hatte noch niemand ein ernsthaftes Problem damit. Trotzdem dran denken! Vielleicht führt dies sogar zu etwas gesitteterem Verhalten.

Wer darüber nachdenken möchte, inwiefern sich solche P2P-Netzwerke verselbständigen könnten, dem empfehle ich den Artikel von Primavera De Filippi auf Wired: Tomorrow's Apps Will Come From Brilliant (And Risky) Bitcoin Code.



Warum man/frau von Twister enttäuscht sein kann, aber nicht sein sollte, ist wie die Frage nach meinen Gründen, warum ich Twitter nicht in die Tonne treten kann, so gern ich das sofort täte.

Auf Twister gibt es noch zu wenige Meta-Links. NGOs und Aktivisten machen kaum Anstalten, Twister zu benutzen, weil sie dort anders als auf Twitter nur ein kleines, dafür aber um so netteres Häuflein erreichen. Das ist mit GNUsocial übrigens ähnlich, obwohl es dort tatsächlich ein paar Leute mehr sind. Aber NGOs und Aktivisten und erst Recht Medien denken nunmal strategisch. Daraus ergibt sich eine schöne und ärgerliche Self Fulfilling Prophecy: Niemand ist auf Twister, weil dort niemand ist.

Oder alle sind auf Facebook und nicht auf Diaspora, weil dort alle sind. Alle sind auf Twitter weil... Nun, ich bin nur deshalb auf Twitter, weil ich dort viele Nachrichtenquellen habe, die es anderswo nicht gibt. Das sind neben NGOs, Aktivisten und ein paar Leute, die ich mich nicht zu entfolgen getraut habe, Arbeitsgruppen und Journale aus dem Bereich von Umweltwissenschaft und Umweltmedizin. Wie bringe ich die Environmental Health Perspectives, Pete Myers, Helen Caldicott, Riki Ott oder Jonathan Latham dazu, statt oder neben Twitter auch Twister zu benutzen? Wie sollte ich das denen begründen?

Manchmal träume ich von einer Katastrophe oder irgend was nicht ganz so Schlimmes, aber schlimm genug, so daß Twister als einziges noch brauchbares soziales Netzwerk übrig bleibt. Wenn man Twister abschalten wollte, müßte man nämlich das Internet abschalten. Blockieren kann man es nicht so ohne weiteres, vor allem nicht alle Twister-User weltweit gleichzeitig. Das heißt, es gehört auch zu den Eigenarten von Twister, ein sehr widerspenstiges, schwer kontrollierbares Netzwerk zu sein. Ist das nicht schon Grund genug, Twister zu benutzen, selbst wenn zur Zeit außer ein paar netten Leuten noch kein mit Twitter vergleichbarer Content vorhanden ist?

Warum all seine Daten kommerziellen Firmen anvertrauen? Ist es nicht politisch geboten, Twister zu benutzen?

Es gibt noch einen Grund, Twister schon jetzt zu benutzen:

Je mehr Menschen auf Twister aktiv sind, desto mehr Feedback bekommen die Entwickler, die selbst im Netzwerk und somit auf Augenhöhe mit den Usern unterwegs sind. Je mehr Feedback die Entwickler bekommen, desto mehr hilft dies Ihnen, das Netzwerk weiter zu entwickeln. Außerdem findet sich so der ein oder andere neue Entwickler, der etwas beitragen kann. Man muß jedoch kein Entwickler sein. Das Netzwerk einfach nur benutzen ist auch schon ein Beitrag. Twister muß einer größeren Nutzerzahl gewachsen sein, warum also nicht ein bißchen Versuchskaninchen spielen und auf diese Art mithelfen?

Wer eine gute Idee für ein Feature hat, kann sie vorschlagen, selbst wenn er oder sie diese nicht selber umsetzen kann. Was denkt Ihr, wie Twitter groß geworden ist? Das Retweeten und selbst die Hashtags wurden von den Usern und nicht von den Machern erfunden. Also bitte Twister installieren oder komplilieren und einfach Hallo sagen. Es spricht nichts dagegen, die Rosinen aus anderen Netzwerken da nochmal zu posten. Außerdem gibt es auch auf Twister immer wieder Content, den ich in anderen Netzwerken nicht gesehen habe.



Ein paar Tipps zum Abschluß:

Wenn Ihr Twister installiert habt und einen Accoumt einrichtet, kann es eine ganze Weile dauern, bis dieser vom Netzwerk akzeptiert wird und funktioniert. Werdet nicht ungeduldig, selbst wenn es mal länger als eine Stunde dauern sollte. Sichert auf jeden Fall den Sekret Key (die lange Zeichenfolge).

