Initiative Pro Netzneutralität

Teile und regiere im Goldland

05.08.2012 00:07

Autor: Frauke Decoodt, 23. Juli 2012 (spanische Fassung am 14. Juli 2012)
Übersetzung: BrunO

In San Miguel Ixtahaucán, Guatemala, hat die von Goldcorp betriebene Mina Marlin Goldmine mit Hilfe von Geschenken, Vorteilen und Gewalt indigene Gemeinden entzweit. Die Mine hat viel Schaden angerichtet. Sie hatte nicht nur auf die Umwelt gravierende Auswirkungen, sondern auch auf den sozialen Zusammenhalt der Gemeinden und Familien in der Gegend und auf ihre kulturelle Verbindung mit dem Land.

Seit einem Überfall hat Doña Deodora ein Glasauge - Foto: Frauke Decoodt
Doña Deodora hat nur noch ein Auge. Das andere verlor sie 2010 als Ortsansässige, Angestellte einer Minengesellschaft eines Nachts zu ihrem Haus kamen und auf sie schossen. Es war nicht das erste mal, daß sie angegriffen wurde. Ein paar Jahre zuvor hat ein lokaler Beamter eine Machete an ihren Hals gehalten. Er verletzte sie nicht, weil Doña Deodora ihre kleine Tochter in ihren Armen hielt.

Doña Deodora erzählt ihre Geschichte in einer Mischung aus gebrochenem Englisch und ihrer Muttersprache Mam. Sie ist 58 Jahre alt und sieht arm und bescheiden aus. Deodora lebt davon auf dem Land ihrer Gemeinde im Stadtbezirk von San Miguel Ixtahaucán ihre Tiere zu halten. Der Ort liegt in der San Marcos Region nahe der mexikanischen Grenze. San Miguel war schon immer eine isolierte, gebirgige Gegend, in der indigene Bewohner von landwirtschaftlicher Selbstversorgung leben und als Saisonarbeiter zu den Kaffeeplantagen an der Küste ziehen. Zufällig war es genau in dem Jahr, als der Bürgerkrieg endete und der Friedensvertrag unterzeichnet wurde. 1) Ab 2005 begann Goldcorp mit seiner staatlichen Tochtergesellschaft Gold und Silber in ihrer von ihnen so genannten “Marlin Mine” zu fördern.

“Von den eigenen Brüdern angegriffen”

Ein paar Meter von Doña Deodoras Haus entfernt kann man das riesige Loch im Berg erkennen. Deodora ist die einzige in ihrem Dörfchen, die nicht ihr Land verkauft hat und nicht in der Mine arbeitet. Ersuchen und Drohungen, damit sie ihr Grundstück verkauft, gibt es fast täglich. Sie klagt: “Sie wollen mich und meine Familie umbringen. Wir haben hier in Frieden gelebt. Nun gibt es hier so viel Furcht, Alleingelassenheit, Schmerzen und Kummer.” Ein Aktivist aus der Gegend verdeutlicht: “Diese Angriffe kommen aus unserer eigenen Gemeinde, von unseren Brüdern. Brüder denen das Unternehmen nicht gehört, die es aber verteidigen.”

Bewohner sehen auf die Marlin Mine - Foto: Frauke Decoodt
Die Strategie, eine Bevölkerung auseinander zu dividieren, um ihren Widerstand zu brechen, ist in Guatemala üblich. Dies ist auch keine neue Strategie. Am anderen Ende von Guatemala, an der Grenze zu Honduras, wo Gemeinden ebenfalls der Intrusion von Bergbau-Unternehmen ausgesetzt sind, mahnt ein Indigener namens Chort’í seine Mitstreiter, sich an die spanische Eroberung zu erinnern. “Sie kooptierten Anführer und jene welche die Indigenen umbrachten waren selber welche. Die Minen kaufen unsere Führer, um uns auseinander zu dividieren und unseren Kampf zu sabotieren.”

