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Bashar bombardiert uns!

16.12.2012 17:59

Autor: OFF THE WALL, 11. Dezember 2012
Übersetzung: BrunO


© Foto: OFF THE WALL - Die durch Assads kriminelle Bombardierung von Wohngebieten verursachte Zerstörung in Aleppo

Ich kann es nicht besonders. Damit meine ich, ich weiß nicht, wie man Nachrichten-Übersichten zusammenstellt, obwohl es dafür eine Menge Gadgets gibt, mit denen man sowas ganz einfach machen kann. Vielleicht mag ich dies nicht tun, oder vielleicht ist dies für mich inzwischen schwieriger geworden, da meine Haupt-Nachrichtenquelle nicht mehr Zeitungen sind, sondern schnelle Tweets, hastige RSS-Streams und Facebook-Einträge, die von überall aus Syrien kommen und mir und einer zynischen Welt berichten, wo gerade Mörsergranaten herunter gegangen sind und wo das jüngste Faßbomben Massaker stattfand, das einen Wohnblock auslöschte und auf absurde Weise einem Potential an großen Talenten, Mittelmäßigkeit und einfach nur ganz normalem Leben ein Ende bereitet hat.

Es ist mittlerweile auch schwieriger, eine Meinung zu haben, besonders angesichts der sich überstürzenden Ereignisse in Syrien, die sich rasch nacheinander zu ereignen scheinen, hinter denen sich aber gleichzeitig eine langsam immer weiter kriechende lavaähnliche Masse aus Brutalität, Leid und unvorstellbarem Elend verbirgt. Freunde werden verwundet, ohne daß es gut organisierte medizinische Hilfe gibt, die sich um sie kümmert und wenn Hilfe vorhanden ist, wird diese meistens von einer einzelnen Gruppe mit einer miesen, egoistischen und opportunistischen Politik kontrolliert, nach welcher nur jenen Hilfe gewährt wird, die mit der Gruppe in Loyalität verbunden sind oder zu ihren Bataillonen gehören, die aus Kämpfer und Führer bestehen, die weder indoktriniert noch tief religiös, sondern pragmatisch bezüglich der aktuellen Notwendigkeiten eingestellt sind, sei es eine Kiste Munition, ein paar Liter Benzin oder ein paar Nahrungsmittel, um die Kämpfer am Leben zu halten.

Was in Aleppo alles und jeden durchdringt, das ist der genetische Fingerabdruck einer Kultur des Despotismus, gehegt und genährt durch die Korruption und den Terror von zwei Assad-Generationen. Despotismus ist innerhalb einiger bewaffneter Gruppen offensichtlich, besonders in Aleppo, wo jeden Tag neue Berichte über Vergewaltigung, Diebstahl, Korruption, mangelnde Koordination, Gier, Rache, Betrug und Selbstsucht bekannt werden. Ein Großteil dieser Geschichten kann mit den Horden von Shabee7a in Zusammenhang gebracht werden, die beschlossen, als sie von Assad im Stich gelassen wurden, eigenständige Militärbataillone zu bilden, um sich unter dem Banner der Free Syrian Army anderen Gruppen beizugesellen. Doch andere Geschichten gehen auf das Konto von jungen Männern, die nun bewaffnet und damit beauftragt sind, in befreiten Gebieten Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, die aber nicht in der Lage sind zu verstehen, daß es bei dieser Revolution darum geht, Ungerechtigkeit zu beenden und die sich nur so benehmen, wie sie es von Männern mit Waffen und autoritärem Benehmen gesehen haben und das bedeutet, sich mit einem Gefühl von Legitimation mißbräuchlich zu verhalten. Wie zu erwarten war, macht das Regime mit seinem frevelhaften “Verbrennt das Land” Rachewut-Wahnsinn weiter, indem es Infrastruktureinrichtungen wie Elektrizitätswerke, Brotfabriken und Krankenhäuser, aber auch Wohnviertel als die wichtigsten Ziele auf seiner Liste der Verbrechen bombardiert. Stromausfälle, Wassersperrungen und der völlige Zusammenbruch der Grundversorgung haben das Leben in einer Stadt unerträglich gemacht, die Überfluß gewohnt war und die durch die vorsätzliche Niedertracht der Assads und ihrer Schläger vierzig Jahre lang keine Institutionen einer zivilen Gesellschaft besaß, welche in Zeiten von Katastrophen das soziale Gefüge zusammen halten. Eine drangsalierte Stadt, wie alle in Syrien, innerhalb eines Staates, dem man vom brutalen Regime nicht unterscheiden kann, welches wie es Yassin Haj-Salih beschrieb, den Staat benutzt hat, um seine brutale sektiererische Herrschaft zu betonieren und das diesen ausgelöscht und in nichts anderes als eine Erweiterung seiner selbst verwandelt hat. Nun hat es ihn in dem Augenblick abgeworfen, als der Staat für die kleine Gang der blutrünstigen Assads samt sektiererischem kriminellem Umfeld zu einer Belastung geworden ist.