Erwartet keine Wunder, wenn ihr im Netzwerk seid. Es ist erstmal gar nichts los. Viel zu viele richten einen Account ein, schicken einen Twist ab, auf den vielleicht niemand reagiert und danach wird Twister zu gemacht und nie mehr gestartet. Das ist schade, zumindest für Euch.

Wie finde ich aber andere User zum Folgen? Im Prinzip muß man nur einen finden der aktiv ist und bei dem oder der nachsehen, wem sie oder er folgt. Am Anfang ruhig allen folgen, damit die eigene Timeline schnell zum Leben erwacht. Später kann man aussortieren, vor allem alle inaktive Accounts raus schmeißen. Ich habe mit Twister angefangen, ohne irgend wen zu kennen. Ich habe erst später einige von denen auch in anderen Netzwerken gefunden. Anfangs habe ich mit der Suche rumgespielt, indem ich Buchstabenkombinationen eingab und mir viele der Accounts ansah, deren Namen vom Autocomplete angeboten wurden. So fand ich die besten Leute, machte aber auch schnell mit den Squatter-Ärschen Bekanntschaft. Inzwischen gibt es neben der Timeline eine Spalte "Who to follow". Mit dieser geht es noch schneller als mit meiner anfänglichen Methode.

Jeder kann gerne bei mir Leute zum Folgen klauen. Ich bin auch auf Twister @VegOs (das vegane Betriebssystem, falls jemand fragt).

Twister findet man auf GitHub unter https://github.com/miguelfreitas. Neben der Diskussion im Netzwerk kann jeder zusätzlich über den Bugtracker Vorschläge einreichen. Mit TwisterIO gibt es eine externe Suchmaschine, mit der man das Twister-Netzwerk von außen durchsuchen kann. Besser selber drin sein!



Ich danke @Erkan (Twister @erkan_yilmaz) für seine Unterstützung beim Schreiben dieses Artikels.


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Erstellt: 15.01.2015 15:58
Geändert: 15.01.2015 15:58
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GNUsocial z.B. quitter




Schick und nützlich: Armbänder können die individuelle Schadstoffbelastung ermitteln

09.03.2014 01:55


Autor: Brian Bienkowski, 07.03.2012, Redakteur von Environmental Health News
Übersetzung: BrunO



© Foto: LexnGer CC: BY-NC via flickr 
Armbänder sind für Menschen die eine Kampagne unterstützen das Accessoire der Wahl. Bei der nächsten Welle dieser Gelenkbekleidung könnte es sich um das schicke Archiv unserer chemischen Schadstoffbelastung handeln.

Forscher der Oregon State University haben Freiwillige mit leicht modifizierten Silikonarmbändern ausgestattet und diese anschließend auf 1.200 Substanzen untersucht. Sie fanden mehrere Dutzend Verbindungen - alles von Koffein und Zigarettenrauch bis hin zu Flammschutzmitteln und Pestiziden.

"Wir waren über die Bandbreite der Chemikalien überrascht", sagt Kim Anderson, Professorin, Chemikerin und Hauptautorin der von Environmental Science Technology veröffentlichten Studie.

Im letzten Jahrzehnt sind seit Lance Armstrongs Livestrong Foundation billige farbenfrohe elastische Armbänder zu einem beliebten Modeassessoir geworden, um Wohltätigkeitsorganisationen und andere Kampagnen zu bewerben.

Anderson hatte anfänglich versucht, an Halsketten befestigte Anhänger auf Schadstoffe zu untersuchen. Doch dann sah sie bei einem Fußballspiel "alle möglichen Leute, sogar bodenständige Männer" Fan-Armbänder tragen. In diesem Augenblick kam ihr die neue Idee.

Silikon ist porös und verhält sich ähnlich wie menschliche Zellen, folglich "wollen" Chemikalien, sobald sie vom Armband absorbiert sind "nicht mehr in das Wasser oder die Luft zurück", sagte Anderson.

"Diese Studie bietet ein paar konkrete Möglichkeiten, das Manko epidemiologischer Studien zu beheben - nämlich eine Wissenschaft der Schadstoffbelastung", sagte Ted Schettler, wissenschaftlicher Direktor des Science and Environmental Health Network, einer gemeinnützigen Umweltmedizin-Interessengruppe.