Mit Geschenken auseinander dividieren

Carmen Mejía - Foto: Frauke Decoodt
San Miguel Ixtahaucán ist arm, unwirtlich und kalt. Wenn man sich der Mine nähert, sieht man neue Schulen, Gemeindehäuser, Gesundheitszentren und kaum Anti-Bergbau Graffitis. Was man weniger sieht, obwohl genauso radikal verändernd wie die neuen Straßen, ist die durch die Mine verursachte soziale Spaltung. “Es gibt drei Gruppen”, erklärt Carmen Mejía, eine junge Mutter und eine Frau aus der ersten Reihe des Widerstandes gegen die Mine. “Ein paar stehen auf unserer Seite und andere halten zum Unternehmen. Eine andere Gruppe, die Mehrheit, fürchtet sich, seine Meinung zu sagen.” Carmen gibt zu, daß es auch vor der Ankunft von Goldcorp innerhalb der indigenen Gemeinschaft Meinungsverschiedenheiten gab, “doch es herrschte Harmonie. Innerhalb der Gemeinden und Familien herrschte Frieden. Mittels Täuschung konnte sich das Unternehmen hier ansiedeln”.

Salomón Bámaca ist ein hochgewachsener, armer Bauer in seinen Vierzigern, seine Worte und seine Gestik strahlen Weisheit aus. Er wohnt so nah an der Mine, daß sein Grundstück bebt, wenn Sprengstoff eingesetzt wird. “Als das Unternehmen 1999 ankam um Land zu kaufen, brachten sie viele Dinge mit. Von da wo jetzt die Mine liegt, konnte man Parties hören.” Bámaca, der ein Jahr lang indigener Bürgermeister war erklärt, daß das Unternehmen den lokalen Behörden Geschenke, Geld und Infrastruktur-Projekte anbot, um ihre Unterstützung zu gewinnen.

Der örtliche Priester ist kein indigener Mam, sondern Belgier. Nach 27 Jahren in dem Dorf spricht er besser Spanisch als Flämisch. Erick Gruloos ist der Ansicht, daß Goldcorp die Gemeinde zu sehr gespalten hat. Er ist gegen die Mine doch er versteht, warum viele Leute es nicht sind. “Die Leute, welche sich gegen die Mine aussprechen, finden keine Arbeit oder verlieren sie. Nicht nur in der Mine, sondern innerhalb der Gemeindeverwaltung, der Justiz oder sogar als Bauarbeiter oder Lehrer. Die Mine ist allgegenwärtig. Sie gibt Arbeit und zeigt wo es Widerstand gibt. Einige Gemeinden sind nun auf der Seite der Mine. Es ist verständlich, daß nahezu niemand solchem Druck widerstehen kann. Die Leute müssen klein bei geben, damit ihre Kinder essen und studieren können und eine besser Zukunft haben.”

Entwicklung… für wen?

Die Befürworter des verantwortungsbewußten Bergbaus argumentieren, wenn die Mine Arbeit bietet, die lokale Entwicklung voran treibt, Schulen und Gesundheits-Einrichtungen baut und eine gute Beziehung zu den lokalen Behörden hat, dann ist dies “verantwortungsbewußter Bergbau”.

“Das Unternehmen ist nicht hier, um soziale Arbeit zu leisten und die Menschen aus der Armut zu befreien”, sagt Javier De León von ADISMI 2), eine treibende Kraft hinter dem Widerstand gegen die Mine. “Es ist hier, um Gewinn zu machen.” Nach den Geschäftsberichten an seine Investoren hat die Marlin Mine 2011 607 Millionen Dollar Profit generiert. Es zahlte 1 Prozent – weniger als 9 Millionen Dollar – an Nutzungsgebühren an Guatemala. Über die Höhe der gezahlten Steuern gibt es keine öffentlich zugänglichen Daten. Noe Navarro, ein junger Bauer, der ebenfalls von ADISMI ist fügt hinzu: “Es gibt ungefähr 35 Tausend Einwohner in San Miguel, etwa 700 arbeiten für die Mine. Das Unternehmen bietet ein paar von ihnen Jobs an. Goldcorp sagt, es gäbe keine extreme Armut mehr hier, doch wir sehen eine andere Wirklichkeit. Wir bleiben arm. Die Allgemeinheit hat keinen Nutzen davon.”

