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Nick Hanauer: Steuern für Reiche erhöhen, um die wahren Job-Erzeuger zu belohnen

03.12.2011 19:54

Autor Nick Hanauer für © Bloomberg Businessweek, 1. Dezember 2011
Übersetzung: BrunO

Das US-Finanzministerium im Washington, D.C. © Foto: zieak CC: by via flickr, Note 1++ 

Es ist ein Lehrsatz des amerikanischen ökonomischen Glaubens und ein Kredo für die Republikaner, das von den Demokraten selten angefochten wird: Wenn man die Steuern für die Reicher erhöht, entstehen weniger neue Arbeitsplätze.

Das Problem ist nur, daß manche Dinge, die wir für wahr halten, absolut falsch sind. Beispielsweise waren sich die Menschen die meiste Zeit in der Geschichte sicher, daß die Sonne um die Erde kreist und daß wir der Mittelpunkt des Universums wären. Weder tut sie dies, noch sind wir es. Die herkömmliche Weisheit, nach welcher Reiche und Unternehmen die “Job-Erzeuger” unserer Nation wären, ist alles in allem genau so falsch.

Ich bin eine sehr reiche Person. Als Unternehmer und Wagniskapitalgeber habe ich dutzende von Firmen gegründet oder ihnen geholfen, auf die Beine zu kommen. Dazu gehörten Branchen wie Produktion, Handel, Gesundheitsdienst, Internet und Software. Ich habe die Internet Mediengesellschaft aQuantive Inc. gegründet, die 2007 von Microsoft für 6,4 Milliarden Dollar erworben wurde. Ich war auch der erste außer-familiäre Investor bei Amazon.com Inc.

Trotzdem bin ich nie ein “Job-Erzeuger” gewesen. Ich kann es mir leisten, mit einer großartigen Geschäftsidee anzufangen und gleich Dutzende oder Hunderte Menschen einzustellen. Doch wenn sich niemand das leisten kann, was ich zu verkaufen habe, wird mein Unternehmen schnell bankrott gehen und die Jobs lösen sich in Luft auf.

Deshalb kann ich aus Überzeugung sagen, daß weder reiche Leute noch große oder kleine Unternehmen Jobs erzeugen. Was zu mehr Beschäftigung führt ist die Rückkopplung zwischen Kunden und Unternehmen. Und nur die Verbraucher können einen echten Kreislauf in Gang setzen, der es Unternehmen erlaubt, zu überleben und zu gedeihen und Unternehmensinhabern, Personal einzustellen. Ein gewöhnlicher Mittelklasse-Verbraucher ist weit mehr ein Job-Erzeuger, als ich es jemals war oder sein werde.

Die Evolutionstheorie

Wenn Geschäftsleute das Verdienst beanspruchen, Jobs zu generieren, ist das so als ob Eichhörnchen das Verdienst für die Evolution beanspruchen würden. Tatsächlich gilt das Gegenteil.

Zweifelsohne ist es wahr, daß es ohne Unternehmer und Investoren keine dynamische und wachsende kapitalistische Wirtschaft geben kann. Doch genau so wahr ist es, daß es ohne Verbraucher keine Unternehmer und Investoren geben würde. Und je mehr glückliche Verbraucher mit viel verfügbarem Einkommen wir haben, desto besser werden unsere Geschäfte laufen.

Deshalb ist die aktuelle Politik so verkehrt. Wenn die amerikanische Mittelklasse ein Steuersystem verteidigt, in dem sich der Löwenanteil der Gewinne bei den Reichsten anhäuft, immer im Namen der Schaffung von Arbeitsplätzen, hat das immer zur Folge, daß die Reichen reicher werden.

Und genau so ist es die letzten 30 Jahren in den USA gelaufen.

Seit 1980 ist der Anteil am Nationaleinkommen für “Bonzen” wie mich in den oberen 0,1 Prozent um erschreckende 400 Prozent gestiegen, während der Anteil für die unteren 50 Prozent der Amerikaner um 33 Prozent gesunken ist. Gleichzeitig sank der effektive Steuersatz für die Superreichen 2007 auf 16,6 Prozent, im Vergleich zu 42 Prozent während des Höhepunkts der US-Produktivität in den frühen 60’er Jahren und ca. 30 Prozent während des Wachstums in den 90’ern. In meinem Fall bedeutet dies, daß ich dieses Jahr einen Steuersatz von 11 Prozent auf ein achtstelliges Einkommen gezahlt habe.

Ein Grund, warum diese Politik so fehlgeleitet ist besteht darin, daß es nie genug superreiche Amerikaner geben wird, um eine große Ökonomie aufrecht zu erhalten. Das jährliche Verdienst von Leuten wie ich ist hundert, wenn nicht tausend mal höher als das des durchschnittlichen Amerikaners, doch wir können nicht hundert oder tausend mal mehr Zeugs kaufen. Meine Familie besitzt drei Autos, nicht drei Tausend. Ich kaufe ein paar Hosen und ein paar Hemden im Jahr, so wie die meisten Amerikaner. Wie jeder gehe ich gelegentlich mit Familie und Freunden zum Essen aus.