Die Armbänder "können sowohl Chemikalien als auch Gemische erkennen und man kann sie leicht bei größeren Gruppen einsetzen um zu sehen, welche Verbindungen am häufigsten vorkommen", sagte er.

Dreißig Freiwillige trugen 30 Tage lang das orange-weiße Oregon State Armband. In ihnen hat man 49 Verbindungen festgestellt, dazu gehörten Flammschutzmittel, Haushalts-Pestizide, wie z.B. Entlausungsmittel für Haustiere, Koffein, Nikotin und zahlreiche Chemikalien die in Kosmetika und Parfüm zum Einsatz kommen.

Zusätzlich haben acht Freiwillige, die als Dachdecker arbeiteten, die Bänder acht Stunden pro Tag getragen. Die Forscher testeten diese auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAHs/polycyclic aromatic hydrocarbons), die in geteerter Dachpappe enthalten sind. In allen Armbändern der Dachdecker fanden sich diese Verbindungen, einschließlich zwölf von den Bundesbehörden als besonders gefährlich gelistete Schadstoffe. Erwartungsgemäß hatten jene Dachdecker, die weniger Schutzkleidung trugen und in geschlosseneren Räumen arbeiteten höhere Konzentrationen in ihren Armbändern, sagte Anderson.

Vor der Übergabe an die Freiwilligen mußten die Forscher Chemikalien entfernen, die während der Herstellung in das Silikon gelangen.

Anderson sagte, diese Armbänder stellen gegenüber Anlagen zur stationären Luftüberwachung einen großen Schritt dar, da diese nur Momentaufnahmen liefern und sich u.U. nicht in der Nähe von Menschen befinden. Individuelle Schadstoffbelastung zu erfassen bedeutet normalerweise, daß schwer zu bedienende und teuere Geräte in Rucksäcken getragen werden müssen.

Die Armbänder werden zuerst daraufhin untersucht, welche Chemikalien vorliegen, anschließend können die Forscher die Konzentration bestimmter Stoffe messen. Die Armbänder können aber manche Feinstaubpartikel nicht nachweisen und es ist noch nicht geklärt, ob sie einige der flüchtigeren Pestizide aufnehmen können.

Emily Marquez, ein wissenschaftles Mitglied der Interessengruppe Pesticide Action Network sagte, die Möglichkeit ein Armband zu benutzen, um die Belastung durch Zehntausende chemische Verbindungen quantitativ zu bestimmen ist aufregend.

Schettler sagte, die Armbänder könnten Behörden wie z.B. den Centers for Disease Control and Prevention [Gesundheitsämter] helfen, Menschen gezielter auf Schadstoffe zu untersuchen.

"Wir können anfangen, Fragen wie solche zu stellen: 'Warum hat Person A diese Chemikalie in ihrem Armband, aber Person B nicht?'", sagte er.

Anderson und Kollegen planen weitere Armband-Projekte, dazu gehören Agrarflächen in Afrika und Peru und die Umgebung hydraulischer Fracking-Anlagen in den Vereinigten Staaten.

Doch stürmen sie jetzt bitte noch nicht in die Läden, um ein Armband zur Messung chemischer Substanzen zu kaufen. Bis jetzt müssen diese immer noch einer chemischen Analyse unterzogen werden, damit man sehen kann, welche Chemikalien präsent sind.

Wie jedes neue Armband, hat dieser Fimmel die Forscher nun ebenfalls erfaßt.

"Meines hat definitiv Koffein nachgewiesen", sagte Anderson.



Der Original-Artikel "Armed with arm candy: Bracelets can detect people's chemical exposures" wurde von Environmental Health News unter CC: BY-NC-ND veröffentlicht. Abweichend von dieser Lizenz wurde mir die Übersetzung des Artikels gestattet. Für diese Übersetzung gilt das Lizenzmodell von UFOCOMES-blog ausdrücklich nicht! Anfragen wegen Übernahme sind an die Rechteinhaber zu wenden.

"Armed with arm candy" (vgl. eye candy / Zuckerle für's Auge) ist ein schönes leider nicht übersetzbares Wortspiel (pun). Weiterhin hakt es bei mir, "advocating group" mit Lobby zu übersetzen, daß dieser Begriff bei uns negativ besetzt ist und selten mit dem Vertreten von Verbraucherinteressen verbunden wird.




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Erstellt: 09.03.2014 01:55
Geändert: 09.03.2014 01:55
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