Initiative Pro Netzneutralität

Syrien-Extra: Die Medien generieren den "Al Qaida Mythos"

14.04.2013 21:52


Autor: Joanna Paraszczuk für EAWorldView, 11. April 2013
Übersetzung: BrunO


© Foto: Vestman CC: BY via flickr 
Dies ist die Geschichte einer Geschichte.

Oder eigentlich, dies ist die Geschichte, wie ein Mythos aufgebaut wurde --- der Mythos, daß Al Qaida Teile des syrischen Aufstandes übernommen hätte.

Dies ist die Geschichte, wie dieser Mythos --- von der Unfähigkeit Quellen zu prüfen genährt, laßt sie uns nur verwerten, durch Übertreibung und Verzerrung zustande gekommen --- das Versagen der Medien beleuchtet, über wichtige Entwicklungen zu berichten. Noch wichtiger, er zeigt, inwiefern dieses Unvermögen politische Folgen haben kann, die kontraproduktiv und gefährlich sind und zu schlechten Entscheidungen der politisch Verantwortlichen beitragen.

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Am Mittwoch [10.04.2013] tauchte eine Audio-Datei auf. Angeblich enthielt sie eine Erklärung von Abu Mohammad al-Golani, einer der führenden Köpfe der syrischen, islamistischen Aufständischengruppe Jabhat al-Nusra.

In Erwiderung einer vorausgegangenen Erklärung von Abu Bakr al-Baghdadi, dem Führer des Islamischen Staates im Irak (ISI) betonte al-Golani, daß es sich bei Jabhat al-Nusra um eine lokale Gruppe handelt. Er sagte, die Aufständischen würden weiterhin unter der Flagge JAN (Jabhat al-Nusra) und nicht unter ISI operieren.

Mit anderen Worten, die Islamische Fraktion --- die sich besonders in Offensiven hervor tat, Ortschaften und Städte in Nordsyrien zu übernehmen, die daran beteiligt war, lokale Verwaltungen einzurichten und eine Grundversorgung bereit zu stellen --- antwortet weder al-Baghdadi, dem ISI, noch einer anderen fremden Kampfeinheit. Ihr Ziel sei ein "von den Aktionen des Volkes und dem Rat der Gelehrten" bestimmter islamischer Staat.

Das ist ein wichtiges Merkmal der syrischen Krise. Ob nun Jabhat al-Nusra eine "Terroristen-Gruppe" ist, wie die amerikanische Regierung erklärt hat, ob ihre Ansichten zu Politik, Recht und Gesellschaft für die Syrier gut sind oder nicht, sie "befreit" --- sie hat sich als eine syrische Gruppe etabliert, welche für die Zukunft des Landes von Bedeutung sein wird.

Das Problem ist, daß fast niemand in den westlichen Medien dies auch nur für einen kurzen Augenblick wahrgenommen hätte. Sie konnten dies nicht, da sie bereits völlig außer Atem erklärt hatten, JAN hätte sich mit "Al Qaida im Irak" zusammen geschlossen.

Diese Story wurde am Montag nach al-Baghdadis Erklärung in Umlauf gebracht, die behauptete "daß es sich bei Jabhat al-Nusra lediglich und eine Abteilung und um einen Teil des Islamischen Staates im Irak handeln würde".

Die Medien hätten diese Erklärung hinterfragen können. Sie hätten die politischen Motive und Manöver al-Baghdadis unter die Lupe nehmen können. Wenn sie das getan hätten, hätten sie womöglich festgestellt, daß al-Baghdadi zwar eine Vereinigung von ISI und Jabhat al-Nusra verkündete, in Wirklichkeit aber versuchte, den Anschein einer solchen zu erwecken. Sie hätten vielleicht verstanden, daß diesem Versuch zum Teil Angst zugrunde lag --- sowohl ISIs Besorgnis über die wachsende Unterstützung westlicher Länder für die Aufständischen, als auch dessen Befürchtung, daß Fraktionen innerhalb der Aufständischen einschließlich Jabhat al-Nusra nicht wirklich ISIs "Führungsrolle" wollen.

