Initiative Pro Netzneutralität

Neues für Bahrain Touristen: Gasmaske wichtiger als Sonnenschutz

19.02.2012 23:54

Autor: Brian Terrell. 18. Februar 2012 für Waging Nonviolence
Übersetzung: BrunO


© Foto: Al Jazeera English CC: by-sa via flickr 

Als Zeuge von Menschenrechtsverletzungen in Bahrain unterwegs

Auf dem langen Flug in das Königreich Bahrain, am 10. Februar, habe ich mich in den Reiseführer dieser Region von Lonely Planet vertieft, um am Flughafen, falls erforderlich, erklären zu können, ich wäre als Tourist eingereist. Genau so kam es. Während die meisten Passagiere durch die Paßkontrolle flutschten, wurden meine Reisebegleiterin Linda Sartor und ich für eine genauere Befragung aus der Warteschlange genommen. Meine vage Kenntnis der historischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten derentwegen denen ich gekommen war reichte aus, um der offiziellen Überprüfung zu genügen. Uns wurden Touristen-Visa gewährt und man ließ uns weiter ziehen.

Daß wir als Touristen gekommen waren stimmte. Wir haben lediglich mit Absicht nicht erwähnt, daß wir zusammen mit ein paar anderen internationalen Aktivisten nach Bahrain eingeladen worden waren, um die Reaktion der Regierung auf Demonstrationen anläßlich des ersten Jahrestages des “arabischen Frühlings” in Bahrain zu beobachten, der Aufstand für Demokratie am 14. Februar 2011. Diese Forderung nach grundlegenden Rechten wurde von Bahrains Polizei und dem von der saudi-arabischen Armee unterstützen Militär brutal unterdrückt.

Man hätte uns sicher die Einreise in das Land verwehrt, wenn wir unsere vollen Absichten angegeben hätten, entsprechend hat einst Daniel Berrigan sinniert: “Zu wieviel Wahrheit sind wir ihnen gegenüber verpflichtet?” Tatsächlich wurden wir von Nabeel Rajav, dem Präsidenten des Menschenrechtszentrums (Bahrain Center for Human Rights) eingeladen, weil die Regierung verkündet hatte, daß Beobachter bekannter Menschenrechtsorganisationen nicht vor dem nächsten Monat Visa erhalten würden und daß der Zutritt für die internationale Berichterstattung während dieser Zeit drastisch eingeschränkt werden soll. Die Entschlossenheit der Regierung, daß es für die Ereignisse um den Jahrestag herum keine Zeugen geben darf, machte unsere Anwesenheit an diesen Tage noch schwieriger.

Am Morgen nach unserer Ankunft trafen wir uns mit den örtlichen Aktivisten und der kleinen Gruppe von US-Bürgern, die vor uns eingetroffen waren. Unmittelbar darauf waren wir in den Straßen von Manama, der Hauptstadt unterwegs und begleiteten einen Marsch zum Pearl Roundabout [Perlen-Rondell], dem Brennpunkt der Demonstrationen im letzten Jahr. Dieser friedliche Marsch von Männern, Frauen und Kindern wurde schnell von Polizei in Kampfausrüstung gestoppt und mit Tränengas und Schockgranaten [Percussion Grenate m. heftigem Blitz und Knall] auseinander getrieben. Unsere erste Begegnung mit der Polizei Bahrains kam uns teuflisch vor, doch unsere ansässigen Freunde versicherten uns, daß unsere Gegenwart einen dämpfenden Einfluß hatte. Bei diesem Marsch wurden zwei der Amerikaner, Huwaida Arraf und Radhika Sainath, die wir zuvor kennengelernt hatten festgenommen und später am Abend abgeschoben, wegen wie es von der Regierung hieß Aktivitäten, die mit ihrem Status als Touristen nicht vereinbar waren.

Unsere kleine Witness Bahrain (Bahrain Zeugen) genannte Gruppe vergrößerte sich in den nachfolgenden Tagen, selbst als mehrere Freunde die zu unserer Verstärkung angereist waren, von einem Regime am Flughafen abgewiesen worden waren, das nach der Abschiebung von Huwaida und Radhika noch wachsamer wurde. Obwohl wir sorgfältig darauf achteten, wenigstens bis zu den Ereignissen des 14ten auf freiem Fuß zu bleiben, bewegten wir uns in den Tagen danach durch Manama und die Ortschaften, hörten uns Zeugenberichte über Regierungswillkür an und begleiteten Demonstrationen und Märsche.