© Foto: OFF THE WALL - Schiffsminen, die als hoch destruktive, billige Tötungs- und Zerstörungs-Instrumente in der ländlichen Umgebung von Damaskus abgeworfen wurden, wo Assad in den vergangenen Tagen die Bevölkerung in der Hoffnung bombardierte, das erfolgreiche Vorrücken der revolutionären Kampfeinheiten in Richtung Damaskus aufzuhalten.
Deshalb wundert es mich nicht, daß sich einige Bewohner der befreiten Gebiete von Aleppo über die Anwesenheit der FSA beklagen. Versorgungsengpässe, die schlimme Brot-Krise, wochenlange Stromausfälle, kein Wasser und die ständigen Bombardierungen verschonen niemand. Doch bedeutet dies, daß die FSA an allgemeiner Zustimmung verliert? Oder daß das Regime mehr Unterstützer gewinnt? Ganz offen gesagt glaube ich, daß nur ein von den Tatsachen vor Ort völlig losgelöster Idiot denken könnte, daß das Regime in der Lage wäre, irgend eine Form von Unterstützung durch die Öffentlichkeit zu gewinnen. Natürlich könnten manche Idioten sogar denken, daß dieser kriminellen Gangsterbande zu diesem Zeitpunkt etwas daran liegt, öffentliche Zustimmung zu gewinnen. Die Assads und ihre Verbrecherbande und Kriminelle haben (sowohl physisch als auch ökonomisch) aus Brutalität, Korruption, Despotismus, Fatalismus und Sektierertum ein Hexengebräu der Absurdität von inhumaner Ausprägung und Qualität gemischt. Vor dem Hintergrund einer derart verzerrten Wirklichkeit spielen Fakten keine Rolle und es bedeutet nichts, ob man seinen eigenen Lügen glaubt oder nicht, nur Furcht und hinterhältige Rache zählen. Beides sind die Qualitätssiegel dieser unmenschlichen Horde, welche mein Syrien die meiste Zeit meines Lebens regiert hat.

Inmitten von Leid und fehlender Koordination der FSA-Gruppen im Norden tauchen Gruppen mit hoch disziplinierten Kämpfern auf. Diese Gruppen, die entsprechend ihrer Religionpraxis Jihadisten [religiöse Kämpfer] sind, von denen niemand genau weiß, wo sie herkommen, schließen sich unter dem Namen Jabhat Alnusra (Support Front) zusammen. In der Vergangenheit habe ich die Ansicht vertreten, daß diese Gruppierung höchstwahrscheinlich vom Regime gegründet wurde. Doch die [Alnusra] Front und ähnliche Gruppen kristallisierten sich immer deutlicher als die wirksamste der bewaffneten Anti-Regime Gruppen heraus. Unübersehbar gibt es Kampagnen, der Front ein legendäres Image zu verleihen, da sie in zunehmendem Maße an fast allen aktuellen Erfolgen der FSA gegen das Regime beteiligt ist, wodurch sie einen Großteil der Beute an Waffen und Munition aus den Beständen der Regime-Truppen kontrolliert. Gruppen die nicht direkt mit der Front verbunden sind, die aber die selbe Nachschub-Quelle wie die Front nutzen wollen fangen an, das Verhalten der Front zu imitieren, wenn auch gegen die Bürger anstatt gegen das Regime, zum Beispiel jene Idioten, welche die Gründung der Tugend-Brigaden verkündeten, die zu einer Säuberung Syriens von Alawiten aufrufen und der Bund der Bataillon-Führer, Möchtegern-Kriegsherren, die in einem verzweifelten Versuch etwas gegen die kürzlich gebildete Koalition zu unternehmen, im Norden ein islamisches Emirat ausriefen, weil sie fürchteten, diese würde alle Mittel zentralisieren, so daß sie leer ausgehen, sofern sie sich nicht zusammen tun.

