Initiative Pro Netzneutralität

Twister als Alternative zu Twitter

15.01.2015 14:58


Sorry, no blue birdy here! © Foto: Jay Ebberly CC: BY via flickr 


Als ich das erste Mal von Twitter hörte oder las, machte dieser Service wenig Sinn für mich. 2009 habe ich mich mehr oder weniger aus Neugier doch angemeldet und erkannte schnell, wofür Twitter für mich zu gebrauchen ist. Für mich wurde Twitter zu einer neuen Dimension des Internets. Das Internet ist im Grunde nichts anderes als miteinander verknüpfte Textstellen, unabhängig davon, an welchem Ort sich diese befinden. Genau das bedeutet HTTP (Hyper Text Transfer Protokoll). Technisch gesehen verarbeitet der Browser tatsächlich nur reinen Text, über den aber sowohl die Art der Darstellung (Formatierung) als auch Bilder und andere Medien transportiert werden können. Wenn das Internet also im Prinzip aus Links besteht, so fügt das Twitterprinzip Meta-Links hinzu. Meta-Links sind Links mit Kommentar oder kurzer Beschreibung. Mehr ist mit 140 Zeichen sowieso nicht drin.

Natürlich kann man Twitter einfach nur zum Hallo sagen oder für minimalistische Chats benutzen. Viele User wissen tatsächlich nicht mehr damit anzufangen und Twitter hatte am Anfang wohl selber keine andere Idee. Doch die wirkliche Power von Twitter ergab sich aus diesen Meta-Links und deshalb ist Twitter heute für Aktivisten und NGOs nicht mehr wegzudenken.

Twitter hat lange nicht wirklich Geld verdient und war in dieser Zeit recht gut. 2013 setzte mit dem Börsengang eine Entwicklung ein, die Grund genug wäre, den Service wieder zu verlassen. Twitter war sich bewußt, ein wichtiges Nachrichtennetzwerk geworden zu sein, doch nun galt es wohl, die Erwartungen der Aktienbesitzer auf Wachstum und Profit mittels Werbeeinnahmen zu erfüllen und erfolgreich mit Facebook zu konkurrieren. Inzwischen wird gemunkelt, daß Twitter filtert, was es dem User in seiner Timeline anzeigt. Automatisches Entfolgen oder Folgen soll auch schon vor gekommen sein. Manche berichten, bestimmte Inhalte nicht retweeten zu können. Mein allererster Account unter meinem Realnahmen hat übrigens nie funktioniert. Ich konnte nichts posten.

Selbst wenn man Twitter dafür loben muß, gegen die Herausgabe von Nutzerdaten an amerikanische Schnüffelbehörden geklagt zu haben und im NSA-Skandal nicht besonders aufgefallen zu sein und selbst wenn es sich bei den beschriebenen Irritationen nur um technische Störungen gehandelt haben sollte, gibt es prinzipielle Gründe, weshalb Alternativen zu Twitter bitter nötig sind.



Twitter ist ein zentraler Dienst. Dessen Server stehen in den USA, im Land der National Security Agency. Zentrale Dienste geben den Betreibern einen großen Einfluß. Sie haben die Möglichkeit, den Service unbeobachtet zu manipulieren. Selbst wenn sie dies nie tun sollten, sind wir ihrem guten Willen ausgeliefert. Des weiteren ist es recht einfach, einen zentralen Dienst in einem anderen Land zu blockieren, z.B. in der Türkei oder in China.

Dem kann man durch einen dezentralen Dienst begegnen. Etwa so, wie es Diaspora tut. Eine durchweg empfehlenswerte Alternative zu Facebook. Wer aber lieber etwas schnelleres und schlankeres nutzen möchte, ist mit GNUsocial schonmal besser als mit Twitter bedient. Eine Instanz für Diaspora oder GNUsocial kann theoretisch jeder auf seinem eigenen Webspace aufsetzen und hat somit eine gute Kontrolle über seine Daten. Eine Subdomain genügt, um im WWW für andere sichtbar zu sein.

Soweit ich das mit bekomme, betreiben nur wenige ihr eigenes Diaspora. Bei GNUsocial kommt das häufiger vor. Solche dezentrale, "föderierte" Netzwerke entsprechen der ursprünglichen Idee des Internets viel besser als Twitter und Co. Fällt ein Server bzw. eine Instanz aus, kann man sich zur Not woanders registrieren oder eine eigene Instanz aufsetzen und ist damit wieder im Netzwerk. Ist Twitter down oder geblockt, hat man eben Pech. Derzeit sieht es aber leider noch nicht so aus, als ob die Mitnahme der eigenen Daten einschließlich aller mühselig gesammelten Kontakte zufriedenstellend funktionieren würde. Bei Diaspora habe ich es nicht probiert, auf GNUsocial hat es bei mir nicht geklappt.