Stattdessen gab Associated Press Beirut diese Kurzmeldung heraus:

Al Qaidas Zweig im Irak und die stärkste extremistische Rebellengruppe in Syrien haben sich offiziell gegen Präsident Bashar Assad zusammen geschlossen, um im Mittleren Osten eine militante Truppe mit außerordentlichem Potential zu bilden.

Inzwischen berichtete die BBC:
"Al Qaida im Irak hat zum ersten Mal bestätigt, daß eine prominente in Syrien kämpfende Jihadisten-Gruppe Teil seines Netzwerkes ist."

Achten Sie auf das Verb. Nicht festgestellt oder behauptet, sondern bestätigt. Folglich war al-Baghdadi nicht mit einer PR-Kampagne beschäftigt, die ihm Autorität verschaffen sollte. Er bestätigte eine längst feststehende Tatsache.

Diese mangelhafte Berichterstattung über Jabhats Position gegenüber Al Qaida ist keine unvorhergesehene Entwicklung. Sie spiegelt eher die Voreingenommenheit vieler Journalisten wieder, syrische --- und andere --- islamistische Aufständische als Teil einer wachsenden globalen "jihadistischen" Bedrohung zu sehen. Somit ignorieren sie die Bedeutung von JAN und anderen als einheimische Gruppen, die vor Ort agieren.

Weshalb falsche Berichterstattung nicht egal ist

Die oben zitierten AP und BBC Berichte haben die Erklärung [al-Baghdadis] nicht nur mißverstanden --- oder bestenfalls zu sehr vereinfacht. Sie bezeichneten al-Baghdadi als Chef von "Al Qaida im Irak", während er der Führer des Islamischen Staates im Irak ist, eine noch bedeutendere Gruppe, wenn auch mit einem weniger bedrohlichem Namen. Ohne zu hinterfragen gingen sie davon aus, al-Baghdadis Audio-Botschaft wäre echt und machten eine "offizielle" Erklärung daraus.

Danach kombinierten sie die Fehler.

Sowohl AP wie Al Jazeera English berichteten, daß eine "mit Jabhat al-Nusra in Zusammenhang stehende Internetseite" den Zusammenschluß bestätigt hätte.

Bei genauerem Hinsehen jedoch, hat die in beiden Berichten erwähnte Internetseite --- ein Blog namens al-Muhajir al-Islami --- weder etwas mit Jabhat al-Nusra zu tun, noch "bestätigte" sie den Zusammenschluß von Islamischer Staat im Irak und den syrischen Aufständischen.

Dieser Blog veröffentlichte einen Meinungs-Artikel --- des arabischen Schriftstellers Mohammad Mahmoud und zirkulierte auf Jihadisten-Seiten und in den sozialen Medien --- der al-Baghdadis Erklärung verteidigte und sagte, dies wäre der richtige Schachzug des ISI, da der Westen andere Fraktionen der Aufständischen immer weiter bewaffnet.

Zu keinem Zeitpunkt jedoch wies Mahmoud darauf hin, daß al-Baghdadi einen Fakt verkünden würde. Er lobte die Intention.

Weil nun AP und Al Jazeera English bereits irrtümlich angenommen hatten, dies sei eine Erklärung von Jabhat al-Nusra, waren sie nicht in der Lage, diesen Unterschied zu erfassen. Stattdessen ließen sie und ihre medialen Partner die "lokale" Dimension der Geschicht aus.

Danach, 24 Stunden später, würden diese Sprachrohre aus der Audio-Botschaft von Jabhat al-Nusras al-Golani etwas Falsches heraushören --- oder sie lieber überhaupt nicht hören und stattdessen irrige einzeilige Zusammenfassungen davon verbreiten --- um ihre irregeleiteten Schlagzeilen zu bestätigen.