Zugegebenermaßen hat die Gegenwart und der Einfluß von Jihadisten-Gruppen eine zweischneidige Rolle gespielt. Auf der einen Seite haben sie es einfacher gemacht, den Sicherheitsapparat in einer Post-Assad-Ära zu beseitigen, da es ihnen gelungen ist, viele seiner Abteilungen zu schließen, seine Informanten aus Furcht zum Untertauchen zu zwingen und seine Kollaborateure einzuschüchtern, manchmal mittels direkten Hinrichtungen gleichenden Attentaten auf lokaler Ebene. Auf der anderen Seite haben sie das Überlaufen des dringend benötigten Offizierscorps schwieriger gemacht, als es ohne ihre Religionspraxis und ihrer ignorant gespielten “Ich bin ein Jihadist” Haltung gewesen wäre. Wie zu erwarten war, haben tatsächlich einige der Gruppen, durch ihre Eigensinnigkeit die USA und ein paar andere Nationen dazu aufgeschreckt, sie zu Terror-Organisationen zu erklären, was selbst wenn es wahr wäre die gerade stattfindende Befreiung Syriens weiter verkompliziert, dringend benötigte Hilfsmaßnahmen verhindert und den politischen Post-Assad-Prozeß gefährdet.

Die Bildung der neuen Koalition habe ich nicht kommentiert. Viele haben behauptet, daß die Koalition den selben Makel hat, wie sein größter Bestandteil (SNC), der unter der Kontrolle einer opportunistischen und zynischen Gruppe stand, der Muslim Brotherhood. Bei der Koalition handelt es sich jedoch um eine akzeptable Plattform. Offenbar wird sie von einem charismatischen und angesehenen Führer erfolgreich geleitet, der aber noch viel mehr tun muß, um das Monopol zu überwinden, das die Muslim Brüder über die meisten Hilfsressourcen haben. Dieses Monopol bringt weiterhin ehrliche Leute die bereit sind, mit dem SNC zusammen zu arbeiten, in gefährliche Situationen. Heute hat der Kurdish National Council beschlossen, der Koalition beizutreten, die dazu bestimmt ist, den Einfluß der Muslim Brüder zu verringern, und wenn mehr Gruppen hinzukommen, weil die Koalition als legitime temporäre Vertretung des syrischen Volkes anerkannt wird, besteht eine gewisse Hoffnung für eine weitere Verbesserung der politischen Lage. Diese wird zwangsläufig durch Machtspiele beeinträchtigt, wie jede provisorische politische Koalition, die als Reaktion auf Druck von Außen [USA und Co.] gebildet wurde und einem brutalen Regime gegenüber steht, daß mit seiner Brutalität Erfolg hatte und damit an Stelle vom politischem oder sogar militärischem Erfolg seiner Gegener humitäre Hilfe zum Maß ihres Funktionierens macht.

Militärisch verhält es sich ähnlich, ebenfalls unter Druck von Außen scheint es eine Tendenz zur Zusammenarbeit zu geben. Vor kurzem wurde in Antalya in der Türkei eine Konferenz mit vielen der bewaffneten revolutionären Gruppen abgehalten. Wieder mal wurde ein neues, zentrales Kommando angekündigt, wenn auch völlig unabhängig von der politischen Koalition, zumindest zur Zeit.

Kritik an der FSA gibt es aus mehreren Richtungen. Ich werde natürlich jene auslassen, die aus dem Verbund der Loyalisten und Propagandisten des Regimes kommt. Doch ich will jene Kritik nicht ignorieren, die man aus den Vierteln der Revolution vernimmt. Manche Kritik ist fair und manche ist es nicht, doch insgesamt ist es ein sehr gesundes Zeichen, was einige der Kämpfer und Anführer verunsicherte und die FSA dazu veranlaßte zu versuchen, ein paar der Probleme zu lösen, wenn auch durch Sharia-Gerichte, welche in vielen Fällen die Situation weiter anheizten, statt sie zu beruhigen. Nach meiner Ansicht wird die zivile Gesellschaft in kürzester Zeit, und ich hoffe bald, neu aufkeimen und gedeihen, sobald Luftwaffe und Artillerie des Regimes ausgeschaltet sind. Die kriminelle Zerstörung und das Morden des Regimes verhindern immer wieder das Entstehen tatkräftiger lokaler Räte, und der Beweis, daß die Menschen vor Ort eine gesunde Gemeindeverwaltung auf die Füße stellen können, wurde kürzlich sehr klar auf NPR zum Ausdruck gebracht.

