Initiative Pro Netzneutralität

Eine Anthropologin erforscht Anonymous

07.02.2012 19:20

Bei diesem Text handelt es sich um eine Zusammenfassung eines längeren Essays, den ich vielleicht eher hätte übersetzen sollen. Allerdings würde mir das JobCenter diese lange Arbeit kaum bezahlen. Die Übersetzung hat zugegebenermaßen Schwächen bei den Michel de Certeau Zitaten. Die französischen Originalpassagen habe ich (Dank Leistungsschützer) nicht gefunden und eine Übersetzung einer Übersetzung wird selten gut.

Autor: Nathan Schneider, 31. Januar 2012
Übersetzung: BrunO


© Foto: glasseyes view CC: by-sa via flickr 

Occupy Frühling: Ist Anonymous unsere Zukunft?

das geheimnisvolle internet-basierte Kollektiv Anonymous hat, den Göttern sei es gedankt, eine Anthropologin in seinen Reihen. Bereits seit einigen Jahren nimmt Gabriella Coleman die Anstrengungen der teilnehmenden Beobachtung in IRC-Chatrooms auf sich und verfolgt, wie sich Anonymous vom Namen einer Troll-Figur zu einer Schar von Hütern der globalen Gerechtigkeit entwickelt. In einem außergewöhnlichen Essay auf Triple Canopy, “Our Weirdness Is Free” (Unsere Abgedrehtheit gibt es umsonst dazu) faßt sie zusammen, was es mit Anonymous auf sich hat:

Außer dem grundsätzlichen Bekenntnis zur Anonymität und zum freien Fluß von Informationen besitzt Anonymous keine einheitliche Philosophie und kein politisches Programm. Obwohl Anonymous bei zahlreichen “Ops” (Operationen) seine Kräfte für digitalen Dissent und direkte Aktionen eingesetzt hat (und dafür bekannt wurde), verfolgen sie keine bestimmte Linie. Manchmal neckisch und verspielt, manchmal makaber und düster, oft alles zugleich, lebt Anonymous immer noch von einem kollektiven Bestreben nach Unfug – nach “Lulz”, einer pluralisierten Verballhornung des Kunstwortes LOL (laugh out loud/Brüllen vor Lachen). Lulz ist sowohl eine Einstellung als auch ein Ziel.

Je mehr ich über Anonymous erfahre, insbesondere angesichts der offline Praxis vor Ort im Rahmen der Occupy-Bewegung, desto mehr frage ich mich, ob es sich hier nicht um eine kleine Vorausschau auf die Zukunft handelt, die uns allen bevorsteht.

Aus folgendem Grund: In den letzten paar Jahren, als sich die Anons durch ihre Operationen zu Scientology, Wikileaks und zum arabischen Frühling – unbeabsichtigt – in die Politik lulzten, verwandelte sich die Lulz-Einstellung zu einem Betriebs-Modus, der eine Bewegung aufbaute. Und es handelt sich um eine Bewegung, die den Mächtigen eigenartig furchteinflößend erscheint, das reicht von Weltkonzernen bis zu den Regierungen der Großmächte, trotz (oder vielleicht wegen) der offensichtlichen Strukturlosigkeit der Anons und vielleicht in Überschätzung ihrer tatsächlichen Fähigkeiten.

Politische Operationen entstehen oft völlig planlos. Oft fehlt es an einer durchdachten Strategie; taktisch operiert Anonymous nach Prinzipien, die der französische Jesuiten-Denker Michel de Certeau vorgeschlagen hat. “Weil die Taktik keinen Ort hat, hängt sie von der Zeit ab – sie ist immer auf der Lauer nach Gelegenheiten, die man ‘im Vorbeirennen’ ergreifen muß”, schreibt er in The Practice of Everyday Life [Deutscher Titel: Die Kunst des Handelns](1980). “Was sie gewinnt, behält sie nicht. Sie muß die Ereignisse fortwährend manipulieren, um ‘Gelegenheiten’ aus ihnen zu machen. Die Schwachen müssen sich fortwährend an die mit ihnen verbündeten [Lücken der Macht] wenden.“1) Dieser Ansatz kann leicht in ziellose Operationen übergehen und die Stärke des Kollektivs zersetzen. Doch das Handeln “im Vorbeirennen” gibt der lockere Struktur Stärke, was den Anons einen (jedoch nur vorübergehenden) Vorteil gegenüber traditionellen Einrichtungen verschafft, die nach festen Regeln funktionieren – Unternehmen, Staaten und politische Parteien.

1) Es geht hier nicht um das Handeln einzelner Subjekte, sondern um die sogenannte Schwarmintelligenz. Das Handeln von Menschengruppen funktioniert oft sogar ganz ohne sprachliche Verständigung.

Das hat erstaunliche Ähnlichkeit mit der Aktivisten-Bewegung “diversity of tactics” (Vielfalt der Taktiken), welche der Occupy-Bewegung voraus ging und Wert darauf legte, Geschicklicheit und Dezentralisierung zu fördern (aber auch weitgehende Duldung “schwarzer Blöcke” maskierter Mitstreiter). Doch Anonymous’ Allergie gegenüber einheitlicher Planung beschränkt sich nicht auf Taktik; sie reicht bis zur Gesamtstrategie und sogar bis zum Endzweck. Coleman führt weiter aus:

Obwohl Anonymous keinen programmatischen Plan zum Sturz von Institutionen oder zur Änderung ungerechter Gesetze ausgegeben hat, erscheint durch Anonymous deren Umgehung einfach und wünschenswert. Für jene, welche sich die Guy Fawkes Maske aufsetzen, die man mit Anonymous in Verbindung bringt, steht diese – und nicht das kommerzialisierte, “transparente” soziale Facebook Netzwerk – für die Verheißungen des Internets und bedeutet, Kollektivismus dem Individualismus vorzuziehen.