Möglicherweise wird dies irgendwann problemlos möglich sein. Die Software dezentraler Netzwerke wird ständig weiter entwickelt. Mit RedMatrix ist ein weiteres dezentrales "facebookähnliches" Netzwerk entstanden, welches durch sein Konzept der nomadischen Identitäten Userdaten und Kontakte von vornherein portabel macht. Schade ist nur, daß damit wieder mal ein Parallelansatz zu schon Bestehendem gestartet wurde, anstatt die Kräfte gegen den Kommerz zu bündeln.



Stellen wir uns nun etwas ganz Utopisches vor, um Twister zu verstehen:

Wir haben doch alle einen Computer und einen Internetzugang. Warum können sich unsere Rechner nicht direkt miteinander verbinden? Warum können wir nicht einfach alle unsere Rechner miteinander verbinden und ein Netzwerk bilden? Wozu von Diensten abhängig sein?

Diese Utopie ist längst Wirklichkeit! Solche Netzwerke nennt man Peer to Peer Netzwerke. Twister ist ein solches Netzwerk. Leider ist soetwas technisch sehr aufwendig. Der Hauptautor Miguel Freitas fing Mitte 2013 mit der Entwicklung der hierfür nötigen Software an. Er begann, Bitcoin- und Bittorrent-Technologie für einen Nachrichtendienst umzustricken.

Die Twister-Software besteht in der ursprünglichen Unix-Variante aus einem Daemon, der als lokaler Server fungiert und aus einem in JavaScript und HTML geschriebenen Client. Sie ist immer noch im Alphastadium, d.h. eigentlich noch nicht für normale Benutzer vorgesehen. Nach einem anfänglichen Angriff auf das Netzwerk, bei dem viele User ihre Accounts für immer verloren, funktioniert mittlerweile aber alles recht gut.

Eine Hürde war bisher, daß man sich den Deamon selber kompilieren mußte. Daran sind sogar Fachleute gescheitert, weil man dazu seinen Rechner auf den selben Stand wie den der Entwickler bringen muß. Ich mußte selbst auf Debian Testing eine Menge Entwicklerbibliotheken nachinstallieren und für eine mußte der Pfad manuell an den Compiler übergeben werden. Das erfordert eine gewisse Hartnäckigkeit, viel Zeit und Frust-Toleranz.

Auf der Twister-Webseite heißt es dazu treffend: If you choose to continue you probably must fall into one of the following categories: 1) You are a developer. 2) You are an early adopter (who wants to reserve your nickname). 3) You are a masochist.

Inzwischen hat sich die Situation ein wenig gebessert. Erste LINUX-Distributionen bieten Pakete an, die man über das Paketmanagement einfach installieren lassen kann, so daß man sich um den ganzen Abhängigkeitsscheiß nicht selber kümmern muß. Dazu gehören im Moment Arch Linux, FreeBSD, Gentoo und NixOS. Wer dies später liest, kann in Erkans Wiki nachlesen, welche Distro eventuell dazu gekommen ist. Darüber hinaus gibt es weitere Pakete zum selber herunter laden und installieren für openSUSE, SLE, Fedora, Centos Debian und Windows, die auf der Twister-Homepage verlinkt sind. Auch hier lohnt sich immer wieder nachzusehen.

Für die Mehrzahl der potentiellen User düften die Pakete für Windows interessant sein. Neben denen von @shift gibt es die Windows-Pakete von Denis, die mich zum Schreiben dieses Artikel inspiriert haben. Die technische Schwelle Twister zu benutzen, hat sich inzwischen beachtlich verringert.



Bevor ich etwas dazu schreibe, warum man von Twister enttäuscht sein könnte und warum man es abgesehen vom schon Gesagten trotzdem benutzen sollte, komme ich nicht umhin, etwas zu "2) You are an early adopter (who wants to reserve your nickname)" anzumerken.