Insgesamt ist die Lage sehr trostlos. Die Syrier erinnern sich nun an das, was ihre Großeltern einst ihren Eltern über die langen Jahre von Hunger und Misere erzählt haben. Die Zeit [in welcher der Film] Safar Barlek [(das Exil) spielt], als die Ottomanen gewaltsam Männer jeglichen Alters für ihre Kriegsführung einzogen, den Großteil der Ernte konfiszierten und Frauen, Kinder und Alte während einer der schlimmsten Kälteperioden sich selbst überließen, hallt beschwörend aus den Erinnerungen der Älteren. Diese [aktuelle] syrische Tragödie gleicht keiner anderen, da nie zuvor in der Geschichte Herrscher eine derartige Verachtung für ihr eigenes Volk an den Tag gelegt haben. Die syrische Tragödie dehnt sich auf die gesamte Region aus. In äußerst unmenschlichen Flüchtlingslagern in Jordanien sind Kinder erfroren. Mir wurde berichtet, daß die jordanischen Behörden alles besteuern, indem sie ein Drittel der für die Lager bestimmten Lieferungen konfiszieren, ungeachtet dessen, daß häufig das nach der Konfiszierung übrig gebliebene nie im Lager ankam. Es gibt keine schlimmeren Horrorgeschichten zu erzählen als die von den Kindern. Selbst jene die mehr Glück hatten, die es mit Hilfe von Verwandten in sichere Unterkünfte in Ägypten oder in einem der Golfstaaten geschafft hatten, leiden weiter. Ein Facebook-Eintrag illustriert das sehr anschaulich mit der Geschichte eines kleinen Mädchens, das von seinem Onkel in den Vereinigten Arabischen Emiraten in Sicherheit gebracht wurde und während den Feiern zum Nationaltag der Emirate auf einen Ausflug mitgenommen wurde. Dar arme Mädchen hielt sich die Hände an die Ohren und begann hysterisch zu schreien, als sie das Feuerwerk hörte: Bashar bombardiert uns, Bashar bombardiert uns!

Für dieses Kind, für Hamzas Andenken, für das von Qashoush, für nahezu 50 Tausend Syrier, junge und alte, welche derart kaltblütig von den Assad-Gangs ermordet wurden, begleitet von den “Fanfaren”, die häßliche und grausame Herden hirnloser Loyalisten blökten, um der Opfer willen, für Syrien und vor allem der Humanität wegen, dürfen Syrier die Hoffnung nicht verlieren. Wir können es uns nicht erlauben, sie zu verlieren, selbst wenn wir wissen, daß dieses Regime ohne Probleme auf Massenvernichtungswaffen in seinem Arsenal zurück greifen könnte. Es gibt nichts, was das Regime getan hat, das belegen würde, daß sein Waffenarsenal, das von Natur aus tödlich ist, für einen anderen Zweck bereit gehalten wurde, als sein Überleben um eine weitere Minute zu verlängern, selbst wenn dies die vollständige Zerstörung eines wunderbaren Landes und den Tod seiner gesamten Bevölkerung zur Folge hätte. Jeder der meint, die Assad-Gang besäße einen letzten Funken an Humanität oder Vernunft ist ein Idiot, der sich gegenüber einer Geschichte von vierzig Jahren blind gemacht hat, die zu zwei Jahren eines anti-historischen Alptraumes führte. Niemand außer das Regime trägt die Verantwortung dafür und jeder der etwas anderes behauptet ist ein Komplize des großen syrischen Genozids. Zur Liste der Verbrechen des Regimes gehören neben der üblen Ermordung von Zehntausenden Syriern die Folter von Hunderdtausenden, doch das widerwärtigste Verbrechen dieser verachtenswerten Bande ist der Versuch, deren Seelen und Humanität zu töten. Dem eingeschüchterten Kind sage ich, liebes Herzenskind, sie haben uns vierzig Jahre lang bombardiert. Stück für Stück haben sie unser historisiches Erbe und unsere Zivilisation zerstört. Doch mein liebes Kind, wir werden das zurück bekommen. Mein Ehrenwort, wir werden vielleicht einen Teil unserer Unschuld verlieren, aber von Dir liebes Kind, werden wir sie wieder lernen.


Anmerkung Liebe Leser von 7ee6an, ich denke mittlerweile, die meisten von Euch kennen bereits SYRIA DEEPLY. Es ist eine hervorragende Seite, welche kluge Kommentare mit intelligentem Design verbindet und für Technik-Freaks so abgefahrene Tools wie einen Überläufer-Tracker, ein Mapping der Beziehungen des Regimes und eine aktualisierte Karte der Ereignisse in Syrien bereit hält. Die Seite präsentiert außerdem Geschichten aus Syrien, bisher zwei, die der wunderbare Amal Hanano geschrieben hat. Vielleicht möchtest Du den folgenden Artikel über Syria Deeply lesen, der beschreibt, wie diese Webseite Die Medien hinter sich läßt und Kriegsberichterstattung neu definiert.


Der Original-Artikel “Bashar Is bombing us.” wurde von OFF THE WALL unter Creative Commons: BY-NC-SA (Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, Weitergabe unter gleichen Bedingungen) veröffentlicht, was auch für diese Übersetzung gilt.

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Erstellt: 16.12.2012 17:59
Geändert: 16.12.2012 17:59
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