Es stimmt, wir geben sehr viel mehr als die durchschnittliche Familie aus. In der Tat ist unser Flugzeug der eine wirklich teuere Bilanzposten in unserem Budget (das nebenbei bemerkt in Frankreich von Dassault Aviation SA hergestellt wurde), und diese jährlichen Kosten sind überwiegend dem Treibstoff (aus dem nahen Osten) geschuldet. Es ist nahezu verrückt zu glauben, daß irgend etwas davon unserer Ökonomie mehr nützen würde, als mehr Lehrer oder Polizeibeamte einzustellen oder in unsere Infrastruktur zu investieren.

Es wird mehr Kundschaft gebraucht

Ich kann nicht genug von allem kaufen um den Fakt auszugleichen, daß Millionen arbeitslose oder unterbeschäftigte Amerikaner sich keine neuen Anziehsachen kaufen oder groß Essen gehen können. Oder um den abnehmenden Konsum von zig Millionen Mittelklasse-Familien wett zu machen, die unter den sich immer höher schraubenden Kosten ächzen, in diesen ertrinken und in stagnierenden oder sinkenden Löhnen gefangen sind.

Wenn die amerikanische Durchschnittsfamilie immer noch über den selben Einkommensanteil wie 1980 verfügen würde, hätten sie pro Jahr erstaunliche 13.000 Dollar mehr in ihren Taschen. Es lohnt sich inne zu halten um darüber nachzudenken, wie unsere Ökonomie heute aussehen würde, wenn Mittelklasse-Konsumenten dieses zusätzliche Einkommen ausgeben könnten.

Es ist mathematisch unmöglich genug in unser Ökonomie und unser Land zu investieren und die Mittelklasse (unsere Kunden) zu unterstützen, ohne die oberen 1 Prozent wieder in vernünftigem Umfang zu besteuern. Die Last von den 99 Prozent zu den 1 Prozent zu verlagern ist der sicherste und beste Weg, unsere auf Konsumenten basierte Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen.

Eine signifikante Steuererhöhung für jene von uns aus den oberen 1 Prozent, deren Gesamteinkommen 1,5 Billionen übersteigt, könnte hunderte Milliarden Dollar zur Investition in unsere Wirtschaft freigeben, anstatt daß sich diese wie eine große Verstopfung unseres nationalen Wirtschaftskreislaufes auf ein paar wenigen Bank-Konten ansammeln.

Bedenken wir, daß beispielsweise eine mickrige 3 Prozent Zusatzsteuer auf Einkommen über einer Million Dollar ausreichen würde, um die aktuelle Lohnsteuersenkung aufrecht zu erhalten und über den Dezember hinaus zu verlängern, was den durchschnittlichen Arbeiter – zum für die Wirtschaft ungünstigsten Zeitpunkt – vor einer Steuererhöhung von Tausend Dollar bewahren würde. Mit ein paar wenigen Pfennigen pro Dollar könnten wir in den Neubau von Schulen und in die Infrastruktur investieren. Und selbst wenn wir eine Zusatzsteuer für Millionäre einführen und die Steuerkürzungen der Bush-Ära für die dort oben zurücknehmen würden, wären die Steuern für die reichsten Amerikaner immer noch historisch niedrig und ihre Einkommen wären immer noch astronomisch hoch.

Das hatten wir während den letzten dreißig Jahren. Reiche Geschäftsleute wie ich erzeugen keine Jobs. Das machen die Verbraucher der Mittelklasse und wenn es ihnen gut geht, wachsen US-Unternehmen und Profite. Deshalb ist die Besteuerung der Reichen zur Finanzierung von Investitionen von denen alle etwas haben ein großer Deal für beide, für die Mittelklasse und für die Reichen.

Machen wir den wahren Job-Erzeugern ein Steuergeschenk. Besteuern wir die Reichen, wie wir es früher taten und setzen wir das Geld dazu ein Wachstum zu fördern, indem wird die Kaufkraft in die Hände der Mittelklasse zurück geben. Und erinnern wir uns daran, daß Kapitalisten ohne Kunden aus dem Geschäft sind.


(Nick Hanauer ist einer der Gründer von Second Avenue Partners, einer Riskiokapital-Gesellschaft in Seattle, die sich auf Startups in der Anfangsphase und auf neue Technologien spezialisiert hat. Er hat geholfen, mehr als 20 Firmen auf die Beine zu stellen, zu denen aQuantive Inc. und Amazon.com gehören und er ist Mitautor zweier Bücher “The True Patriot” [Der wahre Patriot] und “The Gardens of Democracy.” [Die Gärten der Demokratie]. Er bringt hier seine persönliche Meinung zum Ausdruck.)


Copyright: Bloomberg Businessweek

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung.
Bitte beachten: Für diese Übersetzung gilt das Lizenzmodell dieses Blogs ausdrücklich nicht!

Quelle des Original-Artikels: Raise Taxes on Rich to Reward True Job Creators: Nick Hanauer


h3. Update, 17.05.2012:

Mittlerweile trägt Nick Hanauer den Inhalt dieses Artikels in einem TED-Video persönlich vor, falls Sie Englisch üben wollen:

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Erstellt: 03.12.2011 19:54
Geändert: 17.05.2012 22:42
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=55

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