Hier kann es sich nicht um eine Geschichte über das handeln, was tatsächlich vor Ort passiert. Es muß eine Geschichte darüber sein, wie Al Qaida® westliche Interessen in einem Stellvertreterkrieg bedroht.

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Es ist deshalb kein Zufall, daß es die Medien am Mittwoch vorzogen, die Geschichte von al-Golanis Audio-Botschaft als "Al-Nusra gelobt Treue zu Al Qaida" zu verkaufen.

APs Zweig in Beirut verbiegt die Geschichte noch weiter, man prescht nicht nur mit al-Golanis "Treueschwur" gegenüber Al Qaida vor sondern behauptet, daß der JAN-Führer "zum ersten Mal bestätigt hat, daß zwischen seiner Rebellengruppe und Al Qaida im Irak eine Verbindung bestünde".

AP gab sich keinerlei Mühe zu erwähnen, daß al-Golani sage, JAN sei eine lokale Gruppe die unter ihrem eigenen Banner operiert und behauptet stattdessen, daß "er nicht leugnete, sie hätten sich zusammen geschlossen".

Wechseln wir zum "Analysten" Brian Fishman von der New America Foundation, der die Gelegenheit ergriff, für Foreign Policy einen Artikel zu schreiben.

Fishman legt seine Karten sofort auf den Tisch und gibt offen zu, daß die Wahrheit der Geschichte nicht wichtig ist. In der Tat, was in Syrien vor Ort passiert ist nicht wichtig. Für Fishman zählt nur das reine Bild: "Relevant... ist nicht, ob Baghdadis Erklärung echt ist. Die wichtigen Fragen die man stellen muß lauten eher, wer entschied, unter welcher Marke das Ganze verkauft wird."

Unwissentlich hat Fishman damit den Nagen auf den Kopf getroffen --- "Al Qaida" ist eine Medien-Marke, ein Platzhalter, der eine Reihe von Werten transportiert, die alle genau das Gegenteil der "Werte" im Westen sind.

Nachdem dies so ist, bleibt Fishman deshalb seiner Bestimmung treu, die Wahrheit oder unbequeme Fakten daran zu hindern, eine Geschicht die gut Angst macht zu stören. Jabhat al-Nusras Führer al-Golani erklärte, daß JAN nicht mit dem Islamischen Staat im Irak in Verbindung steht, doch Fishman informiert uns darüber, daß nun die Frage "droht", "wie sich al-Nusras offene Verbindung zu Al Qaida auf seine Beziehungen zu anderen Rebellen-Gruppen auswirken wird, die gegen Assad kämpfen".

Beim weiteren Ausführen seines Themas der Kreation einer Marke merkt Fishman an, daß das "interessanteste Ergebnis" der "Erschaffung der ISIGS" --- einer nicht existierenden Gruppe --- darin besteht, daß der mythenhafte Al Qaida Chef Ayman al-Zawahiri immer noch im Amt ist.

Fishmans Beweis besteht darin, daß am Montag al-Zawahiri ebenfalls eine Erklärung veröffentlicht hat. Obwohl er keinerlei bedeutsame Informationen über die Erklärung liefert --- z.B. deren Bezug zu der Situation in Syrien --- versichert er dem Leser, daß die Gleichzeitigkeit mit der Erklärung vom Islamischen Staat im Irak auf einen "hohen Grad der Koordination mit Zawahiris Presse-Team" hinweist.

Weil dies eine Frage von Marketing ist, muß man den politischen Sachverhalt vor Ort nicht berücksichtigen. Ohne eine über die Erklärungen von Zawahari und al-Baghdadi hinaus gehende Untersuchung --- die er in voller Länge gelesen haben mag oder auch nicht, im Gegensatz zu einer übersetzten Zusammenfassung --- kann Fishman verlautbaren:

Al Qaidas Rolle innerhalb von Jabhat al-Nusra ist nun weitgehend bestätigt, was nicht weiter ermöglicht, sich hinter der Marke "Einheimisch" zu verstecken

Es macht Sinn, daß der Islamische Staat im Irak -- welcher die Legitimität der im mittleren Osten existierenden Grenzen grundsätzlich ablehnt -- seine unverholenen Gebietsansprüche bis auf Teile von Syrien ausweiten wird.