Am 13. Februar kamen Tighe Barry und Medea Benjamin von der Friedensgruppe Code Pink zur Verstärkung hinzu und unser bahrainischer Führer Wafa machte mit ein paar von uns eine Tour zum Zoo und Nationalmuseum. Am Nachmittag wurden wir Zeugen eines Marsches Zehntausender durch die Hauptverkehrsstraßen von Manama. Dieser Marsch wurde von den Behörden geduldet, bis sich eine große Gruppa löste, um zum Pearl Roundabout zu ziehen. Die Antwort der Polizeit war postwendend und erschreckend. Tränengas wird in Bahrein weniger zur Kontrolle von Menschenansammlungen sondern eher als kollektive Bestrafung eingesetzt – Menschen die mit Gas auseinander getrieben wurden wird nicht erlaubt sich zu entfernen, sie werden verfolgt, in die Enge getrieben und erneut mit Tränengas beschossen. Viele wurden durch direkte Treffer mit Tränengasbehältern und Schockgranaten verletzt. Wir wurden Zeugen von Schlägen und wir hörten Berichte über Verletzungen durch Schrot und Gummigeschosse.

Am tatsächlichen Jahrestag hatte die Polizei das Land lahm gelegt. Patrouillen gepanzerter Fahrzeuge rasten durch die Straßen von Maname und die die Ausgangsstraßen der Ortschaften wurden von Panzern blockiert. Trotzdem schafften es viele Hunderte auf die Straßen, viele wurden verletzt, viele festgenommen. Weitere sechs von uns wurden von den Behörden eingefangen.

Wie ich schließlich von der bahrainischen Polizei geschnappt wurde, war etwas abtörnend. Vier von uns Amerikanern und ein bahrainischer Freund nahmen einen abgelegenen Weg durch eine ruhige Straße, um uns nach dem Versuch das Rondell zu erreichen mit anderen [dort] zu treffen, als eine vorbeifahrende Polizei-Patrouille anhielt und uns nach unseren Ausweisen fragte. Ein weiteres Mal erklärten wir, daß wir als Touristen hier wären. “Wenn Sie Touristen sind”, so fragte man uns, “warum haben sie Gasmasken?”.

Ein wenige Stunden später befanden wir uns auf einer Polizeistation, wo wir zwei weitere aus unserer Gruppe trafen, die unter viel dramatischeren Umständen gefaßt worden waren. Einer nach dem anderen wurden wir aufgerufen, um mit einem Vertreter des Informationsministeriums zu sprechen und man sagte uns, daß wir um 2 Uhr nachts in einen Flug nach London gesteckt werden, da unsere Visa aufgehoben wurden. Unsere Behauptung Touristen zu sein wurde als eine Täuschung der Behörden angesehen. Meine Beteuerung des Gegenteils war nutzlos.

Bahrain ist ein kleines Insel Königreich, das die Heimat von etwa einer Million Menschen ist – von denen die Hälfte keine Staatsangehörige sind – das jährlich von acht Millionen Touristen besucht wird. Wie man uns sagte, sind viele davon Saudis, welche vom Nachtleben und vom legalen Alkohol angelockt werden. Andere besuchen die Museen und die Strände. In den von der Regierung herausgegebenen Broschüren werden Touristen dazu ermutigt, die freundlichen Menschen von Bahrain kennen zu lernen. Genau das haben wir getan und deshalb wurden wir abgeschoben.

Wir hatten das Privileg, dieses schöne und gepeinigte Land zu bereisen und die Lebensrealität der Menschen zu erfahren, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Mit Kamelfotos nicht zufrieden, sprachen wir mit Notärtzen, welche nachdem sie die Opfer der Niederschlagung im letzten Jahr behandelt hatten, selber gefoltert und wegen Volksverhetzung angeklagt wurden. Wir trafen uns mit Müttern, die um ihre getöteten oder eingesperrten Kinder trauerten und Arbeiter, die ihren Beruf nicht ausüben dürfen, weil sie lieber Freiheit bevorzugen.

Wir waren als Touristen in Bahrain, jedoch nicht um die Einkaufszentren, Golfanlagen und Museen, sondern um die Straßen und Ortschaften zu besuchen, wo die wirklichen Menschen leben und kämpfen. Jeder der Bahrain besucht und niemals eine Prise Tränengas mitbekommt, ist in der Tat kein richtiger Tourist. Für die Polizei die uns festnahm, ist Tourist mit Gasmaske eine zwecklose Ausrede und Beweis der Schuld. Für einen Touristen der die aktuelle Wirklichkeit in Bahrain kennenlernen möchte, ist eine Gasmaske unverzichtbarer als Sonnenschutz.

Die Zuversicht und Solidarität des Volkes von Bahrain wird über die Perfidität und Grausamkeit ihrer rückwärts gewandten, groben Monarchie siegen, die nur durch die blanke Gewalt ihrer Unterstützer, die Regierungen von USA und Saudi Arabien, aufrechterhalten wird. “Sumoud“, bedeutet stark und standhaft, es ist das arabische Wort mit dem sich die Widerständler in Bahrain grüßen und gegenseitig Mut machen. Ihre friedliche Stärke ist eine Herausforderung und Inspiration für den gemeinsamen Kampf, den wir an den entferntesten Enden der Welt fortsetzen. Sumoud!


Der Original-Artikel “Witnessing human rights violations in Bahrain” wurde unter der Creative Commons Lizenz: by-sa veröffentlicht. Für diese Übersetzung gilt das Lizenzmodell dieses Blogs, by-nc-sa.


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Geändert: 20.02.2012 10:59
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