Wenn man über die eingebaute Twister-Suche nach anderen Usern sucht, oder vielleicht checken will, welche Nicks noch nicht in Verwendung sind, kann man sehr wütend werden. Irgendwelche Arschlöcher haben alle möglichen Namen angelegt und für sich gesichert, ohne diese tatsächlich zu nutzen. Das sind z.B. sehr viele Markennamen, Namen von VIPs, aber auch gängige Begriffe, wie sie z.B. SEO-Vollpfosten einfallen können. Glaubt Ihr allen Ernstes, daß Euch z.B. Lady Gaga oder die Deutsche Bank diese Accounts abkaufen werden? Ich wünsche Euch von tiefsten Herzen, daß Ihr genau so verklagt werdet, wie es zu Zeiten der Goldgräberstimmung bei der Vergabe von WWW-Domains der Fall war. Einen Joker hab Ihr natürlich in der Hand. Ihr könnt die zu diesen Accounts gehörenden privaten Schlüssel (Secret Keys) vernichten, so daß diese Accounts niemals von irgendwem genutzt werden können. Vernichtet sie gut, so daß man sie aus Euch nichtmal rausfoltern könnte. Viel Spaß!

Womöglich kommen die Entwickler diesen Squattern zuvor, indem das Anlegen von Accounts hardwaremäßig erschwert und das gesamte Netzwerk in einen Anfangsstatus zurück versetzt wird.

Als Info kann jeder Nichtbetroffene mitnehmen, daß Twister gewisse Eigenarten hat. Ein verlorener Account ist für immer verloren. Wenn der private Schlüssel weg ist, der den Stellenwert eines Paßwortes hat, ist der Account auch weg. Er existiert zwar bis in alle Ewigkeit, ein Zugriff ist jedoch nicht mehr möglich.

Eine weitere Eigenart besteht darin, daß es nicht möglich ist, einmal abgeschickte Nachrichten (Twists) zu löschen. Bei Twitter ist dies leider möglich, sonst hätte man schon so manchen bezahlten Troll überführen und vielleicht sogar der Justiz zuführen können.

Manchmal ist es ärgerlich, wenn man aus Versehen Mist abgeschickt hat, aber das macht Twister sehr transparent und bis jetzt hatte noch niemand ein ernsthaftes Problem damit. Trotzdem dran denken! Vielleicht führt dies sogar zu etwas gesitteterem Verhalten.

Wer darüber nachdenken möchte, inwiefern sich solche P2P-Netzwerke verselbständigen könnten, dem empfehle ich den Artikel von Primavera De Filippi auf Wired: Tomorrow's Apps Will Come From Brilliant (And Risky) Bitcoin Code.



Warum man/frau von Twister enttäuscht sein kann, aber nicht sein sollte, ist wie die Frage nach meinen Gründen, warum ich Twitter nicht in die Tonne treten kann, so gern ich das sofort täte.

Auf Twister gibt es noch zu wenige Meta-Links. NGOs und Aktivisten machen kaum Anstalten, Twister zu benutzen, weil sie dort anders als auf Twitter nur ein kleines, dafür aber um so netteres Häuflein erreichen. Das ist mit GNUsocial übrigens ähnlich, obwohl es dort tatsächlich ein paar Leute mehr sind. Aber NGOs und Aktivisten und erst Recht Medien denken nunmal strategisch. Daraus ergibt sich eine schöne und ärgerliche Self Fulfilling Prophecy: Niemand ist auf Twister, weil dort niemand ist.

Oder alle sind auf Facebook und nicht auf Diaspora, weil dort alle sind. Alle sind auf Twitter weil... Nun, ich bin nur deshalb auf Twitter, weil ich dort viele Nachrichtenquellen habe, die es anderswo nicht gibt. Das sind neben NGOs, Aktivisten und ein paar Leute, die ich mich nicht zu entfolgen getraut habe, Arbeitsgruppen und Journale aus dem Bereich von Umweltwissenschaft und Umweltmedizin. Wie bringe ich die Environmental Health Perspectives, Pete Myers, Helen Caldicott, Riki Ott oder Jonathan Latham dazu, statt oder neben Twitter auch Twister zu benutzen? Wie sollte ich das denen begründen?

Manchmal träume ich von einer Katastrophe oder irgend was nicht ganz so Schlimmes, aber schlimm genug, so daß Twister als einziges noch brauchbares soziales Netzwerk übrig bleibt. Wenn man Twister abschalten wollte, müßte man nämlich das Internet abschalten. Blockieren kann man es nicht so ohne weiteres, vor allem nicht alle Twister-User weltweit gleichzeitig. Das heißt, es gehört auch zu den Eigenarten von Twister, ein sehr widerspenstiges, schwer kontrollierbares Netzwerk zu sein. Ist das nicht schon Grund genug, Twister zu benutzen, selbst wenn zur Zeit außer ein paar netten Leuten noch kein mit Twitter vergleichbarer Content vorhanden ist?