Doch kennt Fishman die Audio-Botschaft von Jabhat al-Nusras al-Golani? Das tut er und das führt zu einer putzigen Wendung, wenn auch zu einer die in der "Analyse" versteckt ist.

Fishman erkennt, daß al-Golanis Erklärung --- da sie Jabhat al-Nusras Unabhängigkeit betont --- seine These nicht unterstützt. Das ist jedoch kein Problem, denn al-Golanis Erklärung ist "zusammenhangslos".

So kann Fishman fortfahren und den klaren Hinweis ignorieren, daß sich die syrischen Aufständischen nicht mit dem irakischen Zweig von Al Qaida verbünden. Das Marketing wird nun mit einer politischen Empfehlung verbunden, wie mit der nicht existierenden Allianz umzugehen sei:

Die neue Markenauszeichnung von Jabhat al-Nusra könnte die juristischen Hürden senken, diese Gruppe mit Drohnen anzugreifen.

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Fakt ist, daß eine lokale syrische Fraktion, wenn auch eine der bedeutendsten innerhalb der Aufständischen, auf den Druck einer mächtigen ausländischen Gruppe mit dem Bestehen auf ihrer Unabhängigkeit geantwortet hat. Sie hat zu verstehen gegeben, daß ihre Aktionen, ihr politischer und gesellschaftlicher Ansatz während und nach dem Konflikt von ihren Interessen in Syrien bestimmt sind.

Dies ist jedoch eine schwer zu verstehende Geschichte, berücksichtigt man die grundlegenden Komplexitäten eines sich schnell verändernden Konfliktes mit mehren Akteuren. Deshalb wählen die westlichen Medien und Analysten wie Fishman die einfachere wenn auch falsche Konstruktion, wie sich Al Qaida in Teilen der Aufständischen breit macht und nutzen die übliche Vereinfachung des Massenbewußtseins aus, Wir gegen Die.

Doch wie können sie in diesem Fall an dieser Konstruktion festhalten?

Jabhat al-Nusras al-Golani liefert ihnen mit seinem Lob der Gedanken von Al Qaidas al-Zawahiri einen Rettungsanker --- wie auch einen Aufhänger für Schlagzeilen --- was die Medien mit "Loyalität" übersetzen.

Diese Behauptung der Loyalität ist jedoch ein Trugschluß: al-Golanis Erklärung, daß er die Werte von al-Zawahiri teilt, ist etwas anderes als der Wunsch, ein regionaler Ableger von Al Qaida zu werden. Sympathie für eine Variante des Islam auszudrücken heißt nicht, militärische Operationen an eine Gruppe in einem anderen Land, in diesem Fall an "Al Qaida", zu übergeben. Al Qaida wurde in den vergangen Jahren dezimiert und ist nicht mehr als eine laute PR-Kampagne.

Es besteht die paradoxe Gefahr, daß die westlichen Medien, indem sie die falsche Geschichte von Al Qaida in Syrien fabrizieren, womöglich helfen, sie wahr werden zu lassen. Wenn Proklamationen lokale wie auch westliche Entscheidungsträger zu einem harten Kurs drängen, wie etwa Fishmans Drohnenangriffe oder andere verdeckte Angriffe auf Jabhat al-Nusra --- oder indem tatsächlich versucht wird, den Konflikt stärker zu beeinflussen, indem "gute" Aufständische belohnt und "böse" Aufständische bestraft werden --- dann könnte es zu Polarisierung und "Extremismus" kommen.


Quelle des Originalartikels: "Syria Special: The Media Creates the "Al Qa'eda Myth"
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Erstellt: 14.04.2013 21:52
Geändert: 14.04.2013 21:52
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