Bewohner von San Miguel - Foto: Frauke Decoodt
Es gibt aber Schäden für die Allgemeinheit, die von den Ortsansässigen aber auch in Studien nationaler und internationaler Organisationen hervor gehoben werden. 3) Die Wände von Lehmziegel- und Stampflehm-Häusern haben Risse, es gibt außerdem Kilometer lange Erdspalten. Wasser wird knapper und mancherorts ist es mit Arsen kontamimiert. Erkrankungen der Haut und Haarausfall wurden berichtet. Genug Beschwerden für die CIDH 4) [Inter-Amerikanische Kommission für Menschenrechte], um 2010 eine zeitweilige Einstellung der Aktivitäten in der Marlin Mine anzuordnen. Die Bewohner leiden zusätzlich unter zahlreichen indirekten Beeinträchtigungen. Die Kosten für Wohnen und Grundnahrungsmittel sind gestiegen, die Grundstückspreise haben sich verdreifacht. Mehr Geld für ein paar bedeutete auch mehr Bars, Waffen, Gewalt, Raub und Verbrechen.

Mit Gewalt auseinander dividieren

“Als wir sahen, wieviel Geld und Gold die MIne produziert und wie sie uns abgesehen von den Geschenken mit riesigen Schäden zurück ließ, fingen wir an, uns zu organisieren. Von da an gab es mehr Überfälle, Repression und Drohungen”, erinnert sich Javier De León.

Friedliche Proteste wurden kriminalisiert und mit unverhältnismäßiger Gewalt beantwortet. Das Unternehmen verfolgte zahlreiche Aktivisten, einige sind im Gefängnis, andere sind von Haftbefehlen bedroht. Die Justiz reagiert jedoch nicht auf Klagen gegen das Unternehmen oder seine Arbeiter. Wenn sie dies tut, sind die Strafen gering. Darüber hinaus haben die guatemaltekische Regierung und Goldcorp die Anordnungen der CIDH ignoriert.

Die Straffreiheit und Repression des Unternehmens und der Regierung demobilisiert die Protestierenden und verstärkt das gewaltsame Vorgehen von Arbeitern und anderen Bewohnern, welche die Mine unterstützen. Die Mehrzahl der Aktivisten wurde bei verschiedenen Gelegenheiten durch Selbstjustiz, Beleidigung, Demütigung und Morddrohungen eingeschüchtert. Viele wurden geschlagen, andere wie Javier De León [und Doña Deodora] wurden beschossen, manche wie die Familie Bamacá wurden terrorisiert.

Lencho mit seiner Familie - Foto: Frauke Decoodt
“Mit der Gewalt hoffen sie, uns zu vertreiben. Drei benachbarte Gemeinden sind gegen mich und ein paar lokale Führer haben gedroht, mich umzubringen.” Florenzo Yuc, der von allen Lencho genannt wird, ist 46 Jahre alt und hat 12 Kinder. Er ist ein sehr armer Bauer, doch er besitzt ein wenig Land, das ihm sein verstorbener Großvater hinterlassen hat. Die Mine hat hunderte an Landparzellen von Bauern erworben, ihnen Arbeit und Geld angeboten und Drohungen, sie zu vertreiben. Doch Lencho will nicht verkaufen. “Sie baten meine Familie, mich zu überzeugen. Ich geriet mit meinem Vater und meinen Brüdern in einem Kampf. Meine gesamte Familie steht hinter der Mine, die meisten arbeiten dort. Sie betrachten mich nicht mehr als Familienmitglied. Dies geschieht in vielen Familien. Dies ist die ‘Entwicklung’, die uns das Unternehmen gebracht hat.”

Das Land kann man nicht verkaufen

Lencho ist macht es ganz deutlich: “Ich möchte mein Land nicht verkaufen, ich möchte mich nicht verkaufen, nicht meine Kinder, meine Gemeinde, meine Leute. Wir haben kein Geld, um irgend etwas zu kaufen, doch das Land gibt uns alles. Wenn das Unternehmen hergeht und dies wegnimmt, was soll dann aus uns werden? Geld ist schnell weg, doch das Land wird immer hier sein.” Javier von ADISMI erklärt, daß die Mine nicht nur den sozialen Zusammenhalt der Gemeinden und Familien weg bulldozert, sondern auch die traditionelle Kultur der Selbstversorgung. “Sie überzeugen uns, daß wird viele Sachen brauchen und deshalb Lohnarbeit aufnehmen sollen. Sie wollen uns in bloße Konsumenten umwandeln. Wir entfremden uns von unserer eigenen Identität.”