Warum all seine Daten kommerziellen Firmen anvertrauen? Ist es nicht politisch geboten, Twister zu benutzen?

Es gibt noch einen Grund, Twister schon jetzt zu benutzen:

Je mehr Menschen auf Twister aktiv sind, desto mehr Feedback bekommen die Entwickler, die selbst im Netzwerk und somit auf Augenhöhe mit den Usern unterwegs sind. Je mehr Feedback die Entwickler bekommen, desto mehr hilft dies Ihnen, das Netzwerk weiter zu entwickeln. Außerdem findet sich so der ein oder andere neue Entwickler, der etwas beitragen kann. Man muß jedoch kein Entwickler sein. Das Netzwerk einfach nur benutzen ist auch schon ein Beitrag. Twister muß einer größeren Nutzerzahl gewachsen sein, warum also nicht ein bißchen Versuchskaninchen spielen und auf diese Art mithelfen?

Wer eine gute Idee für ein Feature hat, kann sie vorschlagen, selbst wenn er oder sie diese nicht selber umsetzen kann. Was denkt Ihr, wie Twitter groß geworden ist? Das Retweeten und selbst die Hashtags wurden von den Usern und nicht von den Machern erfunden. Also bitte Twister installieren oder komplilieren und einfach Hallo sagen. Es spricht nichts dagegen, die Rosinen aus anderen Netzwerken da nochmal zu posten. Außerdem gibt es auch auf Twister immer wieder Content, den ich in anderen Netzwerken nicht gesehen habe.



Ein paar Tipps zum Abschluß:

Wenn Ihr Twister installiert habt und einen Accoumt einrichtet, kann es eine ganze Weile dauern, bis dieser vom Netzwerk akzeptiert wird und funktioniert. Werdet nicht ungeduldig, selbst wenn es mal länger als eine Stunde dauern sollte. Sichert auf jeden Fall den Sekret Key (die lange Zeichenfolge).

Erwartet keine Wunder, wenn ihr im Netzwerk seid. Es ist erstmal gar nichts los. Viel zu viele richten einen Account ein, schicken einen Twist ab, auf den vielleicht niemand reagiert und danach wird Twister zu gemacht und nie mehr gestartet. Das ist schade, zumindest für Euch.

Wie finde ich aber andere User zum Folgen? Im Prinzip muß man nur einen finden der aktiv ist und bei dem oder der nachsehen, wem sie oder er folgt. Am Anfang ruhig allen folgen, damit die eigene Timeline schnell zum Leben erwacht. Später kann man aussortieren, vor allem alle inaktive Accounts raus schmeißen. Ich habe mit Twister angefangen, ohne irgend wen zu kennen. Ich habe erst später einige von denen auch in anderen Netzwerken gefunden. Anfangs habe ich mit der Suche rumgespielt, indem ich Buchstabenkombinationen eingab und mir viele der Accounts ansah, deren Namen vom Autocomplete angeboten wurden. So fand ich die besten Leute, machte aber auch schnell mit den Squatter-Ärschen Bekanntschaft. Inzwischen gibt es neben der Timeline eine Spalte "Who to follow". Mit dieser geht es noch schneller als mit meiner anfänglichen Methode.

Jeder kann gerne bei mir Leute zum Folgen klauen. Ich bin auch auf Twister @VegOs (das vegane Betriebssystem, falls jemand fragt).

Twister findet man auf GitHub unter https://github.com/miguelfreitas. Neben der Diskussion im Netzwerk kann jeder zusätzlich über den Bugtracker Vorschläge einreichen. Mit TwisterIO gibt es eine externe Suchmaschine, mit der man das Twister-Netzwerk von außen durchsuchen kann. Besser selber drin sein!

Mo 27. Jul 18:03:20 CEST 2015
Mittlerweile gibt es ein zweite Suchmaschine: Twistnik



Ich danke @Erkan (Twister @erkan_yilmaz) für seine Unterstützung beim Schreiben dieses Artikels.


Meta: , , , , , , , , , , , ,

Erstellt: 15.01.2015 14:58
Geändert: 30.09.2015 19:41
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=134

GNUsocial z.B. quitter