In der Tat kennzeichnet Anonymous eine Wertschätzung des Kollektives, was Aufständen von Lagos bis Bukarest Kraft gibt: Die aktuellen Regierungen sind kaum in der Lage, den Bedürfnissen nach Freiheit und Kollektivität nachzukommen, die wir im globalisierenden digitalen Zeitalter haben. Der Grund, warum sowohl Anonymous als auch Occupy Wall Street keinen “programmatischen Plan” verfolgen, den bestehende Institutionen aufgreifen könnten besteht darin, daß es keinen gibt. Oder anders gesagt, die Bewegungen selbst stellen ihren eigenen programmatischen Plan dar, parallele Institutionen ihrer selbst.

Etwas, das mich in den ersten Wochen von Occupy Wall Street erstaunt hat, als sich die Bewegung mit “Besetzungen” über das ganze Land und die Welt ausbreitete war die Tatsache, daß sie sich so sehr ähnelten; für alle war Demokratie die Grundlage der politischen Legitimität, sie rühmten sich dezentralisierter, horizontaler Strukturen und lehnten die Betonung persönlicher Verdienste und persönlichen Imagegewinn ab. Woher haben die Menschen in ganz Amerika und der Welt so schnell gewußt, wie wie Occupying geht? Daß sie dafür fit waren kann man zumindest partiell mit den Veteranen der globalen Gerechtigkeitsbewegung von vor zehn Jahren erklären, die in Scharen zu den Occupyern strömten. Doch bestimmt waren für die jüngeren Occupyer die Erfahrungen, welche sie mit Anonymous und ähnlichen Gruppen online gemacht haben, ein noch bedeutenderer Einfluß.

Coleman erklärt die Ähnlichkeiten:

Eine der stärksten Gesten von Occupy Wall Street war es, seinen radikal demokratischen Entscheidungsprozeß, der in den Plenen der Generalversammlung [Auf Deutsch: Asamblea] sichtbar wurde, der regierenden Unternehmens-Kleptokratie [Merkel: marktkonforme Demokratie] entgegen zu stellen. Obwohl diese Art des Horizontalismus eine umfangreiche Geschichte mit vielen Wurzeln hat, stimmt diese formale Struktur teilweise sehr stark mit dem politischen Streben von Anonymous überein. Und die Organisationsstruktur von Anonyous ist nicht nur radikal, demokratisch (und zeitweise chaotisch und anarchisch), sondern sie folgt auch dem Konzept strenger Anonymität, die hier als Kollektivität in Erscheinung tritt. Die Anhäufung von zu viel Macht und Prestige – insbesondere an einem einzigen (virtuellen) Ort – ist nicht nur tabu, sondern funktional sehr schwierig. Die anhaltende Wirkung von Anonymous mag genau so viel mit der Ermöglichung von alternativem gesellschaftlichem Handeln zusammen hängen – das den ideologischen Gegensatz zwischen Individualismus und Kollektivismus umstülpt – und mit den Angriffen auf monolithische Banken und nachlässige Sicherheitsfirmen.

Wie Mary King schon so oft in ihren Kolumnen auf Waging Nonviolence betonte, hat die Form welche eine Bewegung annimmt einen großen Einfluß auf die Gesellschaft, die nach ihr entsteht, besonders wenn die Bewegung einen gewissen Erfolg hat. Die Beschäftigung mit Ablauf und interner Kultur von Anonymous wie auch der Occupy-Bewegung ist zurecht sehr spekulativ. Dies wissend versuche ich auf
harpers.org aus Texten die von zahllosen Occupy-Versammlungen angenommen wurden zu extrapolieren, wie ein postrevolutionärer Occupy-Planet aussehen könnte.

Für jene Probleme, mit denen sich die Bewegung auseinandersetzt, sehe ich keine schnellen und einfachen Flickschusterlösungen der Legislative, Exekutive oder Judikative. Stattdessen bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß der bleibende Beitrag der Bewegung etwas im Kern sehr viel anspruchsvolleres sein könnte: ein vollständiges Umdenken des politischen Lebens, was eher mit der Verbreitung der Deklaration der Menschenrechte im revolutionären Frankreich und mit dem Aufkommen des Bürgertums vergleichbar ist, als etwa mit der Einführung einer Transaktionssteuer oder der Aufhebung des Citizens United Urteils.

Machen Sie sich also darauf gefaßt. In der Zwischenzeit können Sie sich noch schnell zu Colemans Essay auf Triple Canopy(engl.) klicken.


Der Original-Artikel Is Anonymous our future? wurde unter der Creative Commons Lizenz: By-sa veröffentlicht. Für diese Übersetzung gilt das Lizenzmodell dieses Blogs.


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Erstellt: 07.02.2012 19:20
Geändert: 07.02.2012 19:20
URL: http://blog.ufocomes.de/index.php?id=80

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