Man kann den Widerstand der Bewohner von San Miguel Ixtahaucán gegen die Mine nicht verstehen, wenn man zuvor nicht die sehr spezifische und heilige Beziehung versteht, welche indigene Völker zu ihrem Land haben. Die Worte Noe Navarros von ADISMI beleuchten dies. “Als die Spanier kamen, nahmen sie Küstenregionen und fruchtbare Gebiete in Besitz und wir mußten in die Berge ziehen. Nun kommen sie wieder und jagen uns weg, um das Gold unter unseren Grundstücken zu nehmen. Sie möchten die indigene Bevölkerung einfach eliminieren” Unglücklicherweise sehen dies viele als eine nützliche Tätigkeit an. Zwischen 2006 und 2011 ist der Goldpreis um mehr als 150 Prozent gestiegen und Silber um 480 Prozent. “Dies ist weiterer Anreiz, das Leben der vom Bergbau betroffenen Menschen nicht zu respektieren”, folgert der ehemalige indigene Bürgermeister Bamacá. “Es zeigt auch, daß die Aktionäre und Käufer von Gold keine soziale Verantwortung haben.”

Indigene Bewohner aus ganz Guatemala kamen nach San Juan Sacatepéquez um ihrem Protest gegen Mega-Projekte wie Bergbau auf ihrem Land Ausdruck zu verleihen - Foto: Frauke Decoodt
Der Widerstand gegen die Marlin Mine war enorm und eine Inspiration für viele ähnliche Anstrengungen indigener Menschen innerhalb und außerhalb von Guatemala. Sie sind national und international bekannt. Trotzdem, so sagt Salomon Bamacá, der ehemalige indigene Bürgermeister, fühlen sie sich vor Ort im Stich gelassen. “Der Widerstand ist verschwunden, überwiegend wegen all dem Geld, den Arbeitsangeboten, den Geschenken, der Gewalt, Einschüchterung und Straflosigkeit.” Sie auszulöschen, wie Noe Navarro befürchtet, wird trotzdem nicht einfach sein. Lencho wiederholt einen oft in San Miguel und Guatemala gehörten Satz: “Wenn ich mein Blut vergießen muß, dann wird es für das Land und für das Recht zu leben sein.”


Quelle der spanischen Fassung: Dividir y vencer en la tierra de oro
Quelle der englischen Fassung: Divide and rule in the land of gold

© Text und Fotos Frauke Decoodt Creative Commons: BY-NC (Namensnennung und keine kommerzielle Verwendung). Für die Übersetzung gilt das Lizenzmodell dieses Blogs (CC: BY-NC-SA).


Fußnoten:

  1. Die Menschen in Guatemala haben 36 Jahre eines bewaffneten Konfliktes durchlebt, in dem nach Angaben der Vereinten Nationen 250.000 Menschen starben und ein Genozid stattfand. 93% der Verbrechen wurden von der Armee begangen. Einer der Hauptgründe für den Konflikt war die ungleiche Landverteilung, bei der 2% der Bevölkerung 70% des fruchtbaren Landes kontrollierte. Eine Reihe dieser Großgrundbesitzer waren multinationale Konzerne. In Guatemala ist vieles noch beim Alten.
  2. “Asociación para el Desarrollo Integral de San Miguel Ixtahaucán” oder Integral Development Asociation of San Miguel Ixtahaucán
  3. Für einen gründliche Analyse und Bibliographie zum Mina Marlin Fall siehe James Anaya, UN 2010, A/HRC/18/35/Add.3 http://unsr.jamesanaya.org/special-reports/observations-on-the-situation-of-the-rights-of-the-indigenous-people-of-guatemala-with-relation-to-the-extraction-projects-and-other-types-of-projects-in-their-traditional-territories
  4. Comisión Interamericana de Derechos Humanos (IACHR) oder Inter-Amerikanische Kommission für Menschenrechte

Im April 2012 präsentierte Goldcorp seinen Aktionären einen Sanierungsplan für San Miguel, wenn die Mine 2018 geschlossen wird. Goldcorp prognostiziert, daß man 29 Millionen Dollar ausgeben wird, bisher sind jedoch nur 1 Million zurück gelegt. Nach Amnesty International schätzen unabhängige Experten die wahren Sanierungskosten auf mindestens 49 Millionen Dollar.


Zur weiteren Information oder Kontaktaufnahme:


San Miguel auf Youtube:


GlobalVoices vom 31.07.2012:

Guatemala: Mining Community Organizes Peoples’ Health Tribunal


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Erstellt: 05.08.2012 00:07
Geändert: 05.08.2012 00:17